AUSBILDUNG: Der Kampf um gute Lehrlinge

Die neusten Zahlen zeigen, dass der Lehrstellenmangel passé ist. Sie zeigen aber auch, dass gute Schulabgänger in einer komfortablen Lage sind.

Léa Werthheimer
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Lehrstellen in sozialen Berufen, wie dem der medizinischen Assistentin (Bild), sind aktuell besonders gefragt. (Bild: Keystone/Alessandro della Bella)

Lehrstellen in sozialen Berufen, wie dem der medizinischen Assistentin (Bild), sind aktuell besonders gefragt. (Bild: Keystone/Alessandro della Bella)

Die gute Nachricht vorweg: Von Lehrstellenmangel kann dieses Jahr nicht die Rede sein – im Gegenteil. Gestern präsentierte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) das neuste Lehrstellenbarometer mit Stichtag 15. April. Dieser macht klar: Die Lehrstellensituation in der Schweiz ist stabil und bringt Vorteile für die Schulabgänger. 78 000 Jugendliche suchten im April nach einer Ausbildungsstelle, 2500 weniger als noch im vergangenen Jahr. Die Anzahl der Angebote aber ist gestiegen. 81 500 Lehrstellen offerierten die Unternehmen in der ganzen Schweiz. 2012 waren es 80 000.

Damit dürften gut qualifizierte Jugendliche eine komfortable Auswahl haben. Das bestätigt Jean-Pascal Lüthi, Leiter der Abteilung berufliche Grundbildung und höhere Berufsbildung am SBFI. «Die Bereitschaft der Firmen, Lehrlinge auszubilden, ist dieses Jahr grösser», sagt er. Dies könne durchaus mit der guten wirtschaftlichen Lage in einigen Branchen zusammenhängen. «Heute kann man also nicht mehr von einem Lehrstellenmangel sprechen», betont Lüthi. Heute ist es so, dass die Unternehmen um talentierte Jugendliche kämpfen müssen.»

25 000 offene Stellen

Das Staatssekretariat meldet schweizweit noch 25 000 offene Lehrstellen, 3000 mehr als vergangenes Jahr. Und dies, obwohl noch 18 000 Schulabgänger auf einen Lehrvertrag warten. Warum die Lehrstellen später vergeben würden, sei nur schwer zu eruieren, sagt Lüthi. In der Westschweiz und im Tessin sei es üblich und deshalb nicht weiter erstaunlich. Anders aber in der Deutschschweiz. «Es gibt wohl Jugendliche, die sich erst später entscheiden, weil sie mehr Zeit brauchen, um eine Wahl zu treffen», vermutet er. «Wir beobachten nicht, dass Lehrverträge immer später unterschrieben werden», sagt Christof Spöring, Leiter der Dienststelle für Beruf- und Weiterbildung Luzern. Im Gegenteil. Im Kampf um die guten Schüler würden Unternehmen die Jugendlichen immer früher verpflichten. «Wer auf der Suche ist, hat aber dieses Jahr tatsächlich noch gute Chancen, zur Wunschstelle zu kommen.»

Plädoyer für kürzere Ausbildungen

Besonders im Bereich «Technische Berufe», wie etwa Polymechaniker oder Elektroniker, ist das Lehrstellenangebot deutlich höher als die Nachfrage (siehe Grafik) – viele Unternehmen sind also noch auf der Suche nach Lehrlingen. «Die Anforderungen bei den technischen Berufen sind oftmals hoch», so die Interpretation von Jean-Pascal Lüthi. Die Jugendlichen müssten viel Talent und Potenzial mitbringen. «Deshalb ist es für Firmen schwieriger, den passenden Lehrling zu finden.» Ein Grund, warum Christof Spöring für mehr kürzere Ausbildungen plädiert, zwei- oder dreijährige also. «Sie bieten schulisch nicht ganz so starken Schülern eine Einstiegsmöglichkeit in technische Bereiche.»

Das Gegenteil manifestiert sich bei den sozialen Berufen. Rund 6000 Jugendliche suchten im April noch eine Lehrstelle, etwa als Pfleger oder Betreuerin – nur 1500 Stellen waren im gleichen Zeitraum noch zu vergeben. «Die sozialen Berufe liegen im Trend», sagt Jean-Pascal Lüthi vom Staatssekretariat für Bildung. Deshalb sei die Nachfrage immens.

Gut so, findet Spöring, denn gerade im sozialen Bereichen fehle der Nachwuchs. «Noch fehlen aber die Ausbildungsplätze insbesondere bei neu geschaffenen Berufen, wie den Fachleuten Betreuung», bedauert er. Diese müssten sich erst etablieren.

Noch halten nicht alle Jugendlichen einen Lehrvertrag in Händen. Jean-Pascal Lüthi vom Staatssekretariat für Bildung erwartet noch Schwankungen im Angebot, aber auch in der Nachfrage. «Es gibt Betriebe, die in diesen Wochen neue Lehrstellen kreieren», sagt er. Zudem gebe es auch Jugendliche, die sich quasi auf den letzten Drücker an die Bewerbungen machen. «Deshalb gehen wir davon aus, dass die Zahl der Lehrstellen noch variiert.»

SVP: Leistungslöhne in der Stifti

Am vergangenen Wochenende brütete auch die SVP darüber, wie man die Jugendlichen für die Berufswelt fit machen müsste. Prompt hagelte es Kritik an die Adresse der Volksschule. «Der Unterricht hat sich an der Berufswelt auszurichten – und nicht die Berufswelt an den Schulen», sagt etwa Nationalrat Peter Keller (Nidwalden). Statt Leistung und Disziplin herrsche Wellnesspädagogik in den Schulzimmern.

Die Partei verlangt nun in einer Resolution, dass die Lehrer vermehrt auf die Leistung pochen – und zwar bis zum Schluss der obligatorischen Schulzeit und darüber hinaus. Ein Mittel könnten offizielle Abschlussprüfungen sein, sagt Keller. «Wichtig ist dabei aber, dass dann die Leistungsbereitschaft während der Lehre nicht Pause macht.» Deshalb bringt die SVP leistungsabhängige Lehrlingslöhne ins Spiel. Dabei soll ein Grundlohn im Lehrvertrag vereinbart werden. Erreicht ein Stift überdurchschnittlich gute Noten, erhält er wöchentlich eine Prämie. Die Partei geht gar einen Schritt weiter und denkt über ein Bonus-Malus-System nach. So sollen nicht nur gute Leistungen belohnt werden. Wer schlechte Noten in den Lehrbetrieb bringt, soll Lohneinbussen einstecken müssen.

Der Vorschlag habe bei den Unternehmen gemischte Reaktionen ausgelöst, erzählt Keller. Klar dagegen stellt sich Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. «Die Festlegung des Lohnes ist Sache der Unternehmer», sagt er und nicht Sache der Politik. Die Lehrlinge machten keinen leistungsmüden Eindruck. Ins gleiche Horn stösst Christof Spöring. Er findet, dass die Motivation der Lehrlinge nicht nur mittels monetärer Anreize hoch gehalten werden sollte. «Manchmal ist ein Auftrag im Ausland zum Beispiel viel sinnvoller und lehrreicher.»

Léa Werthheimer

Glencore bildet nicht aus

REGION. In der Zentralschweiz wird fleissig ausgebildet. Alleine im Kanton Luzern werden jedes Jahr über 4500 Lehrverträge unterschrieben. Einsame Spitze ist dabei das Kantonsspital Luzern. Hier sind rund 750 Jugendliche in Ausbildung. Zweitgrösster Ausbilder sind die Centralschweizerischen Kraftwerke mit über 290 Lehrlingen, und das bei einer Mitarbeiterzahl von gut 1600. Der Lift- und Fahrtreppenproduzent Schindler schafft es ebenfalls nach ganz vorne. Er bietet über 260 Lehrstellen an.

Siemens in Zug: 200 Lernende

Der grösste Ausbildner im Kanton Zug ist auch gleichzeitig der grösste Arbeitgeber im Kanton. Beim Gebäudetechnikspezialisten Siemens Building Technologies lernen knapp 200 junge Leute einen Beruf. Obwohl das Unternehmen meist Lehrlinge für anspruchsvolle technische Berufe sucht, hat es keine Nachwuchssorgen. «Wir sind immer noch in der Lage, die besten Bewerberinnen und Bewerber auswählen zu können», erklärt Siemens-Pressesprecher Eray Müller. Weniger Elan, wenn es um die Ausbildung des Nachwuchses geht, zeigt ausgerechnet das Unternehmen, das gerechnet am Umsatz (2011) das zweitgrösste der Schweiz ist. Der Rohstoffkonzern Glencore aus Baar, der kürzlich mit dem Minenbetreiber Xstrata aus Zug fusioniert ist, bildet keine Lehrlinge aus.

Nelly Keune