ARBEITSMARKT: Unsere vergessenen Büezer

Die Zahl der Arbeitslosen ist im Mai weiter gefallen – aber ältere Stellensuchende bleiben nach wie vor öfters auf der Strecke. Mehr Glück hatte da der Zentralschweizer Adolf Suter.

Rainer Rickenbach
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Adolf Suter ist eine Ausnahme: Im Alter von 57 hat er die Stelle gewechselt. (Bild Nadia Schärli)

Adolf Suter ist eine Ausnahme: Im Alter von 57 hat er die Stelle gewechselt. (Bild Nadia Schärli)

Der Muotathaler Adolf Suter war 57, als sein Arbeitgeber in Schwyz die Metzgerei verkaufte, in der er arbeitete. Der neue Besitzer stellte Suter zwar eine Weiterbeschäftigung in Aussicht. Doch der erfahrene Metzger fühlte sich unbehaglich bei den Perspektiven, die er geboten erhielt. Trotz seines Alters brachte er dann den Mumm auf, sich selbst umzuschauen – und griff nach dem Glück des Tüchtigen. An seinem Wohnort in Muotathal fand er bei der Metzgerei Heinzer eine neue Stelle. Der heute 61-Jährige ist nun in der Wursterei und Zerlegerei beim Fleischspezialitäten-Hersteller in Muotathal tätig.

Suter ist eine Ausnahme

Seine Chefs sind denn auch voll des Lobes über den Senior unter den 60 Angestellten (45 Vollstellen). «Wir würden ihn sofort wieder einstellen. Er ist ein ausgezeichneter Fachmann. Eine wirkliche Verstärkung für unser Team, das sich abgesehen von ihm aus Mitarbeitenden im Alter von 25 bis 50 zusammensetzt», sagt Markus Heinzer. Er führt zusammen mit seinem Bruder Rainer die Metzgerei.

Längst nicht alle Stellensuchenden im Alter von Suter bekommen jedoch einen solch reibungslosen Stellenwechsel hin. Der Muotathaler ist vielmehr die Ausnahme, nicht die Regel. «Wer als 50-Jähriger oder Älterer auf Stellensuche ist, hat es schwer», sagt Antje Baertschi, Sprecherin beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Zwar muss in der Regel viel zusammenkommen, ehe Schweizer Unternehmen langjährige Mitarbeiter auf die Strasse stellen. Vor allem die KMU honorieren die Loyalität ihrer Mitarbeiter mit Nachsicht, wenn deren Bandscheiben zu schmerzen beginnen oder neue Technologien sie überfordern. Markus Heinzer etwa sagt: «Wir setzen sie dann für leichtere Arbeiten ein, etwa zum Verpacken oder in der Logistik.»

Weniger, dafür länger ohne Arbeit

Das erklärt – nebst den Frühpensionierungen –, warum die Arbeitslosenquote im Mai bei den Angestellten über 50 mit 2,5 bis 2,8 Prozent unter dem gesamtschweizerischen Durchschnitt von 3 Prozent lag. Doch für die betroffenen 2,5 bis 2,8 Prozent sind die Chancen gering, wieder einen festen Platz in der Arbeitswelt zu finden. Die Arbeitgeberorganisationen geben es zwar nicht gerne zu. Aber die hohen Pensionskassenkosten, das vorherige Lohnniveau oder eine Berufserfahrung, die nicht haargenau auf das Stellenprofil passt, lassen die Bewerbungsdossiers von Bewerbern über 50 nach ganz unten im Papierberg rutschen. Das findet seinen Niederschlag in den Seco-Zahlen: Obwohl die Arbeitslosenquote bei den älteren Erwerbsfähigen keine 3 Prozent ausmacht, sind sie bei den Langzeitarbeitslosen, die länger als ein Jahr vergeblich nach einem neuen Arbeitsplatz suchten, mit einem Anteil von 41 Prozent übervertreten (siehe Grafik).

Mehr Langzeitarbeitslose

Selbst im Kanton Luzern mit der für die Zentralschweiz wie üblich unterdurchschnittlichen Gesamtarbeitslosigkeit von 1,8 Prozent (Zahlenkasten) blieb mehr als jeder fünfte der Arbeitslosen im Alter von 50 plus über ein Jahr lang ohne Beschäftigung – nämlich 22 Prozent. Bei den Jungen waren es bloss 4 Prozent, bei den 25- bis 49-Jährigen 12 Prozent. Die Zahlen von Luzern und des Bundes machen indes auch deutlich, dass es den 40- bis 50-Jährigen bereits nicht mehr so leichtfällt, nach einem Stellenverlust schnell wieder im Arbeitsprozess unterzukommen.

Entgegen dem Gesamttrend stieg die Zahl der Langzeitarbeitslosen in der Schweiz von 8118 (2012) auf 9229 (April 2014). Hinzu kommen die Ausgesteuerten, von denen die meisten sich ebenfalls im reiferen Alter befinden. Sie haben eine erwerblose Zeit von gegen zwei Jahren hinter sich und tauchen in den Arbeitslosenstatistiken erst wieder auf, wenn sie eine Stelle gefunden haben – sofern sie denn überhaupt wieder in einem Betrieb Unterschlupf finden.

Schnell gelingt das nur einer Minderheit: Im März zum Beispiel wurden in der Schweiz 2648 Personen ausgesteuert. Von ihnen fanden bis Ende Mai 415 einen Arbeitsplatz, das sind 16 Prozent. 645 der im März Ausgesteuerten bemühten sich im Mai immer noch vergeblich, über die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren eine Stelle zu finden.

Wo sind die Ausgesteuerten?

Über den ganz grossen Rest von 1588 Personen oder 60 Prozent weiss man bei den Ämtern keinen Bescheid. Möglicherweise fanden sie einen Job, möglicherweise arbeiten sie schwarz, möglicherweise müssen sie Sozialhilfe beziehen, möglicherweise schafften sie den Sprung in das vorzeitige Rentnerleben. In den zurückliegenden vier Jahren schwankte die Zahl der Ausgesteuerten zwischen monatlich 3500 und 2500 Personen. Es gab in der Zeit einen Ausreisser mit fast 16 000 Ausgesteuerten im März 2011. Er war auf die Systemumstellung auf eine kürzere Bezugsdauer von Arbeitslosengeld zurückzuführen.

Aussagekräftige Zahlen über die Ausgesteuerten finden sich nirgends. Die Chance, dass ein beachtlicher Teil von ihnen erneut arbeitet, stehen indes gut, denn im Mai sank die Arbeitslosenquote von 3,2 auf 3 Prozent – eine Marke, die in der Schweiz als Sockelarbeitslosigkeit gilt. Zum einen zieht der Arbeitsmarkt im Mai saisonbedingt stets an, zum andern gewinnt nach Einschätzung des Seco die Konjunktur wieder an Fahrt. Gemäss dem Manpower-Arbeitsmarktbarometer sucht dieses Jahr jede zwanzigste Firma zusätzliches Personal. Dieses rekrutieren sie wahrscheinlich vor allem im Ausland, weil der Arbeitsmarkt ausgetrocknet ist.

Weshalb es noch eine Umschulung braucht

Für ältere Arbeitslose ist es oft frustrierend, die vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) geforderten Bewerbungen in rauen Mengen zu schreiben und zu verschicken – um dann in den meisten Fällen nicht einmal die Chance für ein Vorstellungsgespräch zu erhalten.

55- oder 60-Jährige erkennen oft auch wenig Sinn darin, Kurse zu besuchen oder sich nach 30 oder 40 Jahren in ihrem angestammten Beruf gar noch umschulen zu lassen. Warum tun das die Arbeitsvermittler den Stellensuchenden dann an? «Grundsätzlich gilt für mich: Weiterbildungen, Kurse und Umschulungen bringen immer einen Nutzen. Für jedermann, nicht nur für Arbeitslose», sagt Kurt Simon von der Leitung Arbeitsmarkt beim Kanton Luzern. Das sei erst recht bei älteren Arbeitslosen der Fall.

«Offen sein für Neues»

«Bei allem Verständnis für die Enttäuschungen, die der Schreibaufwand und die Absagen auslösen: Viele von den älteren Arbeitslosen haben sich seit Jahren nicht mehr bewerben müssen. Heute sind andere Inhalte verlangt, und vieles läuft über die elektronischen Medien», so Simon. Ältere Stellensuchende fänden viel eher eine Stelle, wenn Sie bereit seien, «Neues oder anderes» zu lernen. Je geringer die Bereitschaft sei, sich weiter zu entwickeln, desto schwieriger gestalte sich die Stellensuche.
«Wer stehen bleibt und sich nicht ständig den veränderten Anforderungen des Arbeitsmarktes stellt, darf sich nicht wundern, wenn er keine neue Stelle findet oder zumindest mehr Zeit dafür benötigt», sagt Kurt Simon von der Leitung Arbeitsmarkt Kanton Luzern.