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Zwei Methoden, wie wir vom Schwarz-Weiss-Denken wegkommen

Shades of Grey: Warum Grautöne alles andere als langweilig sind.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Keine Sorge, das ist keine schlüpfrige Kolumne. Es ist vielmehr ein Loblied der Grautöne, die in öffentlichen Diskussionen immer mehr von einem grellen Weiss auf der einen Seite und einem tiefen Schwarz auf der anderen Seite verdrängt werden – so zumindest mein Eindruck. Bisweilen wird das Bild vermittelt, als ob sich die Schweiz nur noch in zwei Lager spalte: hier das idyllische Auenland, dort das verdorbene Mordor. Hier gut, dort böse. Hier richtig, dort falsch.

Sobald man genauer hinschaut, erweist sich das natürlich als Trugschluss. Die Realität ist komplexer. Die Wirklichkeit kennt unzählige Grautöne. Doch warum dominiert dann das Schwarz-Weiss-Denken in vielen Diskursen? Ich vermute, dass es unter anderem damit zusammenhängt, dass Komplexität ein schlechtes Image hat. Komplexität wird als Hindernis für Lösungen betrachtet, als Barriere in der Vermittlung, als Hürde für Dynamik. Gerne wird in diesem Kontext Albert Einstein zitiert: «Mache die Dinge so einfach wie möglich.» Aber Einsteins Ausspruch geht noch weiter; der zweite Satz lautet: «Aber nicht einfacher!» Leider wird dieser zweite Satz oft vergessen oder bewusst unterschlagen. Einstein fordert nämlich nicht pauschal zur übermässigen Vereinfachung der Dinge auf, sondern dazu, sie nicht unnötig zu verkomplizieren. Anders formuliert: Wenn sich die Dinge nicht als weiss oder schwarz erweisen, dann sollten wir sie auch nicht so anmalen, sondern den richtigen Grauton treffen, bloss ohne unnötige Schnörkel. Doch wie nähern wir uns dem richtigen Grauton? Zwei Methoden kommen mir dazu sogleich in den Sinn.

Erstens: Indem wir vor allem der Neigung zu Pauschalurteilen widerstehen. Pauschalurteile wie «Alle Politiker …», «Alle Wissenschafter …» etc. sind zwar sehr beliebt, aber auch sehr problematisch. Denn sie geben nicht nur ein ungenaues Bild der Wirklichkeit wieder, sondern sind in den allermeisten Fällen schlichtweg falsch. Denn aus Sicht der Logik braucht es nur ein einziges (!) Gegenbeispiel, um solche Allaussagen als falsch zu entlarven. Und glauben Sie mir: Sobald man aufmerksam hinschaut, findet man Gegenbeispiele, oft deutlich mehr als eins. Und diese Gegenbeispiele zwingen uns dann zur Differenzierung. Und schon verlassen wir das grelle Weiss oder das tiefe Schwarz in unserem Denken und betreten das viel faszinierendere Reich der Grautöne.

Zweitens: Indem wir einen Perspektivenwechsel vornehmen. Das plakative Schwarz-Weiss-Denken funktioniert nur, solange man seine eigene Sichtweise begeistert als die richtige feiert. Sobald man beginnt, die Motive und Gründe des Anderen verstehen zu wollen und die Dinge aus seiner Warte zu sehen, hat man oft schon die ersten wichtigen Schritte Richtung Grautöne unternommen. Dabei geht es gar nicht darum, die Meinung des Anderen zu übernehmen. Nein, oft reicht schon die Erkenntnis aus, dass die andere Person auch Gründe, vielleicht sogar gute Gründe für ihre Position hat. Angesichts einer solchen Einsicht ist es kaum noch möglich, weiterhin demonstrativ am Schwarz-Weiss-Denken festzuhalten.

Die beiden genannten Methoden kann man üben. Es ist immer wieder faszinierend, miterleben zu dürfen, wie Menschen durch eine entsprechende Schulung flexibler, geschmeidiger in ihrem Denken werden – und offener sowie differenzierter in ihren Urteilen. Voraussetzung dafür ist die passende Bereitschaft. Denn alle Methoden nützen nichts, wenn der Wille zu ihrer Anwendung fehlt. Wer sich hingegen auf das Denken und Urteilen in Grautönen einlässt, wird voraussichtlich so manch intellektuelles Abenteuer auf seiner Reise jenseits von Weiss und Schwarz erleben.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.