Aussichten
Wie die Überwachung mit unserer Demokratie Katz und Maus spielt

In der vom Informatiker Moshe Vardi inspirierten Kolumne beschreibt Edy Portmann, wie das Null-Eins-Denken im Extremfall Halbwahrheiten ermöglicht sowie spaltend wirken kann.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

Edy Portmann.

Viele von uns schauen morgens in den Spiegel und stellen dabei fest, dass wir (mehr oder weniger) noch immer so aussehen wie abends zuvor. Aber dann treffen wir Kollegen, die wir seit Jahren nicht mehr gesehen haben, und fragen uns, wie die so alt geworden sind. Und dann wird uns klar, dass sie vermutlich dasselbe über uns denken.

Unser Gehirn scheint ein Problem zu haben, kumulative Auswirkungen einer grossen Zahl kleiner Veränderungen zu begreifen. Dieses Phänomen war schon den alten Griechen als «Haufenparadoxon» bekannt. Es besagt, dass wir nicht in der Lage sind, eine konkrete, nicht willkürliche Anzahl von Sandkörnern anzugeben, um einen Haufen zu definieren. Der Begriff setzt voraus, dass ein Haufen auch dann ein solcher bleibt, wenn wir ein Korn entfernen. Wann aber ist der Punkt gekommen, an dem wir den Haufen (1) als Nichthaufen (0) betrachten würden?

Es gleicht einer griechischen Tragödie, dass unsere Politikerinnen und Politiker ihre Coronastrategie auf Anraten wissenschaftlicher Experten nach demselben paradoxen Denken ausrichten. Eine Binärlogik von richtig und falsch (respektive von 0 und 1), die einer Überwachung und Steuerung per Zertifikaten zugrunde liegt, könnte uns nämlich von nun an in ihrem mentalen Gefängnis schmoren lassen. Der Glaube, dass so eine erfolgreiche Strategie entstehen könnte, ist paradox, da sich Menschen nicht binär, sondern unbestimmt (zwischen 0 und 1) verhalten. Die Tragödie besteht nun darin, dass das Null-Eins-Denken im Extremfall Halbwahrheiten ermöglicht sowie autoritär sein kann und spaltend wirkt.

Der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper stellte nach dem Zweiten Weltkrieg fest, dass «in einer Demokratie die Mehrheit entscheiden kann, ob ein Tyrann diese regieren soll». Und so liegt es heute an Herrn und Frau Schweizer, sich die Frage zu stellen, ob wir (noch) einen anderen Weg sehen, als dass wir langsam, schrittweise in eine Subversion unserer Demokratie hineinschlafwandeln. Denn die Strategien unserer Experten zeichnen sich als blind für Paradoxa aus; ihre Logik übersetzt sich in Zugang (1) und Verweigerung (0) für Zertifikatsträger (1) respektive Nichtträger (0). Das charakterisiert für mich ein Rätsel, das kein akademisches, sondern ein menschliches ist: Wie kann es sein, dass Experten so blind für diese Tragödie sind?

In der Wissenschaftsgeschichte gibt es nach dem Physiker Freeman Dyson Beispiele für irrationale Glaubenssätze, die von irrenden Koryphäen verbreitet und von loyalen Anhängern übernommen wurden. In all diesen sehen wir eine Expertengemeinschaft, die in Harmonie in einem falschen Glauben vereint ist, und jeder, der diesen vorherrschenden Glauben in Frage stellte, störte ihren Frieden. Mit einem Gesundheitsnachweis per Zertifikat installiert unsere Politik eine mögliche Infrastruktur für eine Überwachung, an die sich die Gesellschaft in der Pandemie langsam, schrittweise gewöhnt. Dies könnte, analog zum griechischen Paradoxon, ein erster Schritt in eine düstere Zukunft sein: Zugang zu Dienstleistungen nur noch nach Punkten, Verhalten, Gesundheitsstatus, ökologischem Fussabdruck.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff bezeichnete dies alles als «Angriff auf die menschliche Autonomie» sowie «eine Bedrohung für unsere Freiheiten und Demokratien». Die Politiker verlangen von uns nämlich, unsere Privatsphäre zu Gunsten der Zertifikate aufzugeben. Aber wie viel Privatsphäre geben wir da preis? Das ist für uns unklar und undurchsichtig. Wir sehen jedes Körnchen Information, das preisgegeben wird, aber nicht den ganzen Haufen an Informationen. Ebenso undurchschaubar ist, wie dieser Informationshaufen von der Politik genutzt wird, um unser Verhalten nicht nur vorherzusagen, sondern zu beeinflussen und zu verändern. Mir erscheint die vermeintliche Sicherheit daher eher als Risiko.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST-Institut der Universität Freiburg.

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