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ARBEITSMARKT: Bürostellen werden ausgelagert

Die grossen Schweizer Konzerne lagern diskret Dienstleistungsstellen in Günstiglohnländer aus. So kommt es, dass Sekretärinnen in Bratislava für einen Schweizer Chef arbeiten.
Auch wer einen Bürojob hat, muss heutzutage mit der Auslagerung seiner Funktion rechnen. (Bild: Getty)

Auch wer einen Bürojob hat, muss heutzutage mit der Auslagerung seiner Funktion rechnen. (Bild: Getty)

RAINER RICKENBACH

Der Elektronikkonzern ABB gab kürzlich bekannt, er werde wahrscheinlich in seiner Zürcher Zentrale Arbeitsplätze streichen. Er hat vor, rund 1 Milliarde Franken bei den Bürojobs der zentralen Dienste zu sparen. Die Arbeitnehmerorganisation Angestellte Schweiz sieht nach der massenweisen Auslagerung von Produktionsjobs eine unheilvolle Entwicklung mit den Dienstleistungsstellen auf die Schweiz zukommen. Ihr Sprecher Hansjörg Schmid fragt: «Was bleibt dann noch in der Schweiz? Für die Angestellten drohen schlechtere Zeiten anzubrechen.»

Lohnbuchhaltung in Polen

ABB ist kein Einzelfall. Zahlreiche Konzerne verschoben bereits Bürostellen von der Schweiz nach Osteuropa, in den Balkan oder nach Asien. «Das dürfte bei den meisten SMI-­kotierten Unternehmen der Fall sein, die global tätig sind», sagt Charles Donkor, Partner bei der Unternehmensberaterin PwC Schweiz.

Der Rückversicherer Swiss Re etwa beschäftigt Sekretärinnen für Schweizer Vorgesetzte in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Die Buchhaltung des Chemiespezialitäten-Herstellers Clariant führen Angestellte in Polen, und für die Lohnbuchhaltung von Sulzer sind ebenfalls ausgebildete Fachleute in Polen zuständig. Credit Suisse beschäftigt gemäss «Sonntagszeitung» in Breslau über 3500 Mitarbeitende in den Bereichen Informatik, Buchhaltung und Personalwesen. Zwei weitere Servicezentren betreibt sie in den indischen Städten Mumbai und Pune.

Die Grossbank UBS hat bereits 1300 Arbeitsplätze vom Hochlohnland Schweiz nach Krakau in Polen verlegt. Sie betreibt ein weiteres Servicezen­trum in Schanghai und plant zwei neue Zentren in Pune und Breslau. Die UBS hat vor, innert zweier Jahre 4000 Informatikstellen in London und Zürich nach Krakau zu verlagern. Unter den Auslagerern von Dienstleistungsjobs finden sich auch die beiden Pharmakonzerne Novartis und Roche. Sie haben Servicezentren in Ungarn, Rumänien, Irland und der Tschechei eingerichtet.

Die Aufzählung ist unvollständig. Genaue Zahlen zum Arbeitsplatzexport gibt es nicht. «Es ist eher die Ausnahme als die Regel, dass die Konzerne informieren, wenn sie Arbeitsplätze ins Ausland verschieben. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein», sagt Schmid von Angestellte Schweiz.

Gutes Bildungsniveau

Das tiefere Lohnniveau in Osteuropa und Asien erklärt die Verschiebung von «White Collar Workers»-Arbeitsplätzen (der Begriff stammt aus der Zeit, als Büroangestellte mit weissen Hemdkragen zur Arbeit gingen) nur unvollständig. «Die Löhne in den Schwellenländern steigen. Wichtiger als die Gehaltskosten ist das gute Bildungsniveau in den Zielländern. Dank der modernen Kommunikationstechnologie lassen sich zusehends anspruchsvollere Arbeiten Hunderte oder Tausende von Kilometern entfernt vom Hauptsitz qualitativ gut erledigen», sagt Unternehmensberater Donkor. Es sind nicht nur die Privatkonzerne, die Arbeiten in Schwellenländer verschieben. Auch einige Spitäler lassen Voruntersuchungen weit entfernt ausführen. «Röntgenbilder und Blutproben auswerten können indische Ärzte auch», so Donkor. Für ihn stellt sich weniger die Frage, welche Berufe verschoben werden, sondern wie viele Arbeitsschritte sich aus der Schweiz auslagern lassen. Gefährdet sind die Arbeitsschritte, die heute standardisiert und rationalisiert sind.

Blickkontakt-Jobs bleiben hier

Nicht immer lohnt es sich für die Konzerne freilich, Arbeiten in Ländern mit tieferen Lohnkosten erledigen zu lassen. Donkor: «Die Löhne und Abläufe müssen Kostenvorteile von mindestens 30 Prozent mit sich bringen. Bei 10 oder 20 Prozent ist der Aufwand für eine dezentrale Lösung zu gross.» Kommt hinzu: Je näher ein Job bei den Schweizer Kunden ist, desto weniger lässt er sich von Indien oder Polen aus erledigen. «Was mit den Blut- und Röntgenanalysen funktioniert, würde mit Hausärzten nie gut gehen. Dienstleistungen mit einem hohen Personenbezug bleiben in der Schweiz», so Donkor. Diesen Schluss lässt auch die jüngste Studie des Arbeitgeberverbandes zu den Arbeitsplätzen bei den Banken zu. Der Tenor bei den Finanzinstituten: Vier von fünf Banken haben vor, in den kommenden fünf Jahren im Backoffice Stellen abzubauen (siehe Box). In der Kundenberatung hingegen bauen die meisten personell weiter aus.

Trend zu spezialisierten Stellen

Die Arbeitswelt verändert sich in der Schweiz. «Der Trend zu den wissensbasierten Arbeitsplätzen beschleunigt sich», verheisst Donkor von PwC Schweiz. Das veranschaulicht die Pharmaindustrie: Sie mag Arbeiten der Personalabteilung oder der IT-Abteilung in Indien verrichten lassen. Doch was die Forschung und Entwicklung angeht, baut sie in der Schweiz nach wie vor stark aus – zum Beispiel in Rotkreuz. Schmid von Angestellte Schweiz sagt dazu: «Wir laufen Gefahr, vor allem anspruchsvolle Jobs in der Schweiz zu erhalten. Doch wir brauchen auch Arbeitsplätze für mittelqualifizierte Berufsleute mit einem KV-Abschluss.»

Sind die ausgelagerten Arbeitsplätze für immer verloren? Oder besteht die Chance, dass sie zurückverlagert werden, wenn zum Beispiel der Franken wieder fair bewertet ist? «Was ausgelagert ist und gut funktioniert, kommt in der Regel nicht mehr zurück. Das macht die Entwicklung so gefährlich», sagt Schmid.

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