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ARBEITSMARKT: Mehr Lohn aus Prinzip

Schweizer Gewerkschaften steigen mit scheinbar unbescheidenen Forderungen in den Lohnherbst ein – und lancieren damit ein wichtige Diskussion.
Ein Mitarbeiter der Lantal Textil AG in Melchnau bestückt eine Webmaschine. (Bild: Keystone)

Ein Mitarbeiter der Lantal Textil AG in Melchnau bestückt eine Webmaschine. (Bild: Keystone)

Daniel Zulauf

Darf man höhere Löhne verlangen, wenn die Wirtschaft stagniert oder sogar schrumpft und zudem noch die Preise fallen? Die Frage erübrigt sich. In der vergangenen Woche haben die dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) angeschlossenen Verbände ihre Forderungen im Blick auf die anstehenden Lohnverhandlungen auf den Tisch gelegt. Sie verlangen je nach Branche Aufbesserungen von 1,5 Prozent bis 2 Prozent sowie eine Aufstockung der Mindestlöhne um 100 Franken. Etwas moderater sind die Positionen aus dem Umfeld von Travail Suisse, doch auch dort erwartet man Lohnsteigerungen von 0,5 Prozent bis 1,5 Prozent. Trotz Frankenstärke sei die Krise in der Schweizer Wirtschaft ausgeblieben, heisst es hüben wie drüben.

Keine Rezession in Sicht

Tatsächlich scheint sich die Schweiz vor einer Rezession retten zu können. Das sagen mindestens vorläufig die Daten des Bundesamtes für Statistik zur Entwicklung des Bruttoinlandproduktes im ersten Halbjahr. Doch selbst wenn sich die Wachstumszahlen nicht weiter verschlechtern sollten, werden sie bis Ende Jahr aller Voraussicht nach deutlich unter 1 Prozent verharren. Gleichzeitig werden die Konsumentenpreise nach den bisherigen Schätzungen der Schweizerischen Nationalbank sowohl im laufenden wie auch im kommenden Jahr weiter fallen – voraussichtlich um 1 Prozent beziehungsweise um 0,4 Prozent. Darum noch einmal: Lässt sich eine Lohnforderung von 1,5 Prozent vor diesem Hintergrund rechtfertigen?

Löhne sind Verhandlungssache

Auf einem moderierten Diskussionspodium könnten sich die Sozialpartner vermutlich ganz gesittet über die Frage streiten, doch wirklich ernst nähme sie wohl weder die eine noch die andere Seite. Schliesslich ist für beide klar: Löhne sind Verhandlungssache. Jahr für Jahr kommt das Thema auf den grünen Tisch, wenn es um die Verteilung der Früchte der Arbeit geht. Dabei fallen je nach Standpunkt der Parteien mehr oder weniger häufig Begriffe wie Produktionskosten, Gewinnmargen, Kaufkraft und ähnliches. Nur eine Grösse fehlt ganz sicher nie: die Produktivität oder genauer gesagt die Arbeitsproduktivität. Dieser statistische Wert ist immer im Spiel, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer um Löhne feilschen. Er gibt Auskunft über den Ausstoss beziehungsweise die Wertschöpfung pro Mitarbeiter. In der Praxis wird diese gewöhnlich am Umsatz pro Arbeiter festgemacht. In einer virtuellen und idealen Welt der ökonomischen Theorie bestimmt die Produktivität exakt den richtigen Lohnsatz.

Unsichtbare Hand des Marktes

In dieser perfekten Modellwelt, in der es produktionsseitig weder an Ressourcen mangelt, noch Sättigungserscheinungen in der Nachfrage bestehen und in der ein vollständiger Wettbewerb die Preise und Löhne bestimmt, in diesem Modell also geschieht – gelenkt von der unsichtbaren Hand des Marktes – genau das, worüber sich die Sozialpartner im richtigen Leben immer streiten: Es kommt zu einer Verteilung des Sozialproduktes, die es weder den Unternehmern noch den Arbeitern erlaubt, mehr zu verdienen, als es die Erbringung der Leistung erfordert. Konkret wird ein gewinnmaximierender Unternehmer so lange zusätzliche Arbeiter einstellen, wie der zusätzliche Ertrag derer Arbeit die zusätzlichen Kosten der Produktion nicht übersteigt. Daraus ergibt sich, dass die Arbeiter ihren Lohn in dem Mass erhöhen können, wie sie ihre Leistung, das heisst ihre Produktivität, zu steigern in der Lage sind.

Die Realität sieht in den Augen der Unia-Präsidentin Vania Alleva so aus: «Der starke Franken stellt für einige Branchen eine Herausforderung dar. Dennoch sind anständige Lohnerhöhungen möglich und nötig.» Und SGB-Präsident Paul Rechsteiner: «Bei allen Unterschieden zwischen Branchen und Unternehmen sind Lohnverbesserungen von bis zu 1,5 Prozent mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung und den Produktivitätsfortschritt gut begründet.»

Wirtschaft wächst schneller als Löhne

Tatsächlich hat die am Bruttoinlandprodukt gemessene Wirtschaftsleistung in der Schweiz in den vergangenen fünf Jahren deutlich stärker zugenommen als die Löhne (siehe Grafik). Die Vergangenheit scheint die gewerkschaftlichen Forderungen also zu stützen. Aber weshalb stellen die Gewerkschaften Jahr für Jahr Lohnforderungen, um diese am Ende der Verhandlungen doch nur zu einem Bruchteil erfüllt zu sehen?

Gemäss früheren Untersuchungen des Wirtschaftsprofessors und derzeitigen Rektors der Universität Genf, Yves Flückiger, akzeptieren die Schweizer Gewerkschaften stillschweigend das Primat der Wettbewerbsfähigkeit, das durch die Wirtschaftsstruktur mit den zahlreichen exportorientierten Klein- und Mittelbetrieben im ganzen Land quasi vorgegeben ist. Die Erfahrung zeige, dass die Lohnverhandlungen in einer starken Abhängigkeit zur Beschäftigungsentwicklung stehen. Dieser Zusammenhang mache deutlich, dass sich die Gewerkschaften in den Vertragsverhandlungen ebenso stark auf die Erhaltung von Arbeitsplätzen wie auf die direkten finanziellen Interessen der Arbeitnehmer konzentrieren. Und in Zeiten des konjunkturellen Abschwungs legen die Sozialpartner das Schwergewicht auf Arbeitsplätze. Von Flückigers Beobachtungen liesse sich die Vermutung ableiten, dass die gewerkschaftlichen Lohnforderungen mindestens im gegenwärtigen konjunkturellen Umfeld vor allem Marketing in eigener Sache sind.

Doch dem widerspricht entschieden Rafael Lalive, Professor und Arbeitsmarktspezialist an der Universität Lausanne: «Das gewerkschaftliche Engagement ist wichtig, und generelle Gehaltsforderungen sind richtig», sagt er und betont den Wert dieser ständigen Auseinandersetzung für eine langfristig gesunde Lohnentwicklung. Lohnungleichheit kann letztlich die Entwicklung einer ganzen Volkswirtschaft behindern, wenn es den Lebensstandard der grossen Mehrheit und die gesellschaftliche Eintracht schädigt.

Lohnungleichheit hat zugenommen

«Die Lohnungleichheit schleicht sich auf leisen Sohlen an, und es braucht Zeit und viel politische und gesellschaftliche Überzeugungsarbeit, um die Richtung wieder zu ändern», sagt Lalive. Eine Studie von Avenir Suisse zeigt, dass in der Schweiz die Reallöhne von 1994 bis 2009 um durchschnittlich rund 13 Prozent gestiegen sind. Der Anstieg kommt relativ nahe an das Produktivitätswachstum im gleichen Zeitraum heran – so wie es idealerweise sein sollte. Doch pflückt man aus der Lohnreihe nur den Wert in der Mitte, den Median, heraus, beläuft sich die Lohnsteigerung nur noch auf knapp die Hälfte. Der Grund dafür ist, dass die Spitzenlöhne den Durchschnittswert nach oben verzerren. Die Lohnungleichheit in der Schweiz hat mit anderen Worten zugenommen.

Beschränkt handlungsfähig

Patrik Schellenbauer, Arbeitsökonom bei der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Avenir Suisse, zeigt wenig Verständnis für die gewerkschaftlichen Lohnforderungen: «Wir haben angesichts des harten Frankens sozusagen ein griechisches Problem, wenn auch unter andern Vorzeichen», sagt er. «Um im Ausland im Geschäft zu bleiben, müssen wir im Inland billiger und produktiver werden. Generell höhere Löhne würden uns erst recht in die Krise stürzen. Und die Kaufkraft der Löhne steigt wegen der Negativteuerung auch bei einer Nullrunde.»

Negativteuerung statt höhere Löhne, rechnerisch ist an der Formel nichts auszusetzen. Doch der Nationalbank dürfte sie nicht behangen. Sinkende Preise widersprechen schliesslich ihrem Auftrag, die Geldwertstabilität sicherzustellen. Stabilität ist nach Definition der Nationalbank gegeben, wenn sich die Jahresteuerung nahe bei 2 Prozent bewegt. Solange dieser Zustand nicht wiederhergestellt ist, bleiben die Frankenhüter beschränkt handlungsfähig.

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