Arbeitslosigkeit steigt stark an: Pro Tag kommen 2000 Personen hinzu

Im März stieg die Arbeitslosigkeit wegen der Coronakrise von 2,5 auf 2,9 Prozent. Gleichzeitig nehmen die Gesuche für Kurzarbeit weiter zu.

Daniel Zulauf
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Bereits im März hat die Coronakrise Spuren hinterlassen. So ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz auf 2,9 Prozent gestiegen.

Bereits im März hat die Coronakrise Spuren hinterlassen. So ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz auf 2,9 Prozent gestiegen.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Der «Lockdown» hat in der Schweiz zu einem markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. Seit dem 16. März, als der Bundesrat die Stilllegung weiter Teile des öffentlichen Lebens verfügte, sei die Arbeitslosenkurve steil nach oben geschossen, sagte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), am Dienstag an einer Telefonkonferenz.

Per Ende März belief sich die Zahl der registrierten Arbeitslosen auf 135'624 Personen. Das waren 17'802 mehr als im Monat davor. Die Arbeitslosenquote stieg im Monatsvergleich von 2,5 Prozent auf 2,9 Prozent. Derzeit würden rund 2000 Personen pro Werktag arbeitslos. Diese Zunahme ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Beschäftigung im Frühjahr mit der Wiederbelebung der Bautätigkeit und anderer saisonaler Aktivitäten typischerweise zunimmt. In verschiedenen Bergkantonen wie auch im Tessin war die Zunahme besonders stark ausgefallen. Zürcher vermutet, dass dies auch mit dem abrupten Ende der Wintersportsaison im Zusammenhang steht.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei in diesem Ausmass nicht zu erwarten gewesen, sagte Zürcher. Er rechnet mit einer beschleunigten Zunahme. Die Strategie des Bundesrates ziele darauf ab, Entlassungen zu vermeiden, die Beschäftigung zu stabilisieren und so die Kaufkraft der Bevölkerung möglichst zu erhalten, erklärte Zürcher. Ein zentraler Bestandteil dieser Strategie war auch die starke Lockerung der Bedingungen für Kurzarbeitsentschädigungen, wie sie der Bundesrat im März beschlossen hatte.

Entsprechend haben die Voranmeldungen der Betriebe auf Kurzarbeitsentschädigungen in kürzester Zeit riesige Dimensionen erreicht. Bis zum 6. April hätten 131'000 Betriebe mit insgesamt 1,45 Millionen Beschäftigten Kurzarbeit angemeldet. Das entspricht rund 28 Prozent aller Erwerbstätigen im Land. Im Tessin, das in Bezug auf die Ausbreitung des Coronavirus einen Vorsprung von etwa zehn Tagen auf die anderen Landesteile aufweist, arbeiteten am Montag 45 der Beschäftigten kurz.

Kurzarbeits-Gesuche für die Hälfte der Erwerbstätigen denkbar

Zürcher geht davon aus, dass die Voranmeldungen für Kurzarbeitsentschädigungen in den kommenden Tagen weiter zunehmen werden. Dass die Zahl der Gesuche ein Drittel aller Erwerbstätigen im Land erreiche sei «gut vorstellbar». Für den schlimmsten Fall eines länger andauernden generellen Lockdowns sei mit einer Quote von bis zu 50 Prozent zu rechnen.

Aus früheren Erfahrungen weiss man bei der Arbeitslosenversicherung, dass nicht jeder Betrieb, der Kurzarbeit anmeldet, diese tatsächlich auch bezieht. Bisher galt: um die Entschädigung tatsächlich zu erhalten, müssen die Unternehmen ihren Betrieb zuerst herunterfahren und die Löhne der Angestellten bis zur Abrechnung mit der Versicherung vorfinanzieren. So hatten im Rezessionsjahr nach der Finanzkrise Tausende von Betrieben mit insgesamt 151'000 Beschäftigten zunächst vorsorglich Kurzarbeit angemeldet. In Anspruch genommen wurde die Leistung schliesslich aber nur für 92'000 Beschäftigte.

In der aktuellen Krise dürfte die Quote der tatsächlich in Anspruch genommenen Leistungen aber weit höher liegen, denn viele Bedingungen, die den Unternehmen den Zugang zum Kurzarbeitsgeld in der Vergangenheit erschwerten, hat der Bundesrat unter Verweis auf die «ausserordentliche Lage» vorübergehend gestrichen.

Überschuss von 1,6 Milliarden Franken

Elf Jahre nach der Finanzkrise ist das Defizit in der Arbeitslosenversicherung verschwunden. Die Kasse schloss Ende 2019 mit einem Überschuss von 1,56 Milliarden Franken ab, nachdem sie 2009 und den Jahren danach ein Defizit von rund 9 Milliarden Franken erreicht hatte. Ein neuerlicher Rückfall tief in die roten Zahlen ist jedoch bereits jetzt überdeutlich absehbar. Unter der Annahme, dass die Kasse für 30 Prozent der bezugsberechtigten Gesamtlohnsumme von rund 30 Milliarden Franken im Monat eine Kurzarbeitsentschädigung von 80 Prozent zahlen muss, ergibt sich ein monatlicher Geldbedarf von über sieben Milliarden Franken.

Ziemlich genau so viel hat der Bund soeben in die Kasse gelegt, um deren Zahlungsfähigkeit zu erhalten. Die Kasse unterliegt einer Schuldenbremse. Übersteigt ihr Defizit 2,5 Prozent der anspruchsberechtigten Gesamtlohnsumme von 350 Milliarden Franken, muss sie mit Hilfe höhere Beitragssätze saniert werden. Nach dem jüngsten Mitteleinschuss des Bundes beträgt das Eigenkapital des Fonds nun rund acht Milliarden Franken, was für eine Fortsetzung der Leistungen im aktuellen Ausmass von zwei bis drei Monaten reicht. Zürcher betonte aber, der Bundesrat garantiere auch für die Zeit danach eine vollumfängliche Zahlungsfähigkeit des Fonds.

Allein die Rechnung der Arbeitslosenversicherung macht deutlich, wie hoch die wirtschaftlichen Kosten der Corona-Krise ausfallen werden. Und sie macht ebenfalls klar, dass der Rückbau der nun aufgebauten Schulden die Wirtschaft noch viele Jahre beschäftigen wird.

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