ARBEITSMARKT: «Es braucht Kopf und Körper»

Die älteren Arbeitnehmer seien noch nie so gut ausgebildet gewesen, heisst es beim Seco. Wegen der hohen Anzahl der Babyboomer steige jedoch in dieser Gruppe die Arbeitslosigkeit.

Hans-Peter Hoeren
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Mit einer Erwerbstätigenquote bei über 50-Jährigen von beinahe 80 Prozent liegt die Schweiz im Vergleich mit den OECD-Ländern auf Rang zwei. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Mit einer Erwerbstätigenquote bei über 50-Jährigen von beinahe 80 Prozent liegt die Schweiz im Vergleich mit den OECD-Ländern auf Rang zwei. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Über ältere Arbeitnehmer und ihre Chancen und Risiken am Arbeitsmarkt ist in den vergangenen Wochen viel geschrieben worden. So viel, dass die Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gestern Klarstellungsbedarf sah. Anlass war die Veröffentlichung der Arbeitslosenzahlen für den Monat Juni (siehe Box).

Hoher Anteil Langzeitarbeitsloser

Gemäss diesen waren gesamthaft 31 985 Personen im Alter von über 50 Jahren arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquoten in der Kategorie 50 und mehr liegt bei 2,6 Prozent. Der Anteil der über 50-Jährigen an den Langzeitarbeitslosen liegt allerdings bei über 41 Prozent. Insgesamt waren Ende Juni 9121 Personen aus dieser Kategorie mehr als ein Jahr arbeitslos.

«Die Risiken, mit über 50 arbeitslos zu werden, sind in der Schweiz aber nicht grösser als in anderen Altersgruppen», stellte Boris Zürcher, Leiter Direktion Arbeit beim Seco, gestern gegenüber unserer Zeitung klar. Die schiere Grösse der Babyboomer-Jahrgänge führe aber in absoluten Zahlen zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe. Gegenüber dem Vorjahr ist die Arbeitslosigkeit bei Arbeitnehmern über 50 Jahren denn auch um 1440 Personen oder 4,7 Prozent angestiegen. «Und dies, obwohl eine Generation älterer Arbeitnehmer noch nie so gut ausgebildet gewesen ist», erklärt Boris Zürcher.

«Potenzial optimal ausgenutzt»

Er verdeutlicht das Phänomen anhand des Jahrgangs 1964. Dieser ist der geburtenreichste Jahrgang und werde dieses Jahr 50. 134 000 Personen zählen gemäss Zürcher in der Schweiz zu diesem Jahrgang. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 wurden noch 79 000 Menschen geboren. «Es ist diese Zunahme, die jetzt stärker wahrgenommen wird», so Zürcher. Das Risiko, arbeitslos zu werden, habe sich hingegen in dieser Alterskategorie in den vergangenen Jahren überhaupt nicht verändert. «Das Erwerbstätigen-Potenzial der über 50-Jährigen wird in der Schweiz bereits optimal ausgenutzt», ist Zürcher überzeugt. Die Erwerbstätigenquote in der Schweiz liege bei 79,8 Prozent. Damit liege man unter allen OECD-Ländern auf Platz 2 – nur Schweden stehe noch besser da.

«Wer im Alter aber einmal aus dem Arbeitsmarkt fällt, wird eher langzeitarbeitslos oder ausgesteuert, als es bei jungen Arbeitnehmern der Fall ist», so Zürcher. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit 50+ in der offiziellen Arbeitslosenstatistik auftaucht, sei aber viel grösser als in anderen Altersgruppen. «Es gibt wenig Arbeitskräfte über 50, die effektiv aus der Statistik herausfallen», sagt Boris Zürcher. Die Diskrepanz zwischen der Arbeitslosen- und der Erwerbslosenquote in dieser Kategorie sei sehr klein im Vergleich zur Gruppe der 18- bis 24-Jährigen. Dies hänge damit zusammen, dass Letztere die Bedingungen der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) oft nicht erfüllten.

Verliere ein über 50-Jähriger seine Arbeit, gebe es vielfältige Hilfestellungen, sagt Boris Zürcher. So profitierten ältere Arbeitnehmer von einer längeren Bezugsdauer der Arbeitslosenversicherung. Diese liege normal bei maximal 400 Tagen, für über 55-Jährige erhöhe sie sich um 120 Tage unter der Voraussetzung, dass die Betroffenen die volle Beitragszeit erbracht haben. Durch diese längere Bezugsdauer könnten die Betroffenen auch länger an arbeitsmarktlichen Massnahmen teilnehmen.

Weiterbildung ist Trumpf

«Um eine Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden, ist es aber auch wichtig, sich ständig weiterzubilden und neues Fachwissen zu erwerben», betont Boris Zürcher. Hier seien aber auch die Unternehmen gefragt. «Diese sollten auch über 50-Jährigen Weiterbildungen ermöglichen. Das wird gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung und ein allenfalls höheres Rentenalter immer wichtiger», sagt Zürcher.

Kurt Simon, Leiter Arbeitsmarkt bei der Dienststelle für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Luzern, stimmt dem zu. «Wichtig für ältere Stellensuchende ist aber auch der Erhalt der körperlichen Fitness. Es braucht Kopf und Körper», ergänzt Simon. Auch die Unternehmen seien gefordert, sie sollten aktiv und rechtzeitig eine Karriereplanung mit älteren Mitarbeitenden lancieren.