Aussichten
Vernetzte Weltwirtschaft

In aussergewöhnlichen Zeiten werden wir wieder mal daran erinnert, wie demütig wir uns gegenüber Weltwirtschaftsprognosen hingeben sollten.

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana.

Maurice Pedergnana.

Einfache, lineare Denkweisen prägen unseren Alltag. Wer schneller rennt, kommt früher ans Ziel. Oder wer statt ein Brot zwei Brote kauft, muss das Doppelte auf den Tresen legen. Schwieriger wird’s bei der Erwerbsarbeit. Beispielsweise mag die Produktivität gleich wie im Vorjahr sein, doch der Arbeitgeber sieht sich möglicherweise trotzdem mit höheren Lohnforderungen konfrontiert. Und wer mehr Stunden leistet, muss nicht zwingend produktiver sein. Vielmehr nimmt der Grenznutzen einer zusätzlichen Stunde ab, mancherorts mag er sogar ins Negative kippen.

Die reale Ökonomie ist komplex und vernetzt. Dazu ein paar aneinandergereihte Sachverhalte, die uns derzeit beschäftigen. Die Planung der Weihnachtssaison beginnt spätestens im Sommer, und Lieferprobleme sollten das Geschäft keinesfalls stören. Alibaba als weltweit grösster Onlinehändler mit wachsendem Einfluss in Europa strebt jedenfalls eine Lieferzeit von 72 Stunden rund um den Globus an. Worauf der Konkurrent Amazon reagiert und kurzerhand die Flugzeugflotte der Amazon Air erweitert.

Die Lieferkapazitäten werden dadurch gesteigert, doch steigen aufgrund der höheren Kerosinpreise auch parallel die Kosten. Weil die Ölförderländer (inklusive der Vereinigten Staaten) ihren Output nicht steigern wollen und dies mit den global gesenkten Wachstumsprognosen für das vierte Quartal begründen. Es wird ein geringerer Verbrauch erwartet.

Doch beispielsweise in China steigt die Nachfrage rasant an. Das industrielle Herz der zweitgrössten Volkswirtschaft wurde entgegen allen Prognosen mit hohen Auftragsvolumen eingedeckt, doch seit Monaten kann die Stromnachfrage nicht mehr gedeckt werden. Die Produktionsbänder stehen deshalb vielerorts teils wochenlang still. Die chinesische Stromversorgung ist auf australische Kohle angewiesen. Weil die dortige Regierung eine unabhängige Untersuchung zur Herkunft des Coronavirus gefordert hatte, wird sie seit fast einem Jahr mit weniger China-Importen «bestraft». Nun sind aber die chinesischen Kohlelager leer, die Kohleverstromung stockt und die Stromzufuhr wird teilweise ohne Vorankündigung gekappt.

Seit August kaufen immer mehr chinesische Unternehmen Dieselgeneratoren zur eigenen Stromproduktion auf dem Fabrikgelände. Entsprechend trifft die massiv erhöhte Nachfrage nach Diesel auf eine eher restriktive Förderpolitik der Ölländer. Mit Strom aus Dieselgeneratoren lassen sich die globalen Dekarbonisierungsabsichten natürlich nicht realisieren. Das nutzt der französische Staatspräsident, um «seine» Kernenergie als Lösung für die Energiekrise und den Klimaschutz zu wettbewerbsfähigen Preisen zu propagieren. Immerhin gewinnt die Europäische Union derzeit beinahe die Hälfte ihres CO2-frei erzeugten Stroms durch Atomkraft.

Natürlich liesse sich die weltwirtschaftliche Vernetzung von Produktion, Infrastruktur und Energie durch den Einbezug von Gas aus Russland und von der Pipeline Nord Stream 2 beliebig erweitern. Deren Gaspreispolitik hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun, solange abtrünnige Länder des früheren Sowjetregimes mit Preisanstiegen bestraft und Verbündete mit Rabatten belohnt werden. Aber wenn wir es heute bereits vor dem Winter mit verhältnismässig tiefen Gaslagern in Westeuropa zu tun haben, ist das auch darauf zurückzuführen, dass die Einkäufer im Sommer bei leicht erhöhten Preisen ihre Lager nicht gefüllt haben – in der Erwartung, dass die Preise im Herbst fallen würden. Nun haben sie sich im Zuge des globalen Energiechaos innert Monatsfrist um mehr als 50 Prozent erhöht – und gegenüber dem Vorjahr sogar um 600 Prozent!

In derartig aussergewöhnlichen Zeiten werden wir wieder mal daran erinnert, wie demütig wir uns gegenüber Weltwirtschaftsprognosen hingeben sollten. Wir werden nicht darum herumkommen, uns vermehrt mit vernetztem Denken auseinanderzusetzen. Wer das erkennt, weiss, weshalb das lokale und regionale Wirtschaften in Kreisläufen angesagt bleibt.

In meiner Wohnung kommt die Wärme aus dem Verbrennen von Schnitzeln der nahe gelegenen Schreinerei, die Holz aus der Zuger Waldkorporation verarbeitet.

Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).

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