ATHEN: Der Sommer der Griechen

Die griechische Tourismusbranche boomt. Dem Land kommt zugute, dass andere Sommerregionen wegen Terrorangst gemieden werden. So steht der Pleitestaat als Feriendomizil plötzlich zuoberst auf der Liste von Sonnenhungrigen.

Gerd Höhler, Athen
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Griechische Feriendomizile wie die Insel Santorini sind in diesem Sommer der Renner. (Bild: Getty)

Griechische Feriendomizile wie die Insel Santorini sind in diesem Sommer der Renner. (Bild: Getty)

Gerd Höhler, Athen

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

«Die Saison ist gelaufen», sagt Akis Pappas und blickt zufrieden auf den Bildschirm seines Buchungssystems. Der 42-Jährige führt ein Dreisternehotel auf der Ägäisinsel Santorin. «So früh im Jahr waren wir noch nie so gut gebucht», sagt Pappas. Bis in den September hinein ist er ausverkauft. Sogar im Oktober, wenn die Saison eigentlich zu Ende geht, ist sein Haus bereits zu fast 70 Prozent belegt.

Griechenland steht vor einem neuen Reiserekord. Nachdem die hellenischen Hoteliers und Tavernenwirte bereits 2016 mit 27,8 Millionen Besuchern mehr Gäste als je zuvor begrüssten, erwarten sie in diesem Jahr rund 30 Millionen ausländische Ferienhungrige. Der Tourismus wird damit immer mehr zu einer starken Lokomotive, die Griechenlands Wirtschaft aus der Krise ziehen könnte. Für 2017 erwartet die Regierung ein Wachstum von 1,8 Prozent – vor allem dank des Fremdenverkehrs.

Steuerte der Tourismus zu Beginn der Krise 2010 noch 15,6 Prozent zum griechischen Bruttoinlandprodukt bei, waren es 2016 nach Berechnungen des World Travel & Tourism Council (WTTC) bereits 18,6 Prozent. Auf den Fremdenverkehr entfallen direkt 12 und mittelbar sogar 25 Prozent aller Arbeitsplätze.

Besonders viele Deutsche zieht es nach Griechenland

Vor allem bei den Deutschen steht Griechenland in diesem Jahr hoch im Kurs. «Kein anderes Reiseland gewinnt in absoluten Umsatzzahlen derzeit so stark», ermittelte das Marktforschungsunternehmen GfK jetzt in einer Analyse zum Reiseverhalten der Deutschen. «Griechenland steigt nach den Balearen zum zweitstärksten Ferienziel im deutschen Markt auf», stellte GfK dabei fest.

Die griechischen Hoteliers profitieren nicht nur von der prekären Sicherheitslage und den politischen Turbulenzen in der Türkei, sondern auch von eigenen Stärken: «Die Qualität der Hotels und der Service-Level in Griechenland waren noch nie so hoch wie heute», berichtet Marek Andryszak, Geschäftsführer des Reisekonzerns TUI in Deutschland. TUI hat das Griechenland-Geschäft in diesem Jahr kräftig ausgebaut. Vor allem auf den Inseln Kreta, Rhodos und Kos wurden die Hotelkapazitäten erweitert. Auch beim Preis-Leistungs-Verhältnis kann das früher als teuer geltende Hellas mithalten. Im Tourismus-Wettbewerbsranking des World Economic ­Forum erzielte Griechenland in diesem Jahr 4,51 von 7 möglichen Punkten und stieg unter 136 Ländern vom 31. auf den 24. Rang auf.

Hoffnungsmarkt China

Nach den Prognosen des WTTC sollen die Erlöse im griechischen Tourismus von 14,7 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr bis 2027 auf 24,6 Milliarden Dollar steigen. Allein mit Gästen aus den europäischen Ländern und den USA ist dies allerdings nicht zu schaffen. Die griechische Tourismuswirtschaft setzt deshalb verstärkt auf neue Märkte. Eine Schlüsselrolle soll dabei China spielen. Im vergangenen Jahr kamen 150 000 Gäste aus dem Reich der Mitte nach Griechenland. Jim Jiannong Qian, Vizepräsident der chinesischen Fosun International Ltd., will diese Zahl mittelfristig auf 1,5 Millionen verzehnfachen.

Zum Fosun-Portfolio gehört seit Anfang 2015 der Klubferien-Anbieter Club Méditerranée. Ausserdem hält Fosun rund 8 Prozent an Europas zweitgrösstem Reiseveranstalter Thomas Cook. Über Thomas Cook werde man speziell auf die chinesische Kundschaft zugeschnittene Griechenland-Angebote anbieten, kündigte Qian jetzt bei einem Besuch in Athen an. «Griechenland ist ein sehr sicheres Reiseziel», unterstrich Fosun-Vizechef Jiannong Qian.

Fosun, das grösste private Konglomerat Festlandchinas, ist in Griechenland bereits stark engagiert: Die Beteiligungsgesellschaft hält Anteile am griechischen Schmuck- und Lifestyle-Konzern Folli Follie.

Gemeinsam mit dem griechischen Immobilienentwickler Lamda Development und dem Investor Al-Maabar aus Abu Dhabi ist Fosun auch an einem Joint Venture zur Entwicklung des früheren Flughafengeländes Ellinikon bei Athen beteiligt. Auf dem Areal, das mit 620 Hektaren zweimal so gross ist wie der New Yorker Central Park, sollen dereinst Hotels, ein Casino, Einkaufszentren, Wohnungen, Konferenzeinrichtungen und eine Parklandschaft entstehen – mit einem geplanten Volumen von rund 8 Milliarden Euro die grösste private Investition in Griechenland. Das Projekt soll auch zu einem Magnet für Touristen werden.