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AUTO: Schweizer Idee wird zum Welthit

Mobil sein – auch ohne eigenes Auto: Carsharing boomt. Während die Schweiz als Pionierin gilt, treiben nun die deutschen Autohersteller einen globalen Markt an.
Gerhard Bläske
Mobility kann auf eine sehr erfolgreiche, eigene Geschichte zurückblicken. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Mobility kann auf eine sehr erfolgreiche, eigene Geschichte zurückblicken. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Gerhard Bläske

Die Schweiz ist mit der bereits 1948 in Zürich gegründeten «Selbstfahrergemeinschaft» die historische Wiege des Carsharings. Auch heute noch gibt es, bezogen auf die Einwohnerschaft, nirgends so viele Nutzer von Carsharing-Angeboten wie in der Schweiz. Allein die Luzerner Mobility-Genossenschaft (Mobility), die an 1460 Standorten 2900 Fahrzeuge im Angebot hat und in Basel und bald in Genf das standortunabhängige Carsharing über die Tochter «Catch a Car» betreibt, zählt hierzulande inzwischen 127 000 Nutzer.

Ein Markt, der regelrecht explodiert

Auch international hat sich das Carsharing zum Erfolgsmodell entwickelt. Vor allem in Deutschland. In den 80er- Jahren war es dort hauptsächlich ein Angebot für Einkommensschwache, die ab und zu ein Auto brauchten. Später kamen ökologische Argumente hinzu. Mit dem Markteintritt der Daimler-Tochter Car-2-Go (zusammen mit Europcar) und der BMW-Tochter Drive Now (mit Sixt) ist dieser Markt seit 2010/2011 regelrecht explodiert. Allein in Deutschland hatten nach Angaben des Branchenverbandes Carsharing (BCS) Ende 2015 die 150 eigenständigen Anbieter etwa 1,26 Millionen Nutzer, die sich knapp 16 000 Fahrzeuge teilten. Damit entfallen auf Deutschland etwa die Hälfte des europäischen Marktes. Die Management-Beratung Boston Consulting erwartet für die nächsten fünf Jahre weiterhin starkes Wachstum: Bis 2021 soll es in Deutschland 2 und weltweit 35 Millionen Nutzer dieser Angebote geben.

Zwar liegt der Schwerpunkt der Angebote in Grossstädten. Doch inzwischen gibt es Carsharing an 537 Orten in Deutschland. Der Markt teilt sich auf zwischen stationären Anbietern, deren Fahrzeuge an festen Parkplätzen stehen, und stationsunabhängigen Frei-Float-Angeboten, die spontane Nutzung möglich machen, ohne dass die Kunden zu einer Anmiet- oder Abgabestation müssen und ohne Autoübergabe im klassischen Sinne. Nach der Registrierung erfolgt das Buchen per App, über die der Kunde das nächste freie Auto findet, ohne Voranmeldung, ganz spontan. Abgerechnet wird in der Regel ein Minuten- und/oder Kilometernutzungspreis.

Firmen können Fuhrpark einsparen

Immer häufiger nutzen auch Firmenkunden das Carsharing: für Fahrten zum Flughafen, bei Terminen in anderen Städten oder in Gewerbegebieten am Stadtrand. Kleinere Unternehmen können so oft ganz oder teilweise auf ihren eigenen Fuhrpark verzichten und damit ihre Fixkosten reduzieren. Nach Angaben von Car-2-Go nutzen inzwischen 37 Prozent der Unternehmen des deutschen Börsenindex Dax Car-2-Go. Auch Drive Now oder Cambio sind stark in diesem Segment vertreten. Die Car­sharing-Anbieter bieten etwa Vorreservierungen, Blockbuchungen und spezielle Abrechnungssysteme. Drive Now gibt den Anteil der geschäftlichen Kunden mit etwa einem Viertel an. Jede zehnte Fahrt bei Car-2-Go läuft über einen Unternehmensaccount.

Bei der Schweizer Mobility ist das «Business-Carsharing» nach Angaben von Pressesprecher Patrick Eigenmann inzwischen ein wichtiges Standbein, das rund ein Viertel des Umsatzes von 74 Millionen Franken ausmache. 4200 Unternehmen hierzulande nutzen Mobility. Doch BCS-Sprecher Gunnar Nehrke bleibt zumindest für Deutschland skeptisch: «Der Dienstwagen bleibt ein Statussymbol. Es sind vor allem jüngere Manager, die auf ein eigenes Fahrzeug verzichten und Mobilitätsangebote nutzen.»

Expansion nach China und in die USA

Car-2-Go sieht sich mit weltweit 1,9 Millionen Kunden an 30 Standorten und mehr als 14 000 Autos als Weltmarktführer und hat längst in die USA und nach China expandiert. Daimler-Chef Dieter Zetsche peilt bis 2021 eine Umsatzsteigerung von heute 150 Millionen auf 1 Milliarde Euro an. Drive Now liefert sich mit 500 000 Nutzern (eigene Angaben) ein deutsches Kopf-an-Kopf-Rennen mit Car-2-Go. Letztere kommt weltweit auf 600 000 Kunden an zehn Standorten und will nun stärker international expandieren. Vor allem in China gewinnt das Konzept aus Umweltgründen an Bedeutung. Überrascht war Car-2-Go über den Erfolg in Mailand und Rom: Wegen der Parkplatznot wird das Angebot dort besonders intensiv wahrgenommen.

Doch Carsharing funktioniert nicht überall. «Die Herausforderung ist das Parken», heisst es bei Car-2-Go. Ohne die Bereitstellung von kostenlosen Parkmöglichkeiten durch die Kommunen funktioniere das Free-Floating-Modell nicht. Mangels solcher Vereinbarungen zog sich etwa Car-2-Go aus Grossbritannien zurück. Drive Now stellte ein Projekt in San Francisco wieder ein. In der Schweiz sieht es etwas anders aus. Mobility sucht hier Lösungen mit den einzelnen Gemeinden für die Free- Float-Tochter Catch a Car: In der Stadt Basel kostet die Parkkarte 590 Franken pro Fahrzeug und Jahr.

Die Angebote verfeinern sich

Der Markt wächst, es kommen Dienstleistungen hinzu, und die Angebote verfeinern sich. Während Drive Now schon länger mehrere BMW- und Mini-Modelle anbietet, hat sich Car-2-Go erst vor kurzem entschlossen, die Smart-Flotte um Modelle der Daimler-Kompaktklasse zu erweitern. Der Daimler-Konzern bietet darüber hinaus weitere Dienstleistungen an und will etwa die App der Tochter Moovel als «Amazon der Mobilität» etablieren. Nutzern werden darauf, unabhängig von Konzernangeboten, die schnellsten, kostengünstigsten oder ökologischsten Lösungen angezeigt, um von A nach B zu kommen, wobei sie auf den öffentlichen Nahverkehr, Autos, Züge, Fahrräder oder Taxi-Dienste zurückgreifen können. Moovel verdient an Provisionen und hat bereits mit einigen Nahverkehrsbetrieben Verträge abgeschlossen. So lassen sich deren Tram-Tickets etwa per Moovel-App buchen.

Neben Autovermietern wie Avis oder Hertz tummeln sich im Carsharing auch traditionelle Anbieter wie Stadtmobil und Cambio. Auch andere Autohersteller sind in das Geschäft eingestiegen: Citroën betreibt etwa mit Multicity einen Free-Floating-Service mit Elektroautos in Berlin, Opel baut Car-Unity auf, Ford, zusammen mit der Händlerorganisation, Ford Car Sharing, und VW will wohl mit dem Fahrdienst Gett einen neuen Anlauf wagen.

Probelauf für Elektroautos

Zwar ist Drive Now nach eigenen Angaben in Deutschland rentabel und Car-2-Go «an einzelnen Standorten». Doch ein grosses Geschäft ist das noch nicht. Immerhin: Autohersteller schaffen so zumindest eine Bindung an junge Menschen, die häufig gar kein Auto wollen, sich vielleicht aber später mal eines anschaffen. Ausserdem können sie ihre Elektroautoflotten erproben: Bei Drive Now werden 20 Prozent der Fahrzeuge elektrisch angetrieben, bei Car-2-Go ist es knapp ein Zehntel der 14 000 Autos.

Befürchtungen, die Hersteller graben sich mit ihren Angeboten selbst das Wasser ab, sind wohl unberechtigt. Nach der Boston-Consulting-Studie verzichten bis 2021 nur 278 000 potenzielle Neuwagenkäufer in Europa wegen Carsharing auf die Anschaffung eines eigenen Autos.

Schweiz mit Mobility als Sonderfall

Die Schweiz ist übrigens in mancher Hinsicht ein Sonderfall. Weder Car-2-Go noch Drive Now sind hier präsent. Bisher sind auch keine entsprechenden Pläne bekannt. Mobility ist nach wie vor der einzige flächendeckende Anbieter im Land und hat selbst, «insbesondere aus organisatorischen und finanziellen Gründen», nie eine Expansion ins Ausland gesucht. Der hiesige Marktführer will sowohl mit seinen stationären als auch mit Free-Float-Angeboten weiter wachsen, vor allem bei der urbanen Bevölkerung, jungen Menschen und Firmen. Die Luzerner glauben, dass das Carsharing in der Schweiz in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen wird und andere Anbieter auf den Plan rufen wird.

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