AUSBILDUNG: Schlechte Noten als Geschäft

Nachhilfe boomt. Über alle Alters- kategorien, Schulniveaus hinweg. Doch die Suche nach einem geeigneten Lehrer hat ihre Tücken.

Nena Weibel
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Studenten unterrichten für rund 30 Franken pro Stunde, Kanti-Schüler etwas weniger und ausgebildete Lehrer ab 70 Franken die Stunde. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Studenten unterrichten für rund 30 Franken pro Stunde, Kanti-Schüler etwas weniger und ausgebildete Lehrer ab 70 Franken die Stunde. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Gute Noten sind elementar, um eine gute Lehrstelle zu finden und damit auch einen Einstieg ins Berufsleben. Auch deshalb boomt das Geschäft mit der Nachhilfe. Der Markt hat sich jedoch ins Internet verschoben. Diverse Anbieter betreiben Plattformen, wo sich jeder – egal ob Primarschüler oder Student – den passenden Nachhilfelehrer aussuchen kann. Die Lehrpersonen sind meist selbst noch Schüler, Studenten oder Lehrer. Gerade die Zunahme des Angebots macht es für die Eltern immer schwieriger, einen geeigneten Nachhilfelehrer zu finden, der auch bezahlbar ist.

Nicht alle haben gleiche Chancen

So kamen auch Frederic Hübsch und Samuel Boller in ihrer Studentenzeit vor rund zehn Jahren auf die Idee, eine Online-Plattform für Nachhilfe von Studierenden für Schüler anzubieten. Die Internet-Seite Know-now.ch hatte ihren Anfang in Zürich. «Es lief so gut, dass wir immer mehr Lehrpersonen engagieren konnten», sagt Hübsch. Mittlerweile ist Know-Now in grossen Teilen der Deutschschweiz tätig und seit 2008 eine nicht gewinnorientierte Aktiengesellschaft. «300 Lehrpersonen unterrichten täglich für Know-Now auch in Luzern», sagt Hübsch.

Triebfeder sei eine gesunde Portion Idealismus gewesen, die Nachhilfe auch für weniger privilegierte Schichten zugänglich zu machen. Denn Nachhilfe und Chancengleichheit seien oft ein Widerspruch, so Hübsch: Jeder hat zwar das Recht, Nachhilfe zu nehmen, vielen fehlen aber die finanziellen Mittel dazu. Das zeigt auch eine Studie der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) von 2012, bei dem 16 000 Fragebögen zum bezahlten Nachhilfeunterricht in der 8. Und 9. Klasse analysiert wurden. Das Studienergebnis zeigte auf, dass die Chancengerechtigkeit im System verletzt ist, weil sich längst nicht alle die Angebote leisten können.

Der Druck steigt stetig

Die Studie hat weiter gezeigt, dass Jugendliche mit akademisch gebildeten Eltern deutlich öfter Nachhilfe in Anspruch nehmen. Der Druck auf die Schüler wird grösser, sei es durch die Erwartungen der Eltern als auch durch die Anforderungen der Schule. Alan Frei, Gründer der Online-Plattform nachsitzen.ch, berichtet von Fällen, wo Schüler Nachhilfe schon sehr früh – bereits ab der 2. Primarstufe – beziehen. Der Grund: Die Eltern seien mit dem Schulstoff und den Hausaufgaben überfordert. «Zusätzlich Eltern wollen eine Vertrauensperson beziehungsweise eine direkte Ansprechperson. Diese Punkte führen dazu, dass der Trend zu privaten Nachhilfelehrern ungebrochen ist», sagt Frei. Das belegt die Studie der SKBF: Rund ein Fünftel der Sekundarschüler nimmt bezahlten Nachhilfeunterricht über einen längeren Zeitraum in Anspruch, rund ein Drittel hatte mindestens einmal Nachhilfe.

Bei der Dienststelle Volksschulbildung Luzern geht man davon aus, dass der Bedarf an Nachhilfe tendenziell zunehmen werde, vor allem in Mathematik und den Fremdsprachen. Diese Zunahme erfolgt deshalb, weil die Erwartungen der Eltern und zum Teil auch die Anforderungen der abnehmenden Schulen grösser werden. «In der Regel wird die Nachhilfe bei Privatpersonen, meist ehemaligen Lehrpersonen oder privaten Institutionen, bezogen. Diese sind natürlich vor allem in der Stadt vertreten, weshalb hier die Nachfrage wohl auch grösser ist», sagt Charles Vincent von der Dienststelle Volksschulbildung.

Nachhilfe online

Eine solche Institution ist die Nachhilfeschule Nota bene in Luzern. Nota bene setzt auf die persönliche Betreuung der Schüler. Schulleiterin Brigitte Suter-Tschuppert ist überzeugt, dass der direkte Kontakt ein enormer Vorteil bei der Nachhilfe sei. «Online-Nachhilfe sehe ich eher als Ergänzung», sagt sie. Beim persönlichen Kontakt könne man viel besser auf die Bedürfnisse eingehen. «Der Unterricht kann individuell gestaltet werden», sagt Suter-Tschuppert. Da hätten in einer Algebrastunde auch Fragen zur Geometrie, zu Sprachen und ganz wichtig auch zur persönlichen Arbeitstechnik Platz.

Mit Nachhilfe in ein höheres Schulniveau aufzusteigen sei nicht das primäre Ziel. «Äusserst wichtig ist, dass Nachhilfe das Selbstvertrauen und die Selbstständigkeit fördert», so die ausgebildete Primarlehrerin. Nota bene beschäftigt rund 35 Nachhilfelehrer. «Unsere Lehrer arbeiten alle Teilzeit und haben sehr unterschiedliche Pensen», so Suter-Tschuppert. Pro Woche werden in der Hochsaison bis zu 150 Schüler unterrichtet. «Am meisten Schüler haben wir im Frühjahr vor der Matura und den Lehrabschlussprüfungen», sagt Suter-Tschuppert.

Lücken schliessen

Auch Alan Frei von nachsitzen.ch betont, dass man von der Nachhilfe keine Wunder erwarten dürfe und sie auch träge machen kann. Es gehe darum, Lücken zu schliessen. «Eltern müssen sich häufig mehr Zeit nehmen und selber auch anpacken. Nur Nachhilfe bringt nicht viel», erläutert Frei.

Dies bestätigt auch Emanuele Filieri vom Learning Institute, wo Online-Nachhilfelehrer ortsunabhängig gebucht werden können. «Man muss üben, üben und nochmals üben. Ohne diesen Effort des Nachhilfeschülers können keine Noten verbessert werden», so der Leiter des Learning Institute. Ob nun private Nachhilfelehrer, Hausaufgabengruppen oder Studenten, die ihre eigene Kasse aufbessern wollen – ausserschulische Nachhilfe scheint einem grossen Bedürfnis zu entsprechen.

Schüler helfen Schülern

Das schwarze Anschlagbrett stirbt dennoch nicht aus. Die Kantonsschule Musegg in Luzern beispielsweise verfährt noch nach dem klassischen Modell mit dem Anschlagbrett. Dort hängt für die Gymi-Schüler eine Liste, in der sich jene der oberen Stufen als Nachhilfelehrer für die Jüngeren anbieten können. «Das System, dass die Schüler sich selbst anbieten im klassischen Sinn, funktioniert und wird auch benutzt», berichtet Ueli Reinhard, Prorektor der Kantonsschule Musegg in Luzern. Das ist sicher die günstigere Variante als der private Nachhilfelehrer zu Hause. Denn der kostet zwischen 60 und 100 Franken.