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ARBEITSWELT: Eine Auszeit von Job und Alltag bleibt eine Ausnahme

Wer sich in der Schweiz ein Sabbatical gönnt, ist klar in der Minderheit. Vermehrt kommen Unternehmen und Arbeitnehmer jedoch auf den Geschmack. Ein «Time-out» sollte gut überlegt und geplant sein.
Andreas Lorenz-Meyer
Viele träumen davon, wenige machen es: eine Auszeit von Job und Alltag. (Bild: Dougal Waters/Getty)

Viele träumen davon, wenige machen es: eine Auszeit von Job und Alltag. (Bild: Dougal Waters/Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

So etwas kommt vor nach vielen Jahren im Büro: Man fühlt sich ideenlos, die Arbeit strengt immer mehr an. Da wird es Zeit für eine längere Pause, zum Beispiel drei Monate am Stück oder gleich ein halbes Jahr. Die üblichen Urlaubs­tage reichen dafür nicht aus, aber es gibt die Möglichkeit, ein Sabbatical zu nehmen. Sabbaticals sind Langzeiturlaube bei vollem, teilweisem oder keinem Lohnausgleich. Dieses Modell der Arbeitszeit­flexibilisierung, dessen Name sich auf das biblische Sabbatjahr bezieht, stammt aus den USA.

In der Schweiz sind Sabbaticals mittlerweile keine Seltenheit mehr. Laut einer Studie haben 36 Prozent der Unternehmen das Modell realisiert, 3 Prozent planen dessen Einführung, 26 Prozent halten es für erstrebenswert. Jedoch profitiert meist nur ein Teil der Belegschaft: die Kaderangehörigen. Betrachtet man die Gesamtheit der Schweizer Arbeitnehmer, so liegt der Anteil derer, die ein Sabbatical einlegen könnten, hierzulande bei weit unter 10 Prozent, vermutet Leila Jennifer Gisin vom Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern Wirtschaft. Genaue Zahlen dazu gibt es aber nicht.

Die Motive der Auszeitnehmer sind unterschiedlich. Oft geht es ihnen um Erholung. Sie wollen auf andere Gedanken kommen. Manche versuchen auch, ein drohendes Burn-out zu verhindern. Andere wiederum nehmen ein Sabbatical zwischen den Stellen. Sie kündigen, gehen länger auf Reisen und suchen danach eine neue Tätigkeit. Dann gibt es noch die Karrieregeleiteten, die zum Beispiel eine Weiterbildung planen.

Tipps von Arbeitspsychologen

Arbeitspsychologen raten, alle fünf bis sieben Jahre ein Sabbatical einzulegen. Man sollte es mindestens ein Jahr im Voraus planen. Gisin: «Allein das Aushandeln braucht Zeit, sofern es keine feste Regelung im Unternehmen gibt.» Ob sich der Arbeitgeber auf das Ansinnen einlässt, hängt nicht selten von der Unternehmenskultur ab. Man muss schlagkräftige Argumente vorbringen können. Geht es um eine Weiterbildung, kann der Chef daraus eigene Vorteile ableiten. Dann erhöhen sich die Chancen. Weniger Verständnis dürfte er für ein Regenwaldprojekt in Brasilien aufbringen. Sabbaticals empfehlen sich grundsätzlich nicht bei Unzufriedenheit mit dem Job, weiss Gisin. Die Problem­lösung werde dadurch nur verschoben.

Vorab muss auch das Finanzielle geklärt sein. Die Versicherungen bezahlt der Auszeitnehmer normalerweise aus eigener Tasche. Bis zu sechs Monate kann der Arbeitgeber den Versicherungsschutz übernehmen. Bei mehr als sechs Monaten muss man sich privat versichern. Oft behandeln Unternehmen die Auszeit als unbezahlten Urlaub. Aber nicht immer. Manche stimmen auch zu, die angehäuften Überstunden per Sabbatical abzugelten. Andere zahlen den Lohn zum Teil weiter, um den Mitarbeitenden an sich zu binden. Drittens gibt es das Modell der Sabbatical-Rücklagen. Man verzichtet über längere Zeit auf einen Teil des Lohns, und die Beträge werden auf ein Konto eingezahlt. Von diesem Geld zehrt man während des Sabbaticals. Manchmal wird Angestellten der Langzeiturlaub auch vorgeschrieben. Bei Raiff­eisen Schweiz muss man alle fünf bis sieben Jahre verpflichtend in eine Auszeit.

Unternehmen sollten offen für Sabbaticals sein, findet Gisin. Sie bewegen sich in einer zunehmend mobilen, flexiblen Arbeitswelt, in der es gilt, hoch qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Sabbaticals sind also auch ein Schutz gegen die Abwerbungsversuche anderer. Sie helfen den Unternehmen, attraktiv zu bleiben. Wenig Offenheit für das Thema Sabbatical sieht Gisin bei kleinen und mittleren Schweizer Unternehmen, zum Beispiel bei produzierenden Betrieben mit 15 oder 20 Mitarbeitern und einer Ausrichtung ausschliesslich auf den Schweizer Binnenmarkt. Da werde es schwierig, ein Sabbatical auszuhandeln, denn die Mitarbeiter haben oft spezielle Funktionen im Unternehmen und sind kaum über längere Zeit zu ersetzen. Besser stehen die Chancen bei grösseren Unternehmen, die das Ganze eher organisieren können. Im Dienstleistungssektor befinden sich Sabbaticals im Aufwind. Genau wie bei international tätigen Technologieunternehmen, für die Forschung und Entwicklung grosse Bedeutung haben. «Sie sind darauf angewiesen, die besten Fachkräfte für sich zu gewinnen», erklärt Gisin. Unter anderem mit attraktiven Sabbatical-Regelungen.

Sabbatical durch Überstunden-Abbau

Die Migros Luzern hat für Mitarbeitende der Basis keine feste Regelung. «Grundsätzlich kann aber jeder unbezahlten Urlaub beziehen», so Antonia Reinhard, Mediensprecherin der Genossenschaft Migros Luzern. Dauer und Zeitpunkt werden dabei individuell mit dem Vorgesetzten abgesprochen und festgelegt. Wie man die freie Zeit nutzt, hat keinen Einfluss auf die Bewilligung des Antrags. Falls Mitarbeitende eine arbeitsrelevante Weiterbildung planen, prüft Migros eine Unterstützung. Diese kann finanzieller Art sein. Oder die Weiterbildung wird teilweise auf die Arbeitszeit verrechnet. In Ausnahmefällen ist es auch möglich, dass Mitarbeitende ihre Überstunden per Sabbatical an einem Stück ausgleichen. Kaderangehörige können Überstunden gemäss Anstellungsbedingungen zwar nicht abrechnen. Man schreibt ihnen aber jährlich fünf Tage zusätzlichen Urlaub gut. Maximal 40 Tage dürfen angespart werden – genug für ein Sabbatical. Migros Luzern hat Auszeiten schon für Mitarbeitende in allen Altersgruppen und Lebenssituationen genehmigt. Mit einer langfristigen Planung und etwas Rücksicht auf betriebliche Bedürfnisse sind sie fast immer realisierbar. Die Mitarbeitenden schätzen dieses Entgegenkommen meist sehr. Sie nutzen die Zeit für Reisen, Sprachaufenthalte, Familienbetreuung, Weiterbildung mit einer Dauer von wenigen Tagen bis mehreren Monaten. Den Effekt der Auszeiten beschreibt Reinhard so: «Wir sind überzeugt, dass sie die Bindung ans Unternehmen stärken. Nicht zuletzt kommen die Mitarbeitenden von einem Sabbatical in der Regel erholt, mit neuem Horizont und hoch motiviert an den Arbeitsplatz zurück. Davon profitieren alle.»

Bei Zurich Schweiz haben alle Mitarbeitenden, Kadermitglieder und normale Angestellte, ein Anrecht auf Langzeiturlaub von zwei bis sechs Monaten, wenn sie seit mindestens fünf Jahren für die Firma arbeiten. Ein Langzeiturlaub habe gegenüber unbezahlten ­Ferien wichtige Vorteile, so Mediensprecher David Schaffner. «Einerseits bleibt der Versicherungsschutz der Krankentaggeld- und Unfallversicherung bestehen, andererseits laufen die Beiträge an die Pensionskasse weiter.» Jährlich gehen rund 4 bis 5 Prozent aller Angestellten in Langzeiturlaub. Für Zurich bringt das Vorteile. Zum einen erhöht sich die Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden. Zum anderen können wertvolle Mitarbeitende im Unternehmen gehalten werden.

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