Aussichten
Vom Ursprung und der Zukunft künstlicher Intelligenz

Was Musikinstrumente mit Informatik zu tun haben.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

Edy Portmann.

Gefertigt aus termitengehöhlten Eukalyptusstämmen, wird ein Didgeridoo, dessen Ursprünge bis ins 4. Jahrtausend vor unserer Zeit zurückreichen, von den Ureinwohner Australiens als Begleitinstrument eingesetzt. Als naturverbundenen Menschen zieht mich insbesondere der Faktor eines tiergefertigten Instrumentes in seinen Bann. Deshalb nutzte ich die Pandemie unter anderem auch dazu, mein Spiel auf dem wunderschönen Instrument der Aborigines zu verbessern. Darum habe ich mir vor kurzem ein neues «Didge» gegönnt.

Ein etwa gleichaltes Holzblasinstrument, von dem der Informatiker Jaron Lanier, welcher damit zeitgenössische Musik komponiert, schwärmt, ist das Khaen; dieses wird jedoch nicht von Tieren, sondern von Menschen geschaffen. Lanier, der ein Opponent reduktionistischer künstlicher Intelligenz ist, mutmasst aber, dass diese asiatischen Mundorgeln Vorläufer unserer Computer und somit Ursprung der künstlichen Intelligenz sein könnten. Als Kritiker ist er sich sicher, dass es bessere Ideen gibt, die Möglichkeiten der Ingenieurwissenschaft zu nutzen, als die Mythenbildung rund um Maschinenintelligenz, aber als Musiker ist er davon überzeugt, dass das Khaen, dessen 16 Pfeifen mit einem hölzernen Luftreservoir verbunden sind, älter als die mechanische Rechenhilfe, der «Abakus», ist.

Das Instrument fand dann laut seinen Erzählungen vor etwa dreitausend Jahren über die Seidenstrasse Verbreitung und wurde schlussendlich von den alten Griechen und ein wenig später auch von den Römern kopiert. Die römische «Hydraulis», eine Orgel, die Wasser benötigte, um Luft durch Pfeifen zu drücken, war so unvorstellbar gross, dass die Sklaven, die diese bedienten, Schwierigkeiten mit ihr hatten. Aus diesem Grund wurde sie mit einem Kreuzstabsystem, mit dem mehrere Löcher simultan bedient werden konnten, automatisiert. Daraus entwickelten sich dann, gemäss Weltmusiker Lanier, unser Cembalo und unsere Orgel.

Seiner Schilderung zufolge wurden dann etwa zu Zeiten Mozarts erste nichtdeterministische Klaviere gebaut, auf welchen man, vereinfacht gesagt, improvisieren konnte. Diese Klaviere inspirierten Joseph-Marie Jacquard zur Entwicklung des programmierbaren Webstuhls, womit dieser wesentlich zur industriellen Revolution beitrug. Sein Webstuhl wiederum veranlasste Charles Babbage zum Bau der «Analytical Engine», einer mechanischen Rechenmaschine. Von dieser wurde, so der Informatiker Lanier, schliesslich Alan Turing, der im 2. Weltkrieg die Verschlüsselungsmaschine «Enigma» mit Hilfe eines der ersten Computer knackte, dazu beflügelt, seine «Theorie zur automatisierten Berechnung und künstlichen Intelligenz» zu formulieren.

Turing beschrieb mit seiner bahnbrechenden Theorie nicht nur Aspekte unseres menschlichen Lernens, sondern auch weitere Eigenschaften von Intelligenz, damit Computer intelligente Fähigkeiten exakt simulieren könnten. Seine Vorstellung, dass unser menschliches Gehirn wie ein Computer funktioniert, wurde dabei immer häufiger zur Metapher von Intelligenz. Jüngst setzte aber eine Entwicklung ein, menschliche Fähigkeiten, natürliche Strukturen und Prozesse als Grundlage eines «Soft Computing» zu sehen. Dieses unterscheidet sich in der Zielvorstellung von der herkömmlichen, exakten künstlichen Intelligenz, insofern, als dass es auf Vagheit, Unschärfe und auf die Nachbildung von Problemlösungsstrategien aus der Natur setzt.

Mit meinen Didges spiele ich mühelos vage, unscharfe und softe Klänge. Diese entstehen aus der Kombination meiner Mundbewegungen mit Atemtechnik und Stimmeffekten. Analog zum Soft Computing unterscheidet sich mein Spiel vom exakten 16-Bit Khaen und seinen Ablegern. Meiner Ansicht nach, und ich hoffe, da stimmt Kritiker Lanier zu, ist die Zukunft unserer künstlichen Intelligenz soft wie mein Didgeridoospiel.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST-­Institut der Universität Freiburg.