Aussichten
Auf Augenhöhe verhandeln – eine komplexe Angelegenheit

Es gibt laut dem Philosophen Samuel Scheffler sechs Strategien, wie der Anspruch relationaler Gleichheit in einer Beziehung realisiert werden kann.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Es gibt mittlerweile unendlich viele Publikationen zur Frage, wie Gleichberechtigung in Beziehungen gelingen könnte. Der interessanteste philosophische Text dazu stammt meines Erachtens von dem amerikanischen Philosophen Samuel Scheffler, der im Kontext von Gerechtigkeitstheorien zu den sogenannten «relationalen Egalitaristen» gezählt wird. Relationale Egalitaristen erachten Gleichheit als ein Ideal, das interpersonelle Beziehungen wie auch politische Beziehungen leitet bzw. leiten sollte. Demnach besteht Gerechtigkeit darin, dass sich Menschen als Gleiche in Beziehungen begegnen oder, anders ausgedrückt, dass sie auf Augenhöhe miteinander sind. Gleichberechtigte Beziehungen zeichnen sich Scheffler zufolge dadurch aus, dass sich die Parteien zu einem respektvollen Umgang miteinander verpflichten und sich wechselseitig die gleiche Autorität im Hinblick auf Entscheidungen, welche die gemeinsame Beziehung betreffen, zugestehen.

Das klingt nun etwas gar abstrakt. Einer der Gründe, warum ich den Aufsatz «The Practice of Equality» von Scheffler so schätze, ist, dass er darin für einen Philosophen ungewöhnlich konkret wird. So buchstabiert er insgesamt sechs Strategien aus, wie der Anspruch relationaler Gleichheit in einer Beziehung realisiert werden kann, obwohl die beiden Personen unterschiedliche Präferenzen haben (was nicht allzu selten vorkommen dürfte). Letztlich gibt er uns damit eine Art Einführung in die Kunst des Kompromisses, denn am Schluss sollen ja beide Personen die jeweilige Strategie bejahen können.

Nun zu den Strategien, die Scheffler am Beispiel der Planung eines Urlaubs durchspielt. Die erste Strategie stellt die «klassische» Variante des Kompromisses dar, nämlich sich in der Mitte zu treffen: Möchte Ben drei Wochen verreisen, Anna aber nur eine Woche, so einigen sie sich am Schluss auf zwei Wochen. Sind sich Ben und Anna hingegen beim favorisierten Urlaubsort uneinig, könnte der Kompromiss in der zweitbesten Wahl bestehen: Statt nach Rom (Bens 1. Wahl) oder nach Berlin (Annas 1. Wahl) zu fahren, fahren sie nach Wien, was beide an zweiter Stelle gewählt haben. Scheitert diese Strategie, könnte die dritte Strategie zum Zuge kommen, nämlich das Sichabwechseln: In diesem Urlaub fahren sie an Bens favorisierten Urlaubsort, d.h. Rom, im nächsten fahren sie nach Berlin, Annas Favoriten. Alternativ könnten sich auch Ben und Anna darauf einigen, dass sie beide Präferenzen erfüllen (4. Strategie), indem sie erst eine Woche Rom und dann eine Woche Berlin planen. Möglicherweise stehen aber auch noch andere Entscheidungen bei Ben und Anna an, z.B. der Kauf eines neuen Lesesessels. Dann bietet sich Raum für die 5. Strategie, den Tausch: Ben bekommt seinen Rom-Urlaub, Anna dafür aber ihren quietschgelben Lesesessel. Und sollten alle vorigen Strategien scheitern, führt Scheffler noch die Trennung als 6. Strategie an: Manchmal sind beide am meisten zufrieden, wenn sie getrennt in Urlaub fahren.

Schon an diesem relativ einfachen Beispiel wird gut deutlich, wie komplex die Umsetzung relationaler Gleichheit sein kann (spielen Sie mal die Strategien im Hinblick auf Entscheidungen wie Wohnortwechsel oder Kinderbetreuung durch!), zumal die Strategien natürlich auch an Grenzen stossen können, z.B. wenn es nicht mehr um Urlaubspräferenzen geht, sondern um Werte, die für einen selbst nicht verhandelbar sind. Dass realisierte Gleichberechtigung nicht immer einfach ist, spricht aber keinesfalls gegen sie. Die Komplexität von Entscheidungen auf Augenhöhe zeigt nur, dass es sich in den Worten Schefflers um eine «wichtige praktische Aufgabe» handelt, die über eine kalkulatorische Durchsetzung von Interessen hinausgeht und eine gehörige Portion Kreativität, Urteilskraft und beiderseitiges Commitment erfordert. Sowie Humor und Grosszügigkeit, möchte ich noch anfügen.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.