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ARBEITSPLATZ: Heimliche Sucht im Büro

Galten früher Bau und Gastronomie als gefährlich für potenzielle Alkoholiker, sind es heute nicht mehr einzelne Branchen, sondern generell Stellen, in denen Geselligkeit zum Job gehört. Eine Betroffene berichtet.
Lucia Theiler, sda
Apéros gehören in vielen Betrieben dazu – für manche sind sie eine unwillkommene Versuchung. (Bild: Getty)

Apéros gehören in vielen Betrieben dazu – für manche sind sie eine unwillkommene Versuchung. (Bild: Getty)

Lucia Theiler, SDA

Die Festtage sind vorbei, der Kater vom vielen Anstossen bei den meisten auch. Doch für jeden Fünften in der Schweiz bedeutet Trinken mehr als ein bisschen Feiern. Für sie ist es ein Problem. Einige kommen selbst während der Arbeit nicht ohne Alkohol aus.

Brigitte ist seit kurzem pensioniert. Auf die letzten 23 Jahre ihres Berufslebens blickt sie mit Stolz zurück, auf jeden Tag. An jedem dieser Tage gelang es ihr nämlich, das erste Glas wegzulassen – und damit auch die ganze Flasche. Denn das einzelne Glas interessiert die Alkoholikerin, wie Brigitte eine war, nur, wenn sie nach dem ersten Glas auch den Rest der Flasche haben kann. Das sagt sie selbst. Sie spricht ohne Schnörkel und Melodie. Dennoch schämt sie sich für manches in ihrer Vergangenheit. Daher möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

Drohung vom Chef als Rettungsanker

Anonymität bedeutet für Brigitte allerdings nicht, dass sie sich selber schont. Sie nennt die Dinge beim Namen: 20 Jahre Trinken, jeden Abend, bis zur Bewusstlosigkeit. 36 Kilogramm wog sie noch, ein stinkender Körper war sie geworden, mit zittrigen Händen und einem Mund, der alles abstritt. Erst ein Autounfall, der sie fast das Leben kostete, machte die Krankheit auch am Arbeitsplatz zum Thema. Der Chef meinte: «Du änderst dich oder du gehst.» Sechs Worte, ein Rettungsanker. Denn die meisten Freunde hatte Brigitte damals bereits verloren, auch die Unterstützung von Bekannten und Kollegen. Kaum mehr einer rief an, um zu fragen, ob sie mitgehen wolle ins Theater, ins Konzert, ins Restaurant. «Denn wer will schon mit einer Betrunkenen unterwegs sein», sagt Brigitte. Das alles nahm sie hin – für eine Flasche mehr. Doch die Arbeit zu verlieren, hätte bedeutet, auf der Strasse zu landen. So weit wollte sie es nicht kommen lassen. «Ein Trinker braucht den Tiefpunkt, um sich zu ändern.»

Alkohol am Arbeitsplatz kostet Unternehmen jährlich 3,4 Milliarden Franken. Darin eingerechnet sind geringere Arbeitsleistungen oder auch Produktionsverluste durch Krankheit und Todesfälle. Hinzu kommen 251 Millionen Franken in der Strafverfolgung.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) beziffert die gesellschaftlichen Kosten der Sucht auf 4,2 Milliarden Franken. Mitgerechnet sind Kosten für die Behandlung der Krankheit, von Unfällen und Verletzungen. Galten früher Bau und Gastronomie als besonders gefährlich für potenzielle Alkoholiker, sind es heute nicht mehr einzelne Branchen, sondern generell Stellen, in denen Geselligkeit zum Job gehört. Auch Brigitte hatte damals als Kundenberaterin angefangen im Bereich Bau und Architektur. Apéros gehörten fast zur Tagesordnung.

Für Arbeitgeber sind süchtige Mitarbeiter aber schnell nicht mehr soziale Brücken zu Kunden, sondern Kostenfaktoren. Und genau das sollte zum Thema werden, sind sich Experten einig. «Man sollte mit jemandem nicht über sein Trinkverhalten reden. Aber man kann über die Versäumnisse sprechen, die passieren», sagt Dwight Rodrick, Experte für betriebliche Suchtprävention bei der Organisation Sucht Schweiz. Das gelte für Chefs wie auch für Arbeitskollegen.

Über Fehler reden, nicht übers Trinken

Vorgesetzte sollten gemäss Rod­rick mit dem Mitarbeitenden Ziele vereinbaren: Fehlerquote reduzieren, nicht mehr zu spät kommen, weniger Absenzen. Nach einem Monat wird dann Bilanz gezogen. Ändert sich das Verhalten nicht, sollten Arbeitgeber eine Abklärung beim behandelnden Arzt anregen. «Das Ziel ist, dass jemand nicht wegen seiner Krankheit entlassen werden muss, sondern dass die Person die Hilfe annimmt», sagt Rodrick.

Brigitte, welche zuletzt im öffentlichen Dienst gearbeitet hatte, nahm die Hilfe an. Sie besuchte Therapien und ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied bei den Anonymen Alkoholikern. Bald wurde sie vom damaligen Team wieder behandelt, als hätte es die Zeiten der zittrigen Hände, der Übermüdung, der Fehler und der Ausfälle nie gegeben. Sie war wieder bestens integriert.

Nur an Mitarbeiterapéros und Betriebsfesten fehlte sie jeweils – aus gutem Grund. Bis heute meidet Brigitte Anlässe, wo viel getrunken wird. Denn ein erstes Glas würde wahrscheinlich wieder mit der ersten Flasche enden.

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