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Raiffeisen bricht mit zahlreichen Reformen in die Zukunft auf

Im Nachgang der Affäre Vincenz professionalisiert Raiffeisen nicht nur den Verwaltungsrat, sondern will auch die Macht zwischen der Zentrale und den Banken neu verteilen. Jetzt sind Details bekannt.
Thomas Griesser Kym
Interimspräsident Pascal Gantenbein treibt mit seiner Crew die Erneuerung Raiffeisens voran. (Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 9. März 2018))

Interimspräsident Pascal Gantenbein treibt mit seiner Crew die Erneuerung Raiffeisens voran. (Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 9. März 2018))

Die Affäre Vincenz hat die Eiterbeule bei Raiffeisen Schweiz zum Platzen gebracht. Die mutmasslichen Verfehlungen des früheren Vorsitzenden der Geschäftsleitung haben zum einen offen gelegt, dass der Verwaltungsrat der Genossenschaftsbank nicht funktioniert hat, weil er seine Aufgabe als Aufsichtsorgan über den operativen Chef in eklatanter Weise vernachlässigt hat. Zum anderen gibt die Aufarbeitung der Affäre Anlass, die Strukturen der Raiffeisen-Gruppe zu überarbeiten und das Zusammenspiel zwischen der Zentrale in St. Gallen und den einzelnen Raiffeisenbanken sowie deren Regionalverbänden in zeitgemässe Modelle einzubetten.

An der Präsentation der ­Semesterzahlen der Raiffeisen-Gruppe vergangene Woche hatte Vincenz’ Nachfolger, der scheidende Raiffeisen-Chef Patrik Gisel, Eckpunkte eines Reformprogramms namens «Fokus 21» skizziert. Dieses sieht vor, die 246 Raiffeisenbanken künftig «stärker und transparenter» in die Führung und die Entscheidprozesse einzubinden sowie die Zusammenarbeit der Zentrale mit den einzelnen Geldinstituten zu optimieren. Teil von «Fokus 21» ist ferner die Prüfung der Vor- und Nachteile einer Umwandlung von Raiffeisen Schweiz von einer Genossenschaft in eine AG.

Gremien als blosse Staffage

Mittlerweile ist etwas klarer, ­worum es sich bei «Fokus 21» dreht. Wie aus Kreisen des obersten Führungszirkels von Raiffeisen Schweiz verlautet, geht es im Kern um drei Punkte: erstens die künftige Mitsprache der Raiffeisenbanken, zweitens den Umfang des Leistungskatalogs der Zentrale für die Banken sowie dessen Finanzierung und drittens die optimale Organisationsform. Parallel dazu sucht der Verwaltungsrat neue Köpfe, um sich zu erneuern, und ebenso läuft die Suche nach einem Nachfolger oder eine Nachfolgerin Gisels. Für die ganze Personalsuche hat Raiffeisen Headhunter Guido Schilling eingespannt. In Arbeit ist zudem ein neues Vergütungsmodell für den Verwaltungsrat.

Raiffeisen hat laut der Quelle mehrere strukturelle Defizite. Das betrifft einmal die Art und Weise der Einbindung der Raiffeisenbanken in strategische Fragestellungen. Als Bindeglied zur Zentrale kennt Raiffeisen zum ­einen die Delegiertenversammlung (DV), an welche die 246 Raiffeisenbanken gut 160 Delegierte entsenden. Die DV war jedoch bisher ein Kopfnickergremium, und mittlerweile stellt sich das Problem, dass die Grössenunterschiede der einzelnen Banken ein beachtliches Ausmass erreicht haben.

Soll jede Bank eine Stimme haben?

Das führt zur Frage, ob jede Bank eine Stimme haben soll oder ob grössere Institute mehr Gewicht haben sollen. Zum anderen gibt es die Präsidenten der 21 Raiffeisen-Regionalverbände. Dieses Gremium ist indessen statutarisch gar nicht legitimiert und wird, so die Quelle, «nicht mehr lange überleben». Raiffeisen habe «Dialoggefässe ohne Entscheidungsgewalt», räumt die Quelle ein. Konsequenz: Ein neues Gremium, das sich mit strategischen Fragen befasst, muss geschaffen werden.

Das führt zur Frage, ob jede Bank eine Stimme haben soll oder ob grössere Institute mehr Gewicht haben sollen. Zum anderen gibt es die Präsidenten der 21 Raiffeisen-Regionalverbände. Dieses Gremium ist indessen statutarisch gar nicht legitimiert und wird, so die Quelle, «nicht mehr lange überleben». Raiffeisen habe «Dialoggefässe ohne Entscheidungsgewalt», räumt die Quelle ein. Konsequenz: Ein neues Gremium, das sich mit strategischen Fragen befasst, muss geschaffen werden.

Umstrittene Leistungen und deren Abgeltung

Reformbedarf weist auch der Leistungskatalog samt Finanzierung auf. Raiffeisen Schweiz erbringt zahlreiche Dienstleistungen für die einzelnen Raiffeisenbanken. So fungiert Raiffeisen Schweiz als Zentralbank, kümmert sich um das Risikomanagement, sorgt für einen gemeinsamen Marktauftritt, bietet Rechtsunterstützung oder kümmert sich um die langfristige strategische Entwicklung der Gruppe. Dazu gehört auch eine funktionierende IT-Infrastruktur als Basis für die fortschreitende Digitalisierung.

Die Rolle von Raiffeisen Schweiz in der Gruppe wird nun auf Herz und Nieren abgeklopft. Klar ist, dass gewisse Leistungen auch weiterhin zentral erbracht werden, nicht zuletzt darum, weil dies auch die Finanzmarktaufsicht (Finma) so fordert. Dazu zählt etwa das Risikomanagement, für die Finma eine essenzielle Komponente.

Andere Leistungen jedoch sollen die Raiffeisenbanken in Zukunft freiwillig beziehen können und wenn, dann zu einem volumenabhängigen Preis. Das kommt laut ersten Reaktionen von Raiffeisen-Leuten an der Basis gut an. Ein Beispiel ist laut der Quelle die Marktbearbeitung. Hier gibt es schon heute grössere Raiffeisenbanken, die auf diesem Feld selber aktiv sind, mit eigenen Mitarbeitenden. Kleinere Banken dagegen dürften froh sein, wenn dies auch weiterhin von Ressourcen der Zentrale erledigt wird. Die Finanzierung wird ebenfalls durchleuchtet, denn die aktuellen Regeln datieren aus dem Jahr 1991 und gelten heute als Dickicht, sprich: Sie sind intransparent. Seither hat sich nämlich einiges geändert: Raiffeisen ist in die Städte vorgedrungen, ist nunmehr systemrelevant und hat sich im Anlagegeschäft verbreitert, um neben dem angestammten Zinsgeschäft einen zweiten starken Pfeiler aufzubauen.

Raiffeisen-Verwaltungsrat will an Genossenschaft festhalten

In der Frage des Rechtskleids von Raiffeisen Schweiz machen Raiffeisen-Exponenten, vom Verwaltungsrat und der Geschäftsleitung bis hin zu Bankstellenleitern, keinen Hehl daraus, dass sie an der Genossenschaft festhalten wollen. Dieses Modell wird durch alle Böden verteidigt, muss nun aber auf Geheiss der Finma Vor- und Nachteilen einer AG gegenübergestellt werden.

Die Quelle stellt sich auf den Standpunkt, als AG hätte Raiffeisen einen etwas besseren Zugang zum Kapitalmarkt, und aus Überlegungen der Corporate Governance (gute Unternehmensführung) könnte eine AG sinnvoll sein. Allerdings tue Raiffeisen hier viel zur Verbesserung mit der Erneuerung des Verwaltungsrates und der geplanten Strukturreformen. Summa summarum sagt die Quelle: «Wir sehen nicht den geringsten Grund zur Änderung der Rechtsform.» Man prüfe sie nun aber neutral und ergebnisoffen.

«Genügend valable Kandidaten»

Der von Pascal Gantenbein interimistisch präsidierte Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz besteht aktuell aus sieben Mitgliedern und soll an der ausserordentlichen DV im November auf das statutarische Minimum von neun Köpfen aufgestockt werden. Dafür und zum Ersatz von Rücktritten will Raiffeisen vier bis fünf neue Kandidaten für das Aufsichtsgremium sowie eine Person für das Präsidium vorschlagen.

Laut der Quelle gibt es aus ­anfänglich 400 Bewerbungen «genügend valable Kandidaten», und zwar vier bis sechs für jedes der vier Kompetenzfelder, die es zu besetzten gibt und woran es Raiffeisen bisher mangelt. Diese Felder heissen Bankgeschäft, ­Risikomanagement, Compliance (Einhaltung von Richtlinien) und IT. Dem neuen Verwaltungsrat wird es dann obliegen, einen neuen operativen Chef oder eine Chefin für die Gisel-Nachfolge zu wählen. Die neue Kraft soll Anfang 2019 beginnen. Aber das wäre dann der Idealfall. Möglicherweise dauert es etwas länger.

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