Wegen Coronakrise: Arbeitslosigkeit in Österreich explodiert

Die Quote springt im Nachbarland auf 13 Prozent. In der Schweiz beträgt sie 3 Prozent. Steht unser Land wirklich besser da – oder kommt das dicke Ende noch?

Niklaus Vontobel
Drucken
Teilen
Die grosse Leere: Der Tourismus ist auch in Österreich vom Virus betroffen.

Die grosse Leere: Der Tourismus ist auch in Österreich vom Virus betroffen.

Barbara Gindl / APA/APA

Wie hoch wird die Arbeitslosigkeit in der Schweiz noch steigen in der Coronakrise? Zu dieser Frage wird diese Woche vom Staatssekretariat für Wirtschaft ein wichtiges Signal geliefert. Das Seco veröffentlicht morgen die Arbeitslosenzahlen für den April. Bereits zuvor kam jedoch ein beunruhigendes Vorzeichen aus Österreich.

Im Nachbarstaat ist die Arbeitslosenquote in die Höhe geschnellt. Ende April betrug sie rekordhohe 12,8 Prozent. Vor Ausbruch der Krise waren es noch 7,4 Prozent. Damit sind nun über eine halbe Million Menschen in Österreich ohne Arbeit. Ein «historischer Höchststand», ein «trauriger Rekord in der Zweiten Republik» sei dies, hiess es im «Kurier». Das Boulevardblatt «Kronenzeitung» beklagte eine «Hiobsbotschaft vom Arbeitsamt».

Des Bundeskanzlers Eigenlob wirkt nun reichlich verfrüht

Dabei setzt auch Österreich in der Coronakrise auf Kurzarbeit. Wie in der Schweiz soll dieses Instrument möglichst viele Jobs erhalten. Nicht der Betrieb muss mehr die Löhne stemmen. Sondern die Arbeitslosenversicherung springt vorübergehend ein. Auf diese Weise konnte Österreich wie auch die Schweiz schon in der Finanzkrise ihre Jobs und Arbeitnehmer schützen – und so den Einbruch abmildern.

Österreich hatte noch einen Vorteil. Bundeskanzler Sebastian Kurz konnte das Land recht früh aus dem Lockdown herausführen. «Wir sind besser durch die Krise gekommen, als viele andere Länder, und der Grund dafür sind Sie alle», lobte Kurz sich selber und die über 8 Millionen Österreicher. Nun wirkt das Eigenlob verfrüht.

Wie konnte es geschehen, dass ein erfolgreiches europäisches Land wie Österreich auf eine derart hohe Arbeitslosenquote von 12,8 Prozent kommt? In der Schweiz stand die Quote im März bei 2,9 Prozent. Von österreichischen Zuständen scheinen die Schweiz ganze Welten zu trennen. Doch das Bild trügt. Die offiziellen Zahlen führen bei Ländervergleichen in die Irre.

Wenn man internationale Vergleiche anstellt, gilt überspitzt gesagt: In Österreich wird die Welt vom nationalen Arbeitsamt zu schlecht gemacht, in der Schweiz hingegen zu schön. Als vergleichbare Zahlen gelten jene, die gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) erhoben werden. Österreichs Zahlen liegen stets über den ILO-Zahlen, die Schweiz stets darunter.

Dieses Auseinandergehen hat nichts zu tun mit nationalen Vorlieben. Es erklärt sich mit prosaischen Differenzen in der Messmethode. In der Schweiz zählt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) jene Personen als arbeitslos, die bei den Arbeitsvermittlungszentren registriert sind. Jugend- und Langzeitarbeitslose sind oft nicht registriert. Von der ILO werden sie erfasst. In Österreich sind bei Arbeitsamt auch Personen als arbeitslos registriert, die nicht aktiv nach einem Job suchen. Von der ILO wird man ohne dieses Suchen nicht gezählt.

Vor der Krise lagen die Schweiz und Österreich fast gleichauf, wenn man die ILO-Zahlen anschaut. Im Jahr 2019 hatte mal der eine, dann der andere die tiefere Arbeitslosenquote. Zuletzt lag diese in Österreich bei 4,2 Prozent, in der Schweiz bei 3,9 Prozent. Ob dieser Gleichstand auch in der Krise anhält, dazu liegen noch keine Zahlen vor.

Der Ausbau der Kurzarbeit kam wohl etwas zu spät

Werden die Schweiz und Österreich bald beide wesentlich höhere Arbeitslosenquoten haben, egal wie gemessen wird? Kann auch die Kurzarbeit dies nicht verhindern? Heute lässt sich zumindest schon sagen: Die Arbeitslosenquote von 12,8 Prozent überzeichnet die Situation in Österreich etwas.

Denn der Anstieg erklärt sich laut Experten auch damit: Im April war für den Bau sowie für Hotels und Restaurants das Saisonende. In diesen Branchen ist es weitverbreitet, sich danach in die Arbeitslosigkeit zu verabschieden. Startet im Sommer die Saison wieder, wenn auch mit Restriktionen, dann wird die Arbeitslosigkeit wohl zurückgehen.

In Österreich könnte die Kurzarbeit weniger gut gewirkt haben als in der Schweiz. Wie der Arbeitsmarktökonom Helmut Hofer erklärt, war die genaue Ausgestaltung der Kurzarbeit teils wenig bekannt zu Krisenbeginn. Nur die Industrie hatte Erfahrung damit, der Servicesektor kaum. Wie in der Schweiz wurde die Kurzarbeit massiv ausgebaut  – vielleicht etwas zu spät. So oder so dürfte die Kurzarbeit weit Schlimmeres verhindert haben. 1,2 Millionen Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit, etwa ein Drittel von allen Arbeitnehmern.

In der Schweiz wäre ohne Kurzarbeit wohl Folgendes passiert: Bis zum Sommer hätten bis zu 550'000 Personen ihre Arbeit verloren. Das hat die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich errechnet. Die Arbeitslosenquote gemäss ILO wäre bei ungefähr zehn Prozent zu liegen gekommen. Wie hoch sie nun trotz Kurzarbeit steigen wird, muss sich zeigen.

Mehr zum Thema