Adelboden
Auf der Suche nach Schnee: «Wir müssen halt etwas zusammenkratzen»

Ein Tagesausflug ins Berner Skigebiet bei Adelboden, das diese Woche einen Ansturm erlebt, weil es seit Ende November Schnee hat - und das damit seinem Werbespruch gerecht wird.

Mario Fuchs
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«Wir müssen halt etwas zusammenkratzen»: Auf der Engstligenalp wird mit dem Schnee haushälterisch umgegangen.
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Diese Schneekanonen generieren an einem besonders kalten Ort, wo keine Sonne hinkommt, Schnee fuer den Weltcup.
Urs Pfenninger ist Geschäftsführer von Adelboden-Frutigen Tourismus: «Natürlech hei mer Schnee!»
In Flüelen gibt es einen direkten Bus nach Adelboden, welcher von enthusiastischen Ski- und Snowboardfahrern gut gefüllt wird.
Alte Plakate von Adelboden hängen im Tourismusbüro von Adelboden.
Alte Plakate von Adelboden hängen im Tourismusbüro von Adelboden.
Der beheizte Pool des Cambrian Hotel lädt auch bei kalten Temperaturen zum Verweilen ein.
Im Dorf gibt es genügend Gelegenheiten für Kinder, um die Zeit zu vertreiben.
Auf der Terasse des Cambrian Hotel vertreiben sich die Leute in strahlendem Sonnenschein die Zeit.
Den walesischen Besitzern des Hotels liegt es am Herzen, Kunst aus ihren Gefielden im Hotel zu präsentieren.
Hier wird eine Tribüne für den Weltcup in einer Woche aufgestellt.
Diese Schneekanonen generieren an einem besonders kalten Ort, wo keine Sonne hinkommt, Schnee für den Weltcup.
Impressionen von der Engstligenalp
Impressionen von der Engstligenalp
Auf der Suche nach Schnee
Impressionen von der Engstligenalp
Impressionen von der Engstligenalp
Impressionen von der Engstligenalp
Impressionen von der Engstligenalp §
Impressionen von der Engstligenalp
Impressionen von der Engstligenalp
Impressionen aus Adelboden
Impressionen aus Adelboden

«Wir müssen halt etwas zusammenkratzen»: Auf der Engstligenalp wird mit dem Schnee haushälterisch umgegangen.

Mario Heller

Wer jetzt Schnee sucht, startet auf Gleis 1. Die Menschen, die an diesem Dienstagmorgen im Bahnhof Bern auf dem Perron stehen, tragen Ski auf den Schultern und Boards unter den Armen. Auf der Tafel, die die Destination anzeigt, steht Frutigen, aber eigentlich müsste «Winter» stehen. Im Zug nehmen die Reisenden Thermosflaschen aus ihren Rucksäcken, schälen Mandarinli.

Im Bus 230, Richtung Adelboden Post, öffnet eine Frau ihre Skijacke und beendet das Klingeln ihres Telefons mit einem Wisch. «Hallo? Jaa, mir si im Böss.» Ja, sie habe einfach Jeans angezogen. Und die wärmsten Schuhe, die sie gefunden habe. «Si hei eifach kes Profiu meh, aber das macht ja nüüt im Moment.» Die Sitzplätze sind schnell vergeben, Skischuhe klappern sich an einem Hund vorbei. Einige Passagiere müssen stehen. Die Wiesen entlang der kurvigen Strasse sind grün. Das Engstligental liegt im Schatten. Der Blick aus dem Fenster endet auf leicht verschneiten Bergspitzen – eine Vorahnung: Der Winter kommt näher. Ab Haltestelle Bettbach erste weisse Flecken auf Augenhöhe. Dann, kurz vor Adelboden, überholt der Bus drei Mountainbiker, die talaufwärts pedalen. Mit langem Atem, aber in kurzen Hosen.

Urs Pfenninger, Direktor Adelboden Tourismus, trägt Jackett, Einstecktuch und Strickpullover farblich abgestimmt und den Schweiz-Tourismus-Pin mit Stolz. Er sagt Sätze wie: «Wintersport in der Schweiz ist für ausländische Touristen wie Mercedes fahren.» An den Wänden seines Büros hängen gerahmte Plakate, ikonische Originale aus den 30er-, 60er-, 80er-Jahren. Daneben stehen ein Schlitten und zwei Paar Ski. Gekauft, nicht gemietet.

Immer alles sofort und überall

«Natürlech hei mer Schnee!», ruft Pfenninger und macht ein Gesicht, als sei immer noch Weihnachten und als könnte er jeden Tag sein Geschenk von neuem auspacken. Dann sagt er, weniger strahlend: «Es gab Leute, die sagten im Engadin ab und kamen zu uns. Aber damit brüsten wir uns nicht. Nächstes Jahr kann es umgekehrt sein.» Er könnte uns jetzt, sagt Pfenninger, am Computer Bilder zeigen aus den Achtzigerjahren, «alles braun». Das habe es immer wieder mal gegeben. Was sich sicher verändert habe, sei der Mensch: «Wir sind uns heute gewohnt, immer alles sofort überall zu erhalten.»

Dass das nicht geht, weiss man in Adelboden. Im letzten Winter 2014/15 hatten sie einen Prospekt gedruckt: «Winterferien einmal anders» – Angebote, für die es keinen Schnee braucht. Die aktuelle Broschüre trägt den Titel «Alles fährt Ski». Zwar sind die Hänge auf Dorfhöhe grösstenteils braun, doch oben auf den Alpwiesen, wo die Bügel- und Sessellifte fahren, liegt Schnee. Gefallen war er Ende November. Und weil es trotz Sonne nicht zu warm wurde, hat es im Gegensatz zu den meisten anderen Skigebieten noch Schnee – genug, um 26 von 38 Anlagen zu betreiben.

Roger Steiner, Geschäftsführer der Tschentenalp- und Engstligenalp-Bahnen, steht an der Talstation unterhalb der Engstligen-Wasserfälle. «Ouso, gömer chli a d’Sunne ufe?» fragt er rhetorisch. Die Gondel ist so voll, dass niemand umfallen kann. Eine Frau wendet sich an Steiner, der in der offiziellen Jacke der Bahn unterwegs ist: «Ihr werdet eurem Werbespruch also gerecht!» Auf dem Pistenplan steht: «Wir mache eifach alls für üser Gescht!». Für Steiner und sein Team heisst das im Moment, nicht wie in der Fernsehwerbung die präparierten Rillen der Piste auszumessen, sondern haushälterisch umzugehen mit dem, was noch nicht geschmolzen ist. «Wir müssen halt etwas zusammenkratzen», sagt Steiner, «das ist optisch nicht so schön, aber in der Neujahrswoche müssen wir einfach parat sein, jeden Tag.»

Bikini und Sonnenbrille

Auf der Engstligenalp, einem Hochplateau, weiden im Frühsommer Kühe, im Spätsommer lochen Golfer ein. Jetzt steht hier ein riesiges Iglu mit über einem Dutzend Kuppeln. Das «Fondue-Iglu» ist ausgebucht, mit doppelter Belegung je Abend. «Allein bis Ende Dezember werden es 7000 Reservationen gewesen sein», sagt Steiner. Es ist kalt im Iglu, doch Glühwein und Käse ersetzen die Sonne vorübergehend. Im Viersternehotel «The Cambrian» plätschert drinnen Lounge-Jazz aus Lautsprechern und draussen heisses Wasser in den Pool. Zwei Frauen in Bikini und Sonnenbrille geniessen die Aussicht. Direktorin Anke Lock kurbelt die Sonnenstore ein: «Seit bald einem Monat ist das Wetter so schön!» Die Buchungen seien heuer spät gekommen. «Aber jetzt sind wir ausgebucht.» So geht es fast allen Hotels im Gebiet. Dank der Sonne könnten die Gäste – trotz des wenigen Schnees – «viel unternehmen». 30 Prozent seien heutzutage ohnehin Nicht-Skifahrer. Sie gingen wandern und wellnessen – oder einfach gut essen. «Ich habe noch nie so viele Restaurant-Tipps ausgegeben», sagt Anke Lock. Klar, es sei Winter, da hätte man es schon gerne weiss. Die Gäste seien dennoch völlig entspannt. «Wer fahren will, kann. Die Pistenpräparation macht einen super Job.»

Die nächsten Flocken erwartet Urs Pfenninger für die Neujahrsnacht. Wichtig wären sie für die Weltcuprennen, die am 8. und 9. Januar am Chuenisbärgli stattfinden. Pfenninger ist sicher, dass es schneien wird. Auf einer Wiese am Dorfrand, die immer im Schatten liegt, wird aber schon mal Rennschnee aus Bergwasserkraft produziert.
Sicher ist sicher.