Milliardenverlust
Archegos-Debakel: Die Credit Suisse bittet ihre Aktionäre erneut zur Kasse

Wie die Bank nach den Milliardenverlusten ihre Bilanz reparieren muss, was das für ihre Zukunft bedeutet und wie die Aufsichtsbehörde reagiert.

Daniel Zulauf
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«Wir setzen alles daran, dass die Credit Suisse gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird.» CEO Thomas Gottstein will Lehren ziehen.

«Wir setzen alles daran, dass die Credit Suisse gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird.» CEO Thomas Gottstein will Lehren ziehen.

Ennio Leanza / AP

Nach Kreditverlusten in Milliardenhöhe mit dem amerikanischen Hedge-Fonds Archegos beschafft sich die Credit Suisse frisches Eigenkapital. Die Bank hat heute die Platzierung einer sogenannten Pflichtwandelanleihe angekündigt.

Mit den zu einem Satz von drei Prozent verzinslichen Anleihen erhält die Bank rund 1,8 Milliarden Franken. Mit dem Geld will sie ihre sowohl von den Investoren als auch von den Aufsichtsbehörden stark beachteten Kapitalquoten aufpolieren. Die Kernkapitalquote war im Zug der jüngsten Verluste von 12,9 Prozent per Ende Jahr auf 12,2 Prozent per Ende März eingebrochen. Mit Hilfe des zusätzlichen Kapitals und den erhofften Gewinnen in den restlichen drei Quartalen des Jahres soll sie wieder auf 13 Prozent angehoben werden.

Die Pflichtwandelanleihen wurden unter «ausgewählten Gruppen von Kernaktionären, institutionellen Investoren und ultrareichen Privatanlegern» platziert, teilte die Credit Suisse mit. Spätestens nach sechs Monaten werden die Schuldpapiere in 203 Millionen Aktien umgewandelt. Damit steigt die Zahl der ausstehenden Aktien um rund neun Prozent, was für alle Aktionäre eine entsprechende Verwässerung ihrer Eigentümerrechte bedeutet.

Aktienkurs nahm Kapitalerhöhung vorweg

Offenbar hatten die Investoren in den vergangenen Tagen und Wochen diese Kapitalerhöhung erwartet. Jedenfalls sind die Credit-Suisse-Aktien seit Bekanntgabe des Archegos-Milliardenverlustes am 6. April ziemlich genau im Umfang der nun angekündigten Ausweitung des Kapitalkleides gesunken. Am Donnerstagmorgen fielen die Titel um drei Prozent auf 9,2 Franken.

Die letzte grosse Kapitalerhöhung der Credit Suisse datiert vom Frühjahr 2017, als sich die Bank durch die Ausgabe von 405 Millionen neuen Aktien ein zusätzliches Eigenkapital von 4 Milliarden Franken beschafft hatte. Das Geld wurde für die Umsetzung des kostspieligen Restrukturierungsplans des damaligen CEO Tidjane Thiam eingesetzt.

Ehemaliger CEO der Credit Suisse: Tidjane Thiam.

Ehemaliger CEO der Credit Suisse: Tidjane Thiam.

Michael Buholzer / AFP

Seither hat Credit Suisse im Rahmen von drei Aktienrückkaufprogrammen 132 Millionen Titel im Wert von 1,6 Milliarden Franken vom Markt zurückgekauft, um den seinerzeitigen Verwässerungseffekt auszugleichen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diese neuerliche Kapitalerhöhung den Effekt dieser Rückkäufe wieder vollständig ausradiert.

Vor diesem Hintergrund erstaunt nicht, dass die Bank nun in erster Priorität ihre volle Dividendenfähigkeit zurückerlangen will und Pläne für künftige Aktienrückkäufe vorerst einmal in die Schublade wandern. In diesem Sinne äusserte sich am frühen Donnerstagmorgen in einer Telefonkonferenz auch Credit-Suisse-Finanzchef David Mathers.

Geschäftsgebahren: «Clearly unacceptable»

Der britische Finanzchef bezeichnete die Archegos-Verluste und die Milliardenverluste von Credit-Suisse-Fondsinvestoren im Nachgang zur Pleite des Lieferkettenfinanzierers Greensill als «clearly unacceptable».

Aus der Kreditfinanzierung der verrückten Aktienspekulationen des US-Hedge-Fonds-Managers Bill Hwang hat Credit Suisse nach letzter Bilanz einen Verlust von rund 5 Milliarden Dollar erlitten. Davon wurden 4,4 Milliarden Dollar dem ersten Quartal angelastet. Weitere 600 Millionen Dollar gehen nun zu Lasten des zweiten Quartals. Von Hwangs gigantischen Aktienpositionen, die Credit Suisse als Sicherheit für die Kredite genommen hatte, seien inzwischen 97 Prozent liquidiert, sagte Mathers.

Die verantwortlichen Investment-Bank-Manager und andere Spitzenkräfte im Credit-Suisse-Konzern wurden in den vergangenen Wochen entlassen. Viele Manger in hohen Positionen mussten ganz auf ihren leistungsabhängigen Teil des Jahresgehaltes verzichten, was im Fall von CEO Thomas Gottstein einer Lohnkürzung um zwei Drittel gleichkommt. Im gleichen Mass müssen am 30. April aber auch die Aktionäre auf die bereits versprochene Dividende verzichten. Statt 29 Rappen pro Titel sollen sie nur mehr 10 Rappen erhalten.

Die Investmentbank wird um ein Fünftel geschrumpft

Für die Zukunft wird die Investment Bank nun geschrumpft. Finanzchef Mathers sagte auf der Telefonkonferenz, der von Gottstein bereits angekündigte Teilrückzug aus dem sogenannten «Prime Brokerage», unter dem Banken ihre besonderen Dienstleistungen für Hedge-Fonds subsummieren, werde zu einem Rückbau von Bilanzpositionen in der Investment Bank im Umfang von 35 Milliarden Dollar oder rund 10 Prozent gegenüber Ende März führen. Das risikogewichteten Aktiven sollen sogar um nahezu ein Fünftel auf das Niveau von Ende 2020 zurückgefahren werden.

Für die Zukunft wird Investment Bank nun stark geschrumpft. Finanzchef Mathers sagte auf der Telefonkonferenz, der von Gottstein bereits angekündigte Rückzug aus dem sogenannten «Prime Brokerage», unter dem Banken ihre besonderen Dienstleistungen für Hedge-Fonds subsummieren, werde zu einem Rückbau der Risikoaktiva von 35 Milliarden Franken führen. Ende März hatte die Investment Bank Risikoaktiva in Höhe von 93 Milliarden Franken in der Bilanz. Diese Aktiva bilden sozusagen die Grundlage des Geschäfts der Investment Bank. Sie repräsentieren die eingegangen Risikopositionen, aus denen die Bank natürlich auch ihre Gewinne schöpft.

Mit der Reduktion dieser Risikopositionen um ein Drittel wird sich für die Investment Bank nicht nur das Verlustpotential, sondern selbstredend auch das Gewinnpotential reduzieren. Was dies für die künftige Gewinnkraft der Credit Suisse bedeutet, bleibt abzuwarten. Mathers sagte, die aufzugebenden Geschäfte seien im Verhältnis zum eingesetzten Eigenkapital nicht sehr profitabel gewesen.

Alles in allem hat die Credit Suisse im ersten Quartal des Jahres einen Verlust von 252 Millionen Franken eingefahren. Dies, obschon die Geschäftsbedingungen eigentlich hervorragend gewesen seien, wie Mathers betonte. Ohne die Archegos-Pleite hätte die Bank nach seinen Angaben einen Gewinn von 3,6 Milliarden Franken ausweisen können – so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr in einem einzelnen Quartal.

Die Aufarbeitung des Archegos-Debakels und die Abwicklung der Greensill-Fonds haben inzwischen auch die Aufsichtsbehörden auf den Plan gerufen. Die schweizerische Finma gab am Donnerstagmorgen bekannt, dass sie im Fall Archegos ein Enforcementverfahren gegen die Bank eröffnet habe. Damit will die Behörde mutmasslichen Mängeln im Risikomanagement auf die Spur kommen. Zudem hat Finma der Credit Suisse wieder einmal einen Untersuchungsbeauftragten eingesetzt, der die Aufarbeitung des Archegos-Debakels begleiten soll. Ein zweiter Beauftragter ist im Fall Greensill bereits aktiv. Hier hat die Finma ebenfalls ein Enforcement-Verfahren mit Fokus auf das Risikomanagement eröffnet.

Bei Bonus-Kürzungen hat auch die Finma mitgeredet

Unmissverständlich gab die Finma zudem zu verstehen, dass sie bei den Sofortmassnahmen der Bank in den vergangenen Wochen ein gewichtiges Wort mitgeredet hat. Ausdrücklich nannte die Finma in ihrer Mitteilung «Massnahmen organisatorischer Natur» (zum Beispiel Entlassungen hochrangiger Führungspersonen), «risikomindernde Massnahmen» (zum Beispiel den erwähnten Rückbau der Investment Bank), «Kapitalzuschläge» (in der Spitze beliefen sich diese für Greensill und Archegos auf 8,25 Milliarden Franken) sowie «Kürzungen oder Sistierungen von variablen Vergütungskomponenten» (also die erwähnten Bonuskürzungen).