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Warum Zynismus auch keine Lösung ist

Zynismus ist bequem, mutlos und destruktiv.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Zu Beginn dieses Jahres hat mich der Coronablues ereilt. Bis in den Februar hinein habe ich mich von der zunehmenden Gereiztheit und Ungeduld anstecken lassen und drohte am langsamen Impffortschritt sowie unserem Umgang mit dieser Pandemie zu verzweifeln. Ich war, so befürchte ich im Nachhinein, zu einer Mischung aus Momos grauen Herren und den Reitern aus Mordor geworden: Wo ich auch war (meist zu Hause – wo denn sonst?), verströmte ich schlechte Stimmung. In dieser Zeit neigte ich zu einem nie gekannten Zynismus, der alles noch verschlimmerte. Meine kurze Flucht in den Zynismus ist mir wirklich eingefahren – aber warum? Was ist das Problem mit Zynismus?

Wenn ich mich im Folgenden an einer Antwort versuche, dann orientiere ich mich am heutigen Sprachgebrauch, in dem Zynismus eher negativ konnotiert ist, auch wenn der Ursprung dieses Wortes auf die antike philosophische Strömung der Kyniker zurückgeht. Diese haben in erster Linie Bedürfnislosigkeit gepredigt und insbesondere Diogenes von Sinope (ja, genau, der in der Tonne) ist für seine schamlos anmutende Kritik an geltenden Sitten und Normen berüchtigt gewesen.

Sein scharfsinniger Spott ist – zugegeben – unterhaltsam, und das gilt auch heute noch für manch zynische Bemerkung. Diese Form von punktuellem geistreichem Zynismus, der pointiert Widersprüche und Absurditäten benennt, ist nicht Gegenstand meines Unbehagens. Wenn aber Zynismus zu einem Charakterzug, zu einer Haltung gegenüber Menschen und Institutionen wird, entfaltet er eine negative Kraft, die in meinen Augen nicht zu unterschätzen ist.

Im Zuge meines Versuchs, Zynismus besser zu verstehen, bin ich auf eine Arbeitsdefinition der Philosophin Samantha Vice gestossen, die drei Merkmale als konstitutiv für charakterlichen Zynismus erachtet: 1) Distanznahme, Loslösung 2) Misstrauen, Verachtung von Menschen, Institutionen und deren Werten, und 3) die Überzeugung, dass Menschen allein von Selbst-Interesse motiviert sind. Diese Merkmale deuten schon an, warum Zynismus als Haltung für das Umfeld unangenehm und problematisch ist. Drei Gründe sind besonders augenfällig:

Zynismus ist bequem: Zynismus zeichnet sich unter anderem durch pauschale Urteile aus. Der Zyniker differenziert nicht zwischen Personen, zwischen Motiven. Am Schluss steht die Überzeugung, dass der Mensch bzw. die Menschheit (wahlweise auch die Politik, die Wissenschaft etc.) verdorben ist, insofern das Selbst-Interesse, der Egoismus stets überwiegt. Gegenbeispiele von Personen, die sich für andere Menschen oder gar Ideale einsetzen, werden ungeprüft zurückgewiesen und deren hehre Motive verhöhnt. Indem sie sich jeglicher Differenzierung verweigert, macht es sich eine zynische Person sehr bequem.

Zynismus ist mutlos: Ein zynischer Mensch gefällt sich darin, «über den Dingen zu stehen», und kokettiert bisweilen mit einer Form der vermeintlich coolen Distanznahme. Engagement und Hingabe sind für einen waschechten Zyniker Fremdwörter. Wut und Empörung sind zwar negative Emotionen, lassen aber wenigstens noch Leidenschaft und einen Veränderungswillen erkennen, die dem Zynismus fehlt. Die Welt und die Menschen aber stets auf Abstand zu halten, zeugt von Passivität und Mutlosigkeit.

Zynismus ist destruktiv: Indem eine zynische Person anderen Menschen sowie Institutionen und deren Handlungsmotiven mit Misstrauen oder gar Verachtung begegnet, zieht sie Werte und Tugenden wie Hoffnung und Zuversicht ins Lächerliche. Das Mindset des Zynikers sieht nicht vor, dass sich durch (gemeinsames) menschliches Handeln etwas zum Besseren verändern lässt. Indem er dies gerne mit ätzendem Spott bekundet, sorgt er für eine vergiftete Stimmung und entmutigt sein Umfeld.

Angesichts dieser Analyse bin ich froh, dass ich die grauen Herren in mir gerade noch rechtzeitig zurückbinden konnte. Und glauben Sie mir: Meine Familie auch!

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.