Gesundheistkosten
Arzneimittelpreise: Wie viel ist zu viel?

Arzneien werden cleverer und teurer. Wollen wir uns im Gesundheitswesen alles leisten? Können wir es? Macht es Sinn?

Marcel Speiser
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Das Spiel «Dr. Bibber»: Wer sorgfältig operiert, wird belohnt. KEYSTONE

Das Spiel «Dr. Bibber»: Wer sorgfältig operiert, wird belohnt. KEYSTONE

Stellen wir uns vor, ein für Sie unbekannter 55-jähriger Schweizer leidet an einer unheilbaren Krankheit. Es ist ein Gendefekt, der Mann kann also nichts dafür. Gegen die Krankheit gibt es ein Medikament, das den Fortschritt der Krankheit stoppt, die Invalidisierung des Patienten verhindern kann. Allerdings ist die wissenschaftliche Beweislage zum therapeutischen Nutzen des Medikaments dünn. Dazu kommt: Die Arznei kostet 300000 Franken pro Jahr.

Welche Fragen sich stellen

Jetzt die heiklen Fragen: Finden Sie es richtig, dass die Grundversicherung des Unbekannten die Therapie nicht bezahlen muss? Würde sich Ihre Meinung ändern, wenn der betroffene Patient Ihr Ehemann oder Ihr Kind wäre? Was, wenn der Patient jünger oder älter wäre? Macht es für Sie einen Unterschied, ob es sich beim Patienten um einen Hilfsbauarbeiter oder um einen Wissenschafter handelt? Was, wenn das Medikament nicht 300000 Franken, sondern 3000 Franken kosten würde? Gibt es für Sie eine preisliche Schmerzgrenze nach oben? Oder halten Sie es grundsätzlich für unethisch, einem Menschen ein wohl wirksames Medikament vorzuenthalten, weil es teuer ist?

Gilt dies auch, wenn Sie als Folge davon zum Beispiel fünfmal höhere Krankenkassenprämien bezahlen müssten? Könnten Sie sich das mit Ihrem Budget leisten? Darf eine Gesellschaft einem Menschenleben einen monetären Wert geben? Was sagen Sie zum Beispiel zu 100000 Franken pro Jahr? Scheint Ihnen das zu wenig? Wären 500000 Franken angemessener? Fänden Sie es also richtig, dass die Krankenkassen Therapien bis zu diesem Betrag vergüten? Oder müsste der Staat den Pharmafirmen maximale Preise vorschreiben? Und wenn die Firmen dann keine Forschung mehr betreiben, weil es sich nicht mehr lohnt? Was, wenn dadurch Arbeitsplätze verloren gingen?

Solche Fragen stellen sich nach einem Urteil des Bundesgerichts. Es hat kürzlich entschieden, dass eine Krankenkasse einem Versicherten mit der Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe – daran leiden in der Schweiz nur 15 Personen – das von der Firma Genzyme hergestellte Medikament Myozyme nicht bezahlen müsse. Die Richter kamen zum Schluss, dass ein gerettetes Lebensjahr maximal 100000 Franken kosten dürfe, um von der Grundversicherung bezahlt zu werden. Myozyme aber kostet pro Jahr rund 300000 Franken.

Das Urteil hat Folgen: «Kein Patient in der Schweiz bekommt nach dem Urteil noch Myozyme vergütet», sagte am Freitag Genzyme-Manager Simon Rohrer an einer Tagung zum Richterspruch. Dort diskutierten Fachleute – Ethiker, Ärzte, Ökonomen und Juristen – über Themen, welche die Politik allzu gerne verdrängt: die Rationierung im Gesundheitswesen, die Wirtschaftlichkeit des medizinisch Möglichen, die Knappheit der Ressourcen. Erschreckend dabei: Selbst die Fachleute haben keine gut begründeten Antworten auf die gestellten Fragen. Sie haben die Politik aber aufgefordert, mehrheitsfähige Antworten zu finden.

Die Kosten der Personalisierung

Klar nämlich ist: Die Arzneien und Therapien, welche die Pharmaindustrie entwickelt, werden immer teurer. Dies unter anderem deshalb, weil die Medikamente künftig personalisiert sein werden. Das heisst: Sie werden nur jenen Patienten verabreicht, bei denen sie tatsächlich wirken. Heute ist das oft nicht der Fall.

Personalisierte Pillen können die Gesundheitskosten insgesamt senken. Sicher aber ist, dass sie pro Patient teurer werden. Denn ihre Entwicklungskosten müssen mit weniger Verabreichungen eingespielt werden. Das heisst: Heikle Fragen wie im Fall Myozyme dürften künftig an der Tagungsordnung sein. Nicht nur bei der Behandlung von seltenen Krankheiten. Sondern etwa auch in der Behandlung von weitverbreiteten Krebsarten.

Buchtipp Jörn Klare: «Was bin ich wert? Eine Preisermittlung», 268 S., Berlin 2010.