AUTOMOBIL: Hände weg vom Steuer

Autos, die selber fahren, sind am Auto-Salon omnipräsent. Auch die Schweizer Firma Rinspeed hat ein futuristisches Auto entworfen. Viele Fragen bleiben aber offen.

Livio Brandenberg
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Lesen statt fahren: Das könnte künftig mit dem Rinspeed-Auto möglich sein. (Bild: PD)

Lesen statt fahren: Das könnte künftig mit dem Rinspeed-Auto möglich sein. (Bild: PD)

Livio Brandenberg

Audi, Mercedes, BMW, Volvo, VW, Nissan, Tesla, aber auch Apple und Google – fast alle mischen mit. Die Rede ist vom selbstfahrenden Auto. Am Genfer Auto-Salon stellen diverse Hersteller ihre neuesten Fahrzeuge vor, und ein Grossteil präsentiert auch die Entwicklungsfortschritte beim autonomen Fahren. Der Gang in die Abhängigkeit hinter dem Steuer – wenn es dereinst überhaupt noch eines gibt – scheint unaufhaltsam. Und dies, obschon laut aktuellen Umfragen eine deutliche Mehrheit der Personen in verschiedenen Ländern die Hände nicht vom Lenkrad nehmen will (siehe Grafik). Selbst zu fahren scheint für viele ein erhaltenswerter Luxus zu sein.

Das sieht der Autopionier, Gründer und CEO der Rinspeed AG, Frank M. Rinderknecht, anders. «Es gibt gewisse Strecken, die einfach langweilig zu fahren sind, da könnte man anderes machen unterwegs», so Rinderknecht, der mit seiner Firma dieses Jahr in Genf das selbstfahrende Konzeptauto «Etos» vorstellt. «Ich bin gestern etwa von Genf nach Zürich gefahren, diese Strecke ist zwischendurch nicht gerade berauschend. Da hätte ich gerne meine Mails beantwortet, dann hätte ich das am Abend nicht mehr machen müssen», sagt Rinderknecht. Er sieht die rasant fortschreitende Entwicklung beim autonomen Fahren positiv: «Ich freue mich darauf.»

Während der Fahrt ein Buch lesen

Der Zürcher Autodesigner ist aber überzeugt, dass es den Fahrer noch lange geben wird. Er findet das auch richtig, denn: Der Mensch soll immer noch entscheiden können, ob er selber fahren oder das Steuer aus der Hand geben will. Darum kann man im Etos-Auto das Steuerrad «dem Auto übergeben», wie es Rinderknecht ausdrückt. Auf Befehl des Lenkers klappt das Lenkrad innert Sekunden zusammen und fährt in die Armaturen zurück. So entsteht für den «Fahrer» mehr Platz – etwa um bequem ein Buch zu lesen oder auf dem Laptop zu arbeiten. «Gleichzeitig kommen die zwei grossen Anzeigebildschirme rund 30 Zentimeter näher, sodass sie besser zu bedienen sind», erklärt Rinderknecht.

Dieses Szenario liegt aber noch ziemlich weit in der Zukunft. Das heute geltende Verkehrsrecht verunmöglicht selbstfahrende Autos. Laut Gesetz muss in der Schweiz der Lenker «das Fahrzeug ständig beherrschen» und darf das Steuerrad «nicht loslassen» (siehe Box). Doch es ist denkbar, dass diese Vorschrift in nächster Zeit angepasst wird. Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamts für Strassen, sagt auf Anfrage: «Wir überprüfen momentan, ob und inwiefern das geltende Recht angepasst werden muss im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Assistenzsysteme, die immer mehr Fahrerfunktionen übernehmen», so Rohrbach (siehe Kasten.) Einen Zeitplan gebe es aber nicht. «Diese Fragen müssen nicht nur in der Schweiz geregelt werden, sondern weltweit, damit das autonome Fahren nicht an der Landesgrenze zu Ende ist», sagt Rohrbach.

Kurz vor dem nächsten Schritt

Die von Rohrbach angesprochenen Assistenzsysteme können schon heute deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. So kann man heute auf der Autobahn ohne Probleme dem Auto das Halten des Abstands und die Tempoanpassung anvertrauen. Autobauer wie Mercedes, VW, BMW, Audi und viele andere bieten diese Technologie serienmässig an. Laut Bernhard Gerster, Automobil-Experte der Berner Fachhochschule, stehen wir momentan aber kurz davor, einen nächsten, grundlegenden Schritt zu machen: den zum selbstständigen Fahren im Verkehr, nicht nur «längs», also mit Abstandskontrollen nach vorne und hinten, sondern «quer». Das heisst, das Auto entscheidet selber, die Spur zu wechseln, und fügt sich dann wieder in den Verkehr ein. Erste Tests auf Autobahnen in den USA und Deutschland zeigen, dass die selbstfahrenden Autos hierbei schneller und damit sicherer agieren als der Mensch.

Das selbstfahrende Auto schafft Konflikte

lb. Bis heute haben viele Menschen Vorbehalte, wenn es um das autonome Fahren geht. «Bei selbstfahrenden Autos geht es nebst der Technik grundsätzlich um drei Fragen: die der Ethik, um rechtliche Fragen und die der Haftung», sagt Bernhard Gerster, Abteilungsleiter Automobiltechnik an der Berner Fachhochschule.

Ethische Fragen:Diese entstehen laut Gerster bei Notsituationen. Der Autoexperte macht ein Beispiel: «Nehmen wir an, einem selbstfahrenden Auto fährt ein anderes Auto blitzartig in die Spur. Auf der Gegenfahrbahn links kommt ein Lastwagen entgegen, rechts neben der Spur stehen Kinder an einer Bushaltestelle. Es braucht einen sofortigen Entscheid: weiterfahren ins Auto vorne und einen leichten Schaden für beide Parteien in Kauf nehmen; nach links ausweichen und eine tödliche Kollision eingehen oder nach rechts ausweichen und mit grosser Wahrscheinlichkeit eine grosse menschliche Katastrophe verursachen.» Solche ethisch schwierig aufzulösende Fragen müssten im Voraus von einem Menschen beantwortet werden, indem dieser das Auto entsprechend programmiert, sagt Gerster. Schon heute gebe es serienmässig Fahrassistenzsysteme, die so programmiert sind, dass sie auf den ersten Impuls des Fahrers setzen, und das dann konsequent durchziehen, erklärt Gerster. «Wenn ich als Fahrer eine Tendenz zu einer ruckartigen Bewegung nach rechts habe, dann speichert das Auto das und wendet dieses Verhalten wieder an», so der Experte. Selbstfahrende Autos bräuchten also von Anfang an ein Programm, welches ihm gewisse Entscheidungen vorgibt. «Dafür bräuchte es weltweite Standards, und die gibt es nicht. Womit man beim Rechtlichen ist», sagt Gerster.

Rechtliche Fragen: Laut dem Autoexperten hinkt die rechtliche Regulierung hier nicht nur hintennach, es passiere auch zu wenig. Die grundlegende rechtliche Basis für das Autofahren ist das Wiener Übereinkommen über den Strassenverkehr von 1968. Dort heisst es, das Auto muss «dauernd» von seinem «Führer» beherrscht werden – ein Mensch muss also die Lenkaufgabe wahrnehmen, er hat die Verantwortung. «Im Hinblick auf die Entwicklung bei den Fahrassistenzsystemen und den selbstfahrenden Autos hat man letztes Jahr den Ausdruck ‹dauernd› gestrichen», so Gerster. Könnte das bereits ein erster Schritt zur Auflockerung sein? Thomas Rohrbach vom Bundesamt für Strassen stellt klar: «Aktuell gilt: Assistenzsysteme sind erlaubt, sie müssen aber jederzeit vom Fahrer manuell übersteuert werden können. Die Hände gehören jederzeit ans Lenkrad.» Autonomes Fahren bedingt nach wie vor eine Sonderbewilligung.

Haftpflichtfragen:Bisher gilt: Liegt die Verantwortung für das Auto beim Menschen, dann muss dieser auch die Haftpflicht übernehmen, also eine Versicherung lösen. Was aber nun, wenn das Auto selbst fährt? Wenn dann etwas passiert, kann der Mensch ja gar nichts dafür? Laut Gerster sind hier verschiedene Lösungen denkbar. Ein Ansatz wäre, dass der «Fahrer» oder Halter des Autos beim Abschluss einer Versicherung anerkennen muss, dass er einverstanden ist, die Verantwortung zu tragen, auch wenn er gar nicht selber fährt.

Parkieren mit dem iPhone

lb. Als James Bond 1997 in «Der Morgen stirbt nie» mit dem Handy seinen 7er-BMW fernsteuerte, spotteten nicht wenige Kinogänger. Heute ist diese abenteuerliche Vorstellung Realität – zumindest fast: Den neuen BMW der 7er-Klasse kann man mit einem «intelligenten Schlüssel» aus der Distanz parkieren. Der Schlüssel verfügt über ein Touch-Display, ähnlich einem Smartphone. Anhand von Pfeilen lässt sich das Auto vor- oder rückwärts fahren; Hindernisse erkennt es dabei selber und hält, falls nötig, an. Nach dem Einparkieren kann der Motor ebenfalls aus der Distanz ausgeschaltet werden. Besonders hilfreich ist das neue System also für alle, die frontal in eine enge Garage einparkieren müssen. Neben BMW bietet auch Mercedes bei seiner E-Klasse das ferngesteuerte Parkieren an. Hier funktioniert es – wie bei James Bond vor knapp 20 Jahren – mit dem Handy, welches wir heute einfach Smartphone nennen.