Schweizerische Nationalbank

Auffällige Kurszuckungen: Hat Hildebrand Leute vorinformiert?

Die Ausschläge beim Euro-Franken-Wechselkurs kurz vor der Intervention werfen Fragen auf. Hat Nationalbankpräsident Philipp Hilderband Insiderwissen weitergegeben?

Marc Fischer
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Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand

Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand

Keystone

Am 6. September 2011 hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestwechselkurs des Euro bei Fr.1.20 festgelegt. SNB-Präsident Philipp Hildebrand teilte den Entscheid Punkt 10 Uhr der Öffentlichkeit mit. Der Sekundenchart der Wechselkursentwicklung zeigt aber bereits am 5.September kurz nach 16 Uhr und am 6.September zwischen 8 und 10 Uhr auffällige Ausschläge (siehe Grafik).

Jene Kurszuckungen sorgen in Finanzkreisen auch heute noch für Irritationen. Umso mehr, als die SNB mit dem überraschenden Communiqué im Zusammenhang mit den Gerüchten aus unbekannten Quellen über allfällige Insider-Deals von Hildebrand mehr Fragen als Antworten aufgeworfen hat.

AZ

«Die Kursausschläge kurz vor der Intervention am 6.September stinken zum Himmel», so die pointierte Wortwahl eines Zürcher Private Bankers, der anonym bleiben will. «Die Ausschläge vor der Intervention signalisieren, dass in den Stunden vor der Intervention Milliardenbeträge umgesetzt worden sind», sagt ein anderer Banker, der ebenfalls nicht namentlich genannt werden will. Und der ehemalige Leiter einer Devisenabteilung einer Grossbank sagt: «Für mich spiegelt der Chart Insiderwissen – eine Gruppe Marktteilnehmer muss wohl von der anstehenden Intervention gewusst haben.»

Gerüchte um geheime Treffen

Der Private Banker vermutet vielmehr, dass die Geschichte um die Dollartransaktionen von Hildebrands Frau und Tochter (az vom 27. Dezember) von einem anderen Sachverhalt ablenken sollte: «Es waren viele Kreise über die SNB-Intervention vorinformiert und haben daran dann auch kräftig mitverdient.» So soll es etwa am 2. September in Zürich zu einem Treffen von Hildebrand mit Managern der Credit Suisse gekommen sein. Eine andere Quelle berichtet, dass auch verschiedene Klein- und Mittelunternehmen (KMU) informiert waren. «Ich habe Gerüchte gehört, dass es zu einem Treffen der SNB mit gewissen KMU-Chefs gekommen sei», sagt einer der Banker.

Die Nationalbank wollte dazu keine Stellung nehmen. «Weder bestätigen wir die erwähnten Treffen noch kommentieren wir die Euro-Franken-Kursentwicklung», sagt SNB-Sprecherin Silvia Oppliger auf Anfrage der az. An der Jahresendmedienkonferenz sagte Hildebrand auf die Frage eines Journalisten zur Kursentwicklung am Tag der Intervention: «Ich habe an diesem Tag eher Reaktionen erhalten, dass viele Trader Geld verloren haben.»

Ein Leck bei der SNB halten Beobachter nicht für unmöglich. «Es ist vorstellbar, dass gewisse Akteure vor der Intervention Bescheid wussten», sagt David Kohl, Devisenexperte bei der Bank Julius Bär. Dagegen sei auch nichts einzuwenden. Im Gegenteil: «Wenn man die Marktintervention zusammen mit dem Privatsektor gemacht hat, wäre das sehr clever von der SNB gewesen.» Damit hätte sie die Kursintervention nämlich mit deutlich weniger eigenen Mitteln zustande bringen können.

«Es ist ja auch bei anderen Zentralbanken auf der Welt üblich, dass man mit dem Privatsektor spielt, indem Interventionen jeweils angedeutet werden.» Dazu stünde den Zentralbanken ein reichhaltiges Portfolio an verbalen Interventionen zur Verfügung. Auch die SNB machte schon zwanzig Tage vor der Festlegung des Euro-Mindestkurses bei Fr.1.20 deutlich, dass sie den Franken für massiv überbewertet hielt. Sie werde aus diesem Gund «bei Bedarf weitere Massnahmen gegen die Frankenstärke ergreifen», wie es im SNB-Communiqué vom 17. August hiess.

Der Bundesrat muss antworten

Damit sei die Risikoverteilung beim Devisenpaar Euro-Franken recht einseitig geworden, sagt Devisenexperte Kohl. «Spekulanten hat man damit geradezu eingeladen, auf eine Frankenaufwertung zu setzen», sagt Kohl. SVP-Nationalrat Hans Kaufmann hat Hinweise erhalten, dass SNB-Mitarbeiter von ihrem Insiderwissen persönlich profitierten. Über Informationen, dass auch KMU-Kreise und Banken vorinformiert wor-den seien, verfüge er dagegen keine, wie Kaufmann im Gespräch mit der az sagte. Die Kursauschläge vor der Intervention deutet auch er dahingehend, dass «etwas» gelaufen sein könnte. «Bei der SNB ist vieles nicht transparent», kritisiert Kaufmann.

Mit seiner am 23. Dezember eingereichten Interpellation will der Zürcher Nationalrat nun vom Bundesrat eine Erklärung, ob die Insiderstrafnorm gemäss Artikel 161 des Schweizerischen Strafgesetzbuches nur für Aktien, Optionen und andere Effekten von Gesellschaften gilt oder auch für Devisen.

Der auch als «Lex Americana» bekannte Strafartikel besagt, dass das Ausnützen vertraulicher Tatsachen oder ihre Weitergabe an Dritte strafbar ist. Tippgeber können mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder 360 Tagessätzen zu maximal 3000 Franken bestraft werden, Tippnehmer mit bis zu ein Jahr Gefängnis. Kaufmann rechnet mit einer Antwort bis vor Beginn der Frühjahrssession, die am 27. Februar starten wird. «Bis dahin unternehme ich vorläufig nichts mehr», so Kaufmann.