ARBEITSMARKT: Noch keine rosigen Aussichten

Die labile Wirtschaftslage hinterlässt ihre Spuren bei den Arbeits- losenzahlen. Eine starke Erholung ist in diesem Jahr noch nicht in Sicht.

Rainer Rickenbach
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Die steigenden Arbeitslosenzahlen betreffen praktisch alle Branchen, so auch den Detailhandel. Die Floristen werden aber bald viel zu tun haben: Am kommenden Sonntag ist Valentinstag. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die steigenden Arbeitslosenzahlen betreffen praktisch alle Branchen, so auch den Detailhandel. Die Floristen werden aber bald viel zu tun haben: Am kommenden Sonntag ist Valentinstag. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Felix Howald ist etwas enttäuscht. «Ich hatte gehofft, die Arbeitslosenzahlen seien im Januar rückläufig», sagt der Direktor der Zentralschweizer Industrie- und Handelskammer (IHZ). Eingetroffen ist das Gegenteil: Im Vergleich zum zurückliegenden Dezember stieg die Arbeitslosenquote um 0,1 auf 3,8 Prozent.

Nimmt man den Januar des vergangenen Jahres zum Massstab, nahm die Quote um 0,3 Prozent zu. Insgesamt waren im Januar mehr als 163 000 Personen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren als arbeitslos gemeldet – so viele wie seit fast sechs Jahren nicht mehr. Die Zunahme verteilt sich ziemlich gleichmässig auf alle grossen Berufsgruppen, auch regional halten sich die Unterschiede in Grenzen.

Unsicherheit und Vorsicht

Howald hatte seine Zuversicht aus dem sich nahenden Frühling geschöpft. «Dann braucht es wieder zahlreiche neue saisonale Stellen, und die wirken sich schon im Voraus positiv auf den Arbeitsmarkt aus», so Howald. Dass die wärmere Jahreszeit dieses Jahr noch keinen günstigen Schatten vorauswarf, hat für ihn nebst dem überbewerteten Franken auch mit der weltweit eingetrübten Konjunkturlage zu tun. «Der Aufschwung in den USA kommt nicht in die Gänge, Europa stagniert in weiten Teilen, und in Asien herrscht grosse Unsicherheit. Das bleibt für die stark vernetzte Schweizer Wirtschaft natürlich nicht ohne Auswirkungen», so der IHZ-Direktor.

Als Folge davon würden sich die Unternehmen in der Region und in der ganzen Schweiz mit Investitionen, Anstellungen und der Besetzung von verwaisten Arbeitsplätzen zurückhalten. Howald: «Es herrscht Unsicherheit und Vorsicht.» Nicht wenige Firmen ver­lagern sogar Arbeitsplätze ins Ausland. Grosse Konzerne tun dies bereits seit vielen Jahren diskret und in grossem Stil. Betroffen sind längst nicht mehr nur Produktionsstellen, sondern auch Bürojobs.

Anstieg auf 4 Prozent erwartet

Im unsteten weltwirtschaftlichen Umfeld hat die Schweiz mit ihrer zu hoch bewerteten Währung keine guten Karten. Seit die Nationalbank vor gut einem Jahr die Euro-Untergrenze von 1.20 Franken aufhob, verloren in der Schweiz gemäss Schätzung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) Monat für Monat jeweils rund tausend Personen ihre Stelle. Ein Ende ist vorderhand nicht abzusehen. Das Seco rechnet für die kommenden Monate gar mit noch mehr Arbeitslosen. «Die Arbeitslosenquote dürfte vorübergehend bis auf 4 Prozent steigen», sagte Boris Zürcher, Leiter der Seco-Direktion Arbeit, gestern an einer Telefonkonferenz. Ganz so schlimm bleibt es freilich nicht: Er rechnet mit einer Entspannung im Sommer und einem Jahresendwert von 3,6 Prozent (2015: 3,3 Prozent).

Wo bleiben die Ausgesteuerten?

Es sind indes mehr Leute ohne Arbeit als in der Arbeitslosenquote aufgeführt. Es handelt sich dabei um Erwerbslose, die sich im längsten Fall zwei Jahre lang vergeblich um eine Stelle bemüht haben und ausgesteuert wurden. Um wie viele es sich handelt, lässt sich nur schwer abschätzen.

Einen Anhaltspunkt liefert die Zahl der erwerbslosen Stellensuchenden, dort finden sich rund 72 000 ausgesteuerte Personen. Weitere Ausgesteuerte besuchen Berufskurse, wieder andere sind beim Sozialamt gelandet. Im vergangenen Jahr wurden jeden Monat zwischen 3400 und 2800 Arbeitslose ausgesteuert.

Die meisten finden schnell Arbeit

Es ist indes nicht nur die Wirtschaftslage, welche die Arbeitslosenquote in die Höhe treibt. Sie ist sogar nur zum geringeren Teil dafür verantwortlich. Auf sie entfällt rund ein Fünftel der Ursachen für Stellenverluste, die übrigen vier Fünftel haben saisonale Gründe. «Von 5000 neuen Arbeitslosen sind bei 4000 die Ursachen saisonbedingt», sagt Seco-Sprecherin Antje Baertschi. Vor allem in der Baubranche und im Gastgewerbe sind zeitliche Arbeitslücken weit verbreitet: auf dem Bau, weil es im Winter weniger Arbeit gibt, und im Gastgewerbe, weil nach wie vor zahlreiche Betriebe nur in den kälteren oder in den wärmeren Jahreszeiten offen sind. Ihre Mitarbeitenden sind darum oft vorübergehend bei den Arbeitsvermittlungsstellen gemeldet.

Das erklärt auch, warum die meisten Arbeitslosen nur für kurze Zeit auf Arbeitslosengeld angewiesen sind: Zwei von drei Stellenlosen sind gemäss Seco höchstens ein halbes Jahr lang ohne Arbeit. Als Faustregel gilt: Je jünger die Arbeitslosen sind, desto schneller finden sie wieder eine Beschäftigung. Die im Januar gestiegene Arbeitslosenquote (siehe Grafik) der 15- bis 24-Jährigen sei darum nicht zu überdramatisieren, sagt Baertschi vom Seco. Zumal die Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz mit 3,8 Prozent vergleichsweise sehr tief liegt. In den krisengeplagten südeuropäischen Ländern liegen diese Werte bei den Jungen bei dramatischen 30 bis 50 Prozent.

Ältere haben es schwer

Umgekehrt verhält es sich bei den älteren Semestern. Wer die 50 überschritten hat, läuft nicht öfter Gefahr, auf die Strasse gestellt zu werden. Widerfährt jemandem dieser Altersgruppe aber dieses Schicksal, stehen ihm oder ihr oft schwierige Zeiten bevor. Das lässt sich aus der aktuellen Arbeitslosenstatistik herauslesen: Zwar liegt die Arbeitslosenquote mit 3,3 Prozent in dieser Altersgruppe tiefer als bei den Jüngeren. Doch jeder vierte Langzeitarbeitslose – dazu zählen Stellenlose, die länger als ein Jahr ohne Arbeit sind – ist 50 oder älter. «Für Ältere dauert die Suche im Schnitt länger. Doch auch unter ihnen finden viele eine neue Stelle», sagt Baert­schi. Die Gewerkschaft Unia hat im Frühling Massnahmen für ältere Stellenlose gefordert.