ARBEITSMARKT: Der Liegestuhl kann warten

Wer nach der Pension sein erarbeitetes Wissen weiter nutzen möchte, kann dies dank Rentner- Vermittlungsportalen tun. Angeboten wird dort fast alles.

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Für viele Rentner ist mit der Pensionierung noch lange nicht Schluss: Sie suchen sich neue Jobs. Onlinebörsen helfen ihnen dabei. (Bild: Getty/Henrik Sorensen)

Für viele Rentner ist mit der Pensionierung noch lange nicht Schluss: Sie suchen sich neue Jobs. Onlinebörsen helfen ihnen dabei. (Bild: Getty/Henrik Sorensen)

Andreas Lorenz-Meyer

Max W. ist ein vielseitiger Rentner. Der 70-Jährige aus der Nähe von Zürich hat bei Tätigkeiten «fast alles» angegeben. Er hält den Garten in Ordnung, übernimmt Reparaturen, räumt Schnee, hilft mit dem Auto aus und hütet das Haus. Der Allrounder, dessen Stundensatz 35 Franken beträgt, gehört zu den rund 600 Rentnern, die auf dem Onlineportal Arbeitsrentner.ch inseriert haben. Auf diesem Portal bieten ältere Menschen ihre Dienste an. So auch Yvonne F. Sie giesst die Blumen, füttert die Katzen, leert den Briefkasten, begleitet beim Spaziergang und hilft beim Sockenstricken. Stundensatz: 20 Franken.

Von Fahrdienst bis zu Nachhilfe

Bei Arbeitsrentner.ch sind die Inserate in Kategorien unterteilt: Büroarbeiten, Computer, Gesundheit, Haus und Garten. So kann sich jeder, der einen Rentner engagieren will, Kontakt mit ihm aufnehmen. 1600 Nutzer suchen regelmässig auf der Seite nach einer Hilfskraft. Gefragt sind Dienste vor allem im Haus – Lampen aufhängen, Laminat verlegen – und im Garten – Rasen mähen, Zaun streichen. Das ist aber nicht alles, was die Rentner können. Briefe schreiben, WLAN installieren, Rechner reparieren, Steuererklärung ausfüllen, Nachhilfestunden in Physik, Fahrdienste zum Arzt, Möbel zusammenbauen, Gassi gehen mit dem Hund – all diese Leistungen gibt es zu haben. Manche bieten auch an, die Modelleisenbahn aufzubauen oder jemandem einfach nur etwas vorzulesen.

Wer inserieren will, kann einen Gratiseintrag schalten. Dann erscheint die Anzeige nur in einer Kategorie. Man kann aber auch «Gold-Rentner» werden. Hier sind 10 Franken im Monat zu zahlen, dafür ist das Inserat auffälliger und ausführlicher. Die Goldmitgliedschaft dauert mindestens ein Jahr. Arbeitsrentner.ch ist nicht gewinnorientiert, jeder eingenommene Franken wird laut Gründer Simon Fankhauser in Werbung investiert. Es gebe viele Rentner, die körperlich und geistig noch fit sind, erklärt er. Über die Plattform sollen sie ihr Wissen ganz unkompliziert an Hilfesuchende weitergeben können.

Den meisten geht es nicht ums Geld

Fankhauser hält es für sehr wichtig, dass Ältere möglichst lange aktiv sind. Erwiesenermassen bleibe man länger gesund, wenn man selbstbestimmt arbeiten kann. Manche verdienen bei den Jobs mehr als 2500 Franken im Jahr. Geld ist aber keineswegs die Hauptmotivation, betont Fankhauser: «Die wenigsten schalten aus handfesten finanziellen Gründen ein Inserat. Vielmehr wollen sie gebraucht werden und den Kontakt mit dem Leben nicht verlieren.»

Hilft Arbeiten im Alter, auch den Wohlstand eines Landes zu erhalten? Für Wachstum und Entwicklung brauche eine Volkswirtschaft gute Ideen, Kapital und Arbeitskräfte, erklärt Hans Groth, Präsident des World Demographic & Ageing Forum in St. Gallen. An Kapital und Ideen mangelt es in der Schweiz nicht. Wichtig sei jedoch, dass man auf motivierte und qualifizierte Arbeitskräfte zurückgreifen kann. «Wir haben eine schrumpfende und alternde Gesellschaft», so Groth. «Unsere Lebenserwartung mit 65 Jahren beträgt heute gut 20 Jahre, Tendenz zunehmend. Wie gestaltet man diese Lebensphase aktiv und produktiv? Diese Diskussion darf man nicht als Streichung erworbener Anrechte betrachten.»

Beim Arbeiten im Alter sieht der Demografie-Experte die Sinnhaftigkeit ganz im Vordergrund. Auch in der dritten Lebensphase – meist ab dem 65. Lebensjahr – wollen die Menschen ein erfülltes Leben führen und sozial integriert bleiben. Finanzielle Aspekte spielen bei vielen eine untergeordnete Rolle, schliesslich ist das Rentensystem in der Schweiz sehr gut ausgestaltet. Dennoch dürfe Arbeiten im Alter nicht mit Gratisdiensten verwechselt werden, ergänzt Groth. Es brauche eine wertschätzende Entlöhnung sowie eine steuerliche Würdigung. Dass es im Internet immer mehr Portale gibt, die Rentnerjobs vermitteln, hält er für eine gute Entwicklung. Sie schaffen einen Überblick – jeder Pensionierte kann entscheiden, ob und was er machen will.

Viel Know-how geht verloren

Zirka 400 Personen im Rentenalter haben beim Portal Silberpanther.ch eine Anzeige geschaltet. Sie möchten ihre Fachkompetenz dem Arbeitsmarkt weiter anbieten, so Plattform-Gründer Peter Kuster. Den Rentnern ist bewusst, dass mit einer Pensionierung viel Know-how verloren geht. Mehrheitlich bieten sie kaufmännische Dienste und Unternehmungsberatung an. Dazu gehören: allgemeine Korrespondenz, Telefonate mit Ämtern, Buchhaltung, Krisenmanagement.

Das Inserat informiert auch, in welchen Kantonen der Rentner engagiert werden kann. Die Veröffentlichung des Profils ist gratis, selbst bei einer Vermittlung. Denjenigen, die bei Silberpanther.ch inserieren, geht es vor allem um die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft einzubringen, so Kuster. Es zeuge aber von Respekt gegenüber den Rentnern, dass ihre Arbeit auch ordentlich bezahlt wird. 30 bis 40 Franken pro Stunde sind üblich. Kuster berichtet von Senioren in seinem näheren Umfeld, die depressiv wurden, weil sie nach der Pensionierung keinen Aufgabenbereich mehr fanden. Die Gesellschaft binde Ältere noch zu wenig ein, sagt Kuster.

Streit muss man selber regeln

Gibt es Streit wegen der Bezahlung oder bei Unzufriedenheit des Kunden, hält sich die Plattform heraus. Das müssen die Beteiligten selbst regeln. Silberpanther.ch ist wie andere Plattformen nur Vermittler. Auch um Versicherungen und Sozialbeiträge müssen sich die Rentner selbst kümmern. Für AHV-Bezüger, also Frauen ab 64 und Männer ab 65 Jahren, gilt ein Freibetrag von 1400 Franken monatlich oder 16 800 Franken jährlich.

Rent a Rentner (Rentarentner.ch) heisst das älteste und grösste Vermittlungsportal in der Schweiz. Auch hier sind alle Dienste in Rubriken eingeteilt. Wer «Miet-Rentner» werden will, hat die Wahl zwischen drei Mitgliedschaften. Das Basisangebot ist gratis. Es beinhaltet die Grundfunktionen: Stundensatz, Tätigkeitsgebiet sowie drei Rubriken.

Die Premium-Mitgliedschaft kostet 5 Franken im Monat. Hier stehen 10 Rubriken zur Verfügung, man kann Ausbildung/Beruf angeben und bekommt 300 Zeichen, um für sich zu werben. Zudem ist das Inserat farblich hervorgehoben. Ambassador (14 Franken monatlich) nennt sich die dritte Stufe. Hier gibt es unbeschränkt Rubriken, zusätzlich kann man seine Telefonnummer angeben. Die kostenpflichtigen Mitgliedschaften laufen mindestens ein Jahr. Der Stundensatz liegt bei 25 bis 50 Franken.

Die Inserate weisen auch darauf hin, in welchem Radius ein Rentner zur Verfügung steht. Ausserdem sind Bewertungen der Arbeiten zu sehen.

Bild: web/BfS

Bild: web/BfS