Frankreich
Arbeitslosigkeit treibt jährlich Hunderte in den Tod

Jedes Jahr gibt es in Frankreich wegen Jobverlusten Hunderte von Selbstmorden. Ein Mediziner zerreisst nun den Schleier über diesem Tabu.

Stefan Brändle, Paris
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Über 10 Prozent der Erwerbstätigen in Frankreich sind arbeitslos. Im Bild eine Arbeitsvermittlungsstelle in Marseille. KEY

Über 10 Prozent der Erwerbstätigen in Frankreich sind arbeitslos. Im Bild eine Arbeitsvermittlungsstelle in Marseille. KEY

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In Frankreich sind heute mehr als 3,5 Millionen Menschen beim Arbeitsamt eingeschrieben. Der Psychiater Michel Debout, Gerichtsmediziner an einem Krankenhaus in Saint-Etienne, erinnert nun in einem Buch namens «Der Traumatismus der Arbeitslosigkeit» (le traumatisme du chômage) daran, welche menschlichen Dramen hinter der Rekordarbeitslosigkeit stecken. Und wie dieser Umstand verdrängt wird. «Die Gesundheit der arbeitslosen Personen und die Auswirkungen der Joblosigkeit auf die Gesundheit bilden ein eigentliches Schwarzes Loch», schreibt Debout. So erfasse das französische Statistikamt Insee alle möglichen Aspekte des «chômage» (Arbeitslosigkeit) – ausser die gesundheitlichen.

«Ein Gefühl des Sterbens»

Debout beschreibt aus seiner klinischen Erfahrung sehr präzis, wie belastend ein Jobverlust ist. Eine Entlassung wecke «ein Gefühl des Zusammenbruchs, ja des Sterbens». Es folge ein Gefühl der Erniedrigung, gefolgt von posttraumatischen Symptomen wie Appetitverlust, Schlafmangel, Depressionen. Rachegefühle stellten sich ein, «vor allem, wenn das Unternehmen weiterhin grosse Gewinne macht», so Debout. Das fördere Schuldgefühle, die oft nur durch Alkohol oder Psychomittel gemildert würden. Alleinstehende isolierten sich noch mehr, Familien und Kinder litten psychisch wie auch finanziell.

So viele Arbeitslose wie nie

In Frankreich suchen 3 509 800 Menschen Arbeit. Diese neue Rekordzahl – noch nie waren in Frankreich mehr als 3,5 Millionen Menschen ohne Arbeit – wurde am Montagabend in Paris bekannt, nachdem die Arbeitslosigkeit im März um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat gestiegen war. In Frankreich sind damit 10,6 Prozent der Erwerbstätigen arbeitslos, mehr als doppelt so viele wie in Deutschland oder der Schweiz. (brä)

Michel Debout fordert die Regierung deshalb auf, die Arbeitslosigkeit nicht nur als ökonomisches, soziales und finanzielles, sondern auch als gesundheitliches Problem zu betrachten. Würde er sich damit durchsetzen, hätte das gewaltige Konsequenzen – was auch der Hauptgrund der Verdrängung sein dürfte. Erstens hiesse es, dass die herkömmlichen Lösungsansätze für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu kurz griffen: Liberale Ökonomen hätten nur die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit vor Augen und nähmen die sozialen Folgekosten davon aus, meint Debout; und die Gewerkschaften gehen nach seiner Meinung zu wenig auf die spezifischen Bedürfnisse der Joblosen ein, sondern ordneten sie allen Erwerbsfähigen unter.

Gesellschaftsvertrag bis zum Tod

Debout schwebt selber ein System vor, in dem jeder Bürger einen «Gesellschaftsvertrag» eingeht, der mit dem Berufseinstieg beginnt und bis zum Tod dauert. Arbeitet der Erwerbsfähige, gilt der normale Arbeitsvertrag; vor- und nachher greift aber dieser Gesellschaftsvertrag, mit Geltung für die Zeit der Ausbildung, Weiterbildung und Rente. Oder eben auch während der Arbeitslosigkeit, fügt Debout an: Während dieser Zeit erhalte der Betroffene Schutz von der Allgemeinheit; zugleich werde er aber auch für gemeinnützige Arbeiten eingesetzt.

Das sei auch mit Kosten verbunden, räumt Debout ein; diese seien aber unter dem Strich sicher tiefer als die einer Arbeitslosenversicherung, die auch die gesundheitlichen Schäden einbeziehe.