AUSBILDUNG: Vorbereiten statt zurücklehnen

20 Prozent aller Schulabgänger beginnen nicht sofort mit einer Berufsausbildung. Ein Zwischenjahr kann mehr Klarheit darüber verschaffen, wo der Weg in die Berufswelt hinführen soll.

Nelly Keune und Nena Weibel
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Bernhard Bächinger unterrichtet Jnes und Murat im «Berufsbildungsjahr» in Baar. (Bild: Remo Nägeli / Neue LZ)

Bernhard Bächinger unterrichtet Jnes und Murat im «Berufsbildungsjahr» in Baar. (Bild: Remo Nägeli / Neue LZ)

Mit dem Sekundarabschluss beginnt für viele junge Leute die erste Lebensetappe der Berufswahl. Vorbei ist die Zeit, in der Entscheidungen abgenommen werden. Den Berufswunsch zu finden, fällt aber nicht allen leicht, immerhin bieten sich zahlreiche Möglichkeiten an, wie der Berufsweg fortgesetzt werden kann.

Viele 14- bis 16-Jährige sind mit der Wahl überfordert, die sie treffen sollen: ob sie eine Berufslehre machen und somit früh eigenes Geld verdienen oder doch lieber weiterführende Schule besuchen wollen. «Immerhin 20 Prozent aller Jugendlichen beginnen nach der obligatorischen Schulzeit nicht direkt mit einer Ausbildung, sondern machen ein Zwischenjahr», erklärt Bernhard Bächinger, Koordinator der Deutschschweizer Motivationssemester (Semo) und Leiter der Brückenprogramme Einstieg in die Berufswelt (EiB) in Baar und Kompass in Goldau.

Die Qual der Wahl

Ein solches Zwischenjahr ist für Jugendliche gedacht, die keine passende Lehrstelle gefunden haben, sich nicht für einen Beruf entscheiden konnten oder noch nicht reif sind für das Berufsleben. Und diese Fälle sind eher die Regel als die Ausnahme, wie die Zahlen zeigen. «Die Lebenslaufbahn wird in diesem Alter sicher noch nicht als derart wichtig wahrgenommen, viele Ideen, Pläne, Erkenntnisse und Wünsche werden sich in den nächsten Lebensjahren abwechseln», sagt Walter Portmann, Sekundarlehrer an der Sekundarschule Ebikon. Deshalb könne in solchen Fällen ein Zwischenjahr sinnvoll sein, solange es freiwillig erfolgt, glaubt er.

Lehrstellensuche geht weiter

Zwar treten Jugendliche im Idealfall im Anschluss an die Volksschule direkt in eine Berufslehre oder eine weiterführende Schule ein, sagt Romy Villiger von der Dienststelle für Beruf und Weiterbildung des Kantons Luzern (DBW). «Zwischenjahre sind aber eine temporäre Lösung für jene Jugendlichen, die nach der obligatorischen Schulzeit nicht fähig sind, einen Berufsentscheid zu treffen. Die Gründe dafür sind vielfältig, teilweise sind die Jugendlichen in ihrer persönlichen Entwicklung, in ihrem Verhalten noch nicht so weit», so Villiger. Eine Bedingung für die Aufnahme in ein Brückenangebot ist aber die weitere Suche nach einer Lehrstelle.

Die Jugendlichen werden nicht allein gelassen, sagt Martin Huber. Wer bis Ostern noch keine Lehrstelle oder weiterführende Ausbildung hat, kommt automatisch in ein Brückenangebot mit individueller Förderung und Betreuung. 600 Plätze im Kanton Luzern stehen zur Verfügung. In den meisten Fällen hätten die Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz gemäss ihren Interessen gefunden, sagt Huber. «Insofern kann man nicht von Unsicherheit oder Unreife sprechen. In vielen Fällen entsprechen die Anforderungen des Wunschberufs nicht den persönlichen Ressourcen der Jugendlichen», so Huber.

Wobei ein Zwischenjahr keine Notlösung sein muss, sondern gut genutzt werden kann als ein erster Karriereschritt. Bernhard Bächinger, der in seinen beiden Programmen pro Jahr rund 80 Jugendliche und junge Erwachsene betreut, sieht auch Chancen in einem Zwischenjahr. «Oft haben die Jugendlichen, die keine Lehrstelle gefunden haben, weniger gute Noten, viele Absenzen oder auch Probleme mit der Pünktlichkeit und ihrem Verhalten. In einem solchen Zwischenjahr können sie sich eine neue Referenz erwerben.» Zusammen mit seinen 14 Mitarbeitenden bereitet er die Jugendlichen auf die Anforderungen des Berufslebens vor: Die Lehrstellensuchenden müssen in verschiedenen Bereichen arbeiten, schulische Lücken werden geschlossen, und es gibt ein intensives Bewerbungstraining. «Unser Ziel ist es, dass keine Bewerbung losgeschickt wird, ohne dass ein Coach die Unterlagen kontrolliert hat», sagt Bächinger.

Doch es gehe nicht nur um die berufliche Weiterentwicklung. Denn in einem Zwischenjahr haben die Jugendlichen eine Chance, den Zukunftsblick zu schärfen und ihre Vorstellungen zu konkretisieren. Zwar ist die Berufswahl ein grosses Thema in der Schule, trotzdem sind viele Jugendliche in der Schweiz am Ende unzufrieden mit ihrer Berufswahl. Landesweite Zahlen zu den Lehrabbrüchen gibt es zwar nicht, aber laut einer Studie aus dem Kanton Bern wird dort jede fünfte Lehre im ersten Jahr abgebrochen. Walter Portmann vermutet, dass gegen Ende der zweiten Sekundarklasse viele Jugendliche eine gewisse Berufsvorstellung und den Wunsch nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit hätten. Daher würden sicher viele Schüler in eine Lehre eintreten, die ihren Vorstellungen nicht hundertprozentig entspricht. Ob man also auf direkten Irrwegen zum Ziel marschieren soll oder sich den Weg zuerst gut überlegt, ist die Frage.

«Wir haben viele Jugendliche bei uns, die ihre Lehre abgebrochen haben und auf der Suche nach einer Alternative sind. Dabei arbeiten wir auch mit der kantonalen Berufsberatung zusammen», sagt Bächinger. Oft würden aber auch Jugendliche ein Zwischenjahr machen, die einen sehr konkreten Berufswunsch hatten und nichts Passendes gefunden haben, so Bächinger. «Wir sorgen dafür, dass sie offener werden, was den Beruf angeht. Denn es gibt viele Ausbildungsmöglichkeiten, die spannende Chancen bieten, aber auf der Wunschliste der Jugendlichen nicht ganz oben stehen.»

Auslandaufenthalt ist selten

Rund 60 Prozent der Luzerner Sekundarschüler steigen nach der obligatorischen Schulzeit in eine Berufslehre ein, ein Zehntel geht auf das Gymnasium oder eine Fachmittelschule. Lediglich 4 Prozent machen einen Sprachaufenthalt. «Ein Zwischenjahr nach dem Sek-Abschluss machen die wenigsten Jugendlichen im Ausland. Die meisten machen das Zwischenjahr nach der Lehre oder nach der Matur», berichtet Rosemarie Binz von Kaplan Schweiz, die Sprachaufenthalte anbietet. Zumal Auslandpraktika erst ab der Volljährigkeit möglich sind.

Ein Sprachaufenthalt ist sinnvoll

TIPPS ny. Für Jugendliche, die nicht wissen, wie es nach dem Sekundarschulabschluss weitergehen soll, gibt es viele Möglichkeiten:

Austausch: Der Austausch mit Gleichaltrigen, aber auch die beratende Funktion von Eltern und Lehrpersonen kann bei der Entscheidungsfindung helfen. Die Entscheidung sollte aber frei vom Schüler selbst getroffen werden.

Information: An der jährlichen Berufswahlmesse Zebi werden Berufe ausführlich vorgestellt. Das Berufs- und Informationszentrum bietet die Möglichkeit, sich über die Berufe zu informieren und führt auch Gespräche zur Berufswahlfindung; www.biz.ch

Kennen lernen: Was auf einen in der Lehre oder im Gymnasium oder wo auch immer zukommt, kann nur schwer abgeschätzt werden. Deshalb ist es wichtig, sich im Voraus bei Unternehmen zu informieren und vielleicht nach Schnupperlehren zu fragen. Oder aber man macht ein Zwischenjahr, beispielsweise in Form eines Sprachaufenthalts, um zu einer Entscheidung zu kommen.

Riskieren: Selbst wenn es nach einer Lehre oder Matura nicht beim ursprünglichen Berufswunsch bleibt – was bei den meisten nicht der Fall ist – kann man angesichts der Vielzahl und Möglichkeiten sich später immer noch umorientieren.