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AUTOINDUSTRIE: Mit Knall gegen die Wand

Der Airbag-Skandal treibt den japanischen Weltmarktführer Takata in die finanzielle und moralische Pleite. In Europa will das Unternehmen aber weiter produzieren.
Angela Köhler, Tokio
Takata-Chef Shigehisa Takada macht den Kotau. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA (Tokio, 26. Juni 2017))

Takata-Chef Shigehisa Takada macht den Kotau. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA (Tokio, 26. Juni 2017))

Angela Köhler, Tokio

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Der skandalgeplagte Airbag-Produzent Takata musste gestern in Tokio für seinen japanischen Mutterkonzern und die US-Tochter Insolvenz anmelden. Sein chinesisch-amerikanischer Rivale Key Safety Systems (KSS) wird die Geschäfte für umgerechnet 1,5 Milliarden Franken übernehmen. KSS übernimmt aus der Konkursmasse nahezu alle Vermögenswerte und das operative Geschäft, darunter auch die Herstellung von Sicherheitsgurten und Lenkrädern. Unklar ist, wer für die aktuellen Verbindlichkeiten in Höhe von umgerechnet 8,8 Milliarden Franken geradesteht.

Dieser «Knall gegen die Wand», wie es Tokioter Medien nennen, ist eine der grössten Firmenpleiten in der japanischen Wirtschaftsgeschichte. Aber die geschäftliche Luft entwich schon seit spätestens 2014, als bekannt wurde, dass Takata-Airbags unter Hitze und Luftfeuchtigkeit schwere Unfälle auslösen können. Statt Menschen vor dem Unfalltod zu retten, erwiesen sich die Airbags als Todesfalle. In zahlreichen Fällen explodierten sie mit riesiger Wucht, geschossartig drangen Metallsplitter in die Körper der Fahrzeuginsassen. Noch ist nichts abschliessend erwiesen, aber mindestens 16 Todesfälle und fast 200 Verletzungen werden auf solche technischen Mängel zurückgeführt. Rund 100 Millionen Airbags mussten zurückgerufen werden. Firmenchef Shigehisa Takada ignorierte lange alle Bedenken, weigerte sich, die Behörden zu alarmieren, und wies seine Ingenieure an, weiterhin fehlerhafte Zünder einzubauen. Die US-Justiz wirft dem Unternehmen vor, vorsätzlich Daten gefälscht und damit seine Profite über die Sicherheit der Kunden gestellt zu haben. Takata zahlte allein in den USA eine Milliarde Dollar Strafe und musste sich für drei Jahre unter die Aufsicht eines unabhängigen Prüfers stellen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt galt das Unternehmen auch in seiner Heimat Japan als moralisch bankrott. Die Autoindustrie kehrte ihrem langjährigen Zulieferer weltweit den Rücken, neben den japanischen Konzernen auch General Motors, BMW, Daimler und VW. Den K.-o.-Schlag aber versetzten Takata schliesslich Nippons Hersteller im November 2015, als erst Hauptkunde Honda und kurz drauf Toyota, Nissan und Subaru ankündigten, die Verträge einzustellen, und damit praktisch der gesamte Heimatmarkt wegbrach.

Preise könnten steigen

Gäbe es nicht im Insolvenzrecht Japans Schlupflöcher, die es sterbenden Firmen ermöglichen, die Insolvenz legal zu verschleppen, hätte der Zulieferer längst aufgeben müssen. Verzweifelt versuchte die Gründerfamilie, die derzeit noch 60 Prozent der Anteile hält, die Firma zu retten. Aber Nippons Autokonzerne bestanden zum Schluss auf einem geordneten Gerichtsverfahren.

Der Börsenkurs brach um drei Viertel ein, in der vergangenen Woche musste der Handel mit Takata-Aktien gänzlich ausgesetzt werden. Jetzt räumt auch CEO Takada ein, dass Pleite und Übernahme nicht mehr zu verhindern waren. «KSS ist nicht nur der ideale Investor, um die Kosten für die Rückrufe von Airbags zu bewältigen, sondern auch ein optimaler Partner für Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter unserer Firma.» Durch den geplanten Zusammenschluss entsteht ein Anbieter von Sicherheitssystemen für Autos mit etwa 60 000 Mitarbeitern in 23 Ländern. KSS teilte mit, dass im Zuge der Übernahme weder Stellen gestrichen noch Produktionsstätten geschlossen würden. Der Abschluss der Zwangsfusion soll im ersten Quartal 2018 erfolgen.

In Europa will Takata angeblich weitermachen, weil dort eine «solide finanzielle Basis» unabhängig von anderen Regionen bestehe. Autoexperten in Tokio haben daran aber Zweifel, obwohl sich deutsche Autokonzerne wie Daimler und BMW noch nicht vollständig abgewendet haben. Bei den Bayern kommt weiterhin ein Drittel der Airbags von Takata. Obwohl bisher keine Vorfälle bekannt wurden, riefen die Münchner bisher etwa 7,5 Millionen Autos zurück. Das soll einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag gekostet haben, der nach der Pleite wohl abgeschrieben werden muss.

Bedrohlich klingt auch, dass die Takata-Fabriken an den ostdeutschen Standorten Döbeln und Freiberg seit Monaten mit sinkendem Absatz kämpfen, der auf «Restrukturierungsmassnahmen» zurückgeführt wird. Dennoch hoffen die deutschen PKW-Hersteller auf ein Überleben. Würde dieser wichtige Zulieferer – auch für Lenkräder, Sicherheitsgurte und Kindersitze – wegfallen, ist auf dem Airbag-Sektor ein Oligopol mit erheblichen Preissteigerungen zu befürchten.

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