GPS
Auf Navis ist nicht immer Verlass

Alle Jahre wieder bleiben Lastwagen unter Brücken hängen: Die Lkw-Chauffeure haben vor lauter Vertrauen in ein GPS die Höhenangaben nicht beachtet. Ein Versehen mit kostspieligen Folgen.

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Navigationgerät

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Keystone

Auf der Mellingerstrasse in Baden kracht es immer mal wieder bei der SBB-Brücke, weiss Stephan Jäggi, Fahrlehrer beim Transportunternehmen Planzer AG. Dann und wann verschätzt sich ein Lastwagen-Chauffeur bei der 3,9 Meter hohen Überführung und bleibt hängen.

Schuld sind die Tücken von Navigationsgeräten: Wählen LKW-Chauffeurs die «kürzeste Route», führt sie das Navigerät auf der kürzesten, aber nicht immer geeignetsten Route zum Ziel. Brücken, die dem Gewicht eines LKWs nicht standhalten, Über- und Unterführungen, die nicht hoch genug sind und zu schmale Gässlein zwingen die Chauffeure dann zum umkehren.

Eine Kehrwende ist noch das kleinste Übel. Bleibt ein Chauffeur mit seinem Gefährt aber unter einer Brücke hängen, kann es teuer werden. «Die Reparaturkosten variieren stark, je nachdem ob es ein Plachenaufbau oder ein Kofferaufbau ist und ob die Fahrerkabine beschädigt ist oder nicht», erklärt Fahrlehrer Jäggi. Ein neuer Aufbau kostet laut Jäggi 40'000 bis 50'000 Franken. Ein Totalschaden schlägt sogar mit einer Viertel Million Franken zu Buche. «Wir haben schon den einen oder anderen Schadenfall im Jahr. Die meisten Chauffeure kennen ihr Gebiet aber sehr gut», sagt Jäggi. Auch die Astag bestätigt, die Schweizer Chauffeure kennen sehr gut aus.

Leidtragende bei GPS-hörigen Lastwagenchauffeuren sind hingegen auch Anwohner von Gebieten, in die sich die Chauffeure regelmässig verirren. In Kaisten fahren immer wieder Lastwagen im Dorf, die eigentlich das Industriequartier Hardmatt ansteuern. Endstation ist dann bei einer kleinen Brücke, die mit einem Lastwagenfahrverbot gekennzeichnet ist.
Grund für die Irrfahrten sind nicht nur die GPS-Geräte, sondern auch die LSVA. Für jeden gefahrenen Kilometer muss Schwerverkehrsabgabe bezahlt werden. Deshalb ist es interessant, eine zeitlich etwas länger dauernde Route zu wählen, die aber von der Distanz her deutlich kürzer ist.
Weitere solche Routen, die für LKWs nichts taugen findet man im Fricktal:
In Rheinfelden wurde dieses Jahr die alte Verbindungsstrasse zwischen Rheinfelden und dem Industriegebiet Riburg in Möhlin zurückgebaut. Seither ist die Durchfahrt verboten.
In Eiken lockt das Navigationsgerät immer wieder Auto- und Lastwagenfahrer von der Hauptstrasse weg, da die «kürzeste Strecke» durch die Hinterdorfstrasse führt.
Wer in Sisseln von Laufenburg her das Industriequartier östlich der Laufenburgerstrasse ansteuert, wird vom Navigationsgerät durch ein Wohngebiet und anschliessend über eine Brücke mit Lastwagenfahrverbot geleitet.
In Schupfart führt die «kürzeste Strecke» von Eiken nach Obermumpf durch ein Wohngebiet, an der Schule vorbei durch einen schmalen Weg.
Bernhard Horlacher, der Gemeindeammann von Schupfart, hat reagiert und die falschen Kartendaten gemeldet. Innerhalb von wenigen Tagen sei der Fehler im Routenplaner TwixRoute korrigiert worden, sagt er.
Momentan gebe es auf dem Markt noch keine Navigationsgeräte, bei denen zwischen Navigation für Autos, Lastwagen oder Cars gewählt werden könne, sagt Bruno Baronio, TeleAtlas-Verkaufsleiter für die Schweiz und Österreich. Hauptgrund ist ein rechtliches Problem: Wenn die GPS-Software die Durchfahrt unter einer Brücke freigibt, ein Lastwagen aber nach einer baulichen Veränderung an der Brücke hängen bleibt, ist nicht klar, wer für den Schaden haftet. Wenn eine Gemeinde entsprechende Hinweistafeln anbringe und dies auch an TeleAtlas melde, könne eine Ansage programmiert werden, die auf die beschränkte Durchfahrt hinweise, so Baronio.

Ungefähr 15% des Strassennetzes verändern sich jedes Jahr. Bis diese Änderungen in den Karten von neuen Navigationsgeräten erfasst sind, vergehen mindestens sechs bis zwölf Monate. Besitzer von alten Navigationsgeräten müssen selber aktiv werden und Updates kaufen oder aus dem Internet herunterladen. Ausserdem können auch Anwohner, die verirrte Lastwagen und Autos beobachten, reagieren und wie Bernhard Horlacher oder die Gemeinde Kaisten mit den Lieferanten der digitalen Karten Kontakt aufnehmen. Doch letztlich muss jeder Auto- und Lastwagenfahrer selber entscheiden, ob er die laut GPS kürzeste Strecke durch ein Wohngebiet fährt oder eine etwas längere Strecke in Kauf nimmt und dabei auf der Hauptstrasse bleibt.