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ARBEITSMARKT: Fachkräftemangel, war da was?

Die schleppende Konjunktur scheint die Nachfrage nach Spezialisten in der Schweiz zu bremsen. Doch dahinter könnte sich etwas anderes verbergen.
Daniel Zulauf
Pflegefachpersonal ist in der Schweiz weiterhin gesucht. Bild: Gaetan Bally/Keystone (Sion, 19. Februar 2009)

Pflegefachpersonal ist in der Schweiz weiterhin gesucht. Bild: Gaetan Bally/Keystone (Sion, 19. Februar 2009)

So viel Auswahl hatten Schweizer Unternehmen im hiesigen Markt für Facharbeiter und Spezialisten noch nie. Diese Feststellung suggeriert der Personalvermittler Manpower mit seiner jährlichen Statistik zur Talentknappheit: 2016 gaben nur 20 Prozent der 750 in der Schweiz befragten Firmen an, bei der Rekrutierung von spezialisiertem Personal Schwierigkeiten zu bekunden. Bei der ersten Erhebung vor elf Jahren waren es noch 48 Prozent und letztes Jahr 41 Prozent gewesen.

Manpower spricht von einem aktuell «positiven Bild» für die Schweiz, und in der Tat steht unser Land mit dem fünften Platz im internationalen Vergleich weit besser da als der weltweite Durchschnitt (40 Prozent). Doch Vorsicht: Die Statistik könnte auch eine Falle sein. Fredy Greuter vom Arbeitgeberverband bezeichnet sie als «verwirrend». Das Fachkräfteproblem der Schweizer Wirtschaft sei real, betont der Sprecher des Dachverbandes. Jahr für Jahr gehe ein neuer geburtenstarker Jahrgang in Rente. Jährlich verabschiedeten sich 50 000 Leute mehr aus dem Markt, als neue hinzukämen. Der Arbeitgeberverband unterstellt seiner Rechnung sogar eine jährliche Zuwanderung von 50 000 Personen. Selbst damit entstehe bis in zehn Jahren ein Defizit an ausgebildeten Arbeitskräften von 500 000 Personen. Die Manpower-Statistik steht vor diesem Hintergrund in der Tat reichlich quer in der Landschaft. Doch falsch muss sie deshalb nicht unbedingt sein. Viele, vor allem exportorientierte, Unternehmen kämpfen nach wie vor mit dem teuren Franken und einer schwachen Nachfrage im Ausland. Bei einer grossen Zahl dieser Firmen könnte der Bedarf nach Spezialisten geschäftsbedingt deshalb tatsächlich nachgelassen haben. Gestützt wird die Vermutung auch durch Daten anderer Länder. In China klagte vor zwei Jahren noch mehr als jedes dritte Unternehmen über Talentknappheit. Nach zwei Jahren Wirtschaftsabkühlung sind es nur noch 10 Prozent, so wenig wie nirgends sonst auf der Welt.

Erstaunlich und a priori wenig plausibel sind die Umfrageergebnisse in Bezug auf die von den Unternehmen gewählten Strategien im Umgang mit dem Fachkräfteproblem. Nicht weniger als 67 Prozent der befragten Schweizer Firmen setzen nach eigenen Angaben auf Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter. Im Vorjahr waren es lediglich 32 Prozent gewesen. Ein solcher Sprung ist nur schon deshalb nicht realistisch, weil der Markt für Weiterbildungen mit einem jährlichen Volumen von rund 5,5 Milliarden Franken seit Jahren stabil ist. Möglicherweise habe die stark gestiegene öffentliche und politische Aufmerksamkeit an dem Thema die Umfrageergebnisse beeinflusst, meint Irena Sgier vom Schweizerischen Verband für Weiterbildung. Der Verband steht für einen volkswirtschaftlich bedeutenden Wirtschaftszweig, der seit kurzem auch in einem eigenen Bundesgesetz geregelt ist. Berufliche Weiterbildung ist im Nachgang zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative und die damit einhergehenden Befürchtungen über einen Fachkräftemangel zu einem auch in der Öffentlichkeit breit diskutierten Thema geworden.

Bund mischt bei Weiterbildung mit

Obwohl berufliche Weiterbildung in der Schweiz grundsätzlich Privatsache ist, will sich hier künftig auch der Bund stärker einbringen. Vergangene Woche hat der Bundesrat die Entwicklung eines Konzeptes in Aussicht gestellt, nach dem die Weiterbildung von gering qualifizierten Erwerbstätigen und insbesondere von älteren Arbeitnehmenden finanziell unterstützt werden könnte. Im Auge hat man in Bern etwa die Abgabe von Bildungsgutscheinen – ein Modell, wie es der Kanton Genf schon seit einiger Zeit mit Erfolg praktiziert. In Genf wurden 2014 über 7000 Gutscheine im Wert von 750 Franken abgegeben – mehrheitlich an Frauen, die damit Sprachkurse belegen.

«Leider sind Weiterbildungsangebote in der Praxis oft nicht sehr wirkungsvoll», gibt Monika Bütler, Wirtschaftsprofessorin an der Universität St. Gallen, zu bedenken. Möglicherweise hat dies auch mit dem Umstand zu tun, dass die Weiterbildungssysteme den harten Markttest bislang noch gar nicht bestehen mussten. «Wir leben in einer Generation, die sich kaum weiterbilden musste», sagt die 55-jährige Wissenschaftlerin. Der Wettbewerb ist längst dabei, dies zu ändern – Fachkräfte hin oder her.

Daniel Zulauf

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