AUTOMOBIL: Weshalb der Verkauf von Elektroautos nicht auf Touren kommt

Das Beratungsunternehmen Ecovis hat 34 Länder untersucht, in welchen staatliche Hilfen für Elektroautos gewährt werden. Das Ergebnis ist ein deutlicher Fingerzeig.

Gerhard Bläske
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Trotz staatlicher Subventionen bleiben in Europa viele Parkplätze für Elektroautos vorerst leer. (Bild: Martial Trezzini/Keystone (Genf, 21. April 2017))

Trotz staatlicher Subventionen bleiben in Europa viele Parkplätze für Elektroautos vorerst leer. (Bild: Martial Trezzini/Keystone (Genf, 21. April 2017))

Gerhard Bläske

Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist gross. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat ihr Ziel, bis 2020 in Deutschland 1 Million Elektroautos auf die Strasse bringen zu wollen, kürzlich revidiert. 2016 wurden nur 25 254 Elektro- und Plug-in-Hybride neu zugelassen (plus 7 Prozent). Der Absatz reiner Elektroautos ging sogar um 7,7 Prozent auf 11 410 Einheiten zurück.

Deutschland liegt damit trotz diverser Anreize wie der Förderung des Kaufs eines Elektroautos mit 4000 Euro und eines Hybrids mit 3000 Euro sowie temporärer Steuerbefreiung im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld.

Schweiz steht besser da als Deutschland

Zum Vergleich: Obwohl es in der Schweiz nur sehr geringe Fördermassnahmen gibt, werden hierzulande im Verhältnis deutlich mehr Stromer und Hybride verkauft: 3525 reine Elektroautos und weitere 10 587 Hybride waren es 2016. Mit einem Marktanteil von 1,1 Prozent ist der Anteil von Elektroautos in der Schweiz höher als in Deutschland.

Allerdings: Längst nicht alle Kantone fördern durch eine reduzierte Motorfahrzeugsteuer den Verkauf solcher Fahrzeuge. Während die Aargauer und Luzerner leer ausgehen, gibt es etwa in Bern 40 Prozent Rabatt für die ersten drei Jahre; in St. Gallen sind Fahrzeuge der Energieeffizienzkategorie A gar während vier Jahren steuerbefreit. «Das ist im internationalen Vergleich wenig. Vielen Käufern hier geht es eher darum, mit dem Kauf eines solchen Autos nach aussen gut dazustehen», sagt Marianne Esther Meier, Steuerexpertin im Ecovis-Partnerbüro Luzern.

In Südkorea gibt es am meisten

Andere Länder sind da grosszügiger. In Südkorea etwa fördert der Staat den Kauf eines Elektroautos mit bis zu 11 450 Euro. Dazu kommen auf lokaler Ebene bis zu 9800 Euro. Mehr gibt es laut Ecovis sonst nirgends. Auch China fördert die Anschaffung solcher Fahrzeuge massiv. Bis zu 9800 Dollar pro Fahrzeug erhalten Käufer dort. Ausserdem fällt keine Motorfahrzeugsteuer an, die Mehrwertsteuer wird auch nicht fällig und die Errichtung von Aufladestationen wird steuerlich gefördert. «In China fliesst die Kaufförderung direkt an die Hersteller, was den Verkaufspreis attraktiver macht», erläutert Richard Hoffmann, Ecovis-Partner in Peking.

Der Studie zufolge locken 56 Prozent der untersuchten Länder mit Anschaffungsprämien. «Bis auf wenige Ausnahmen gibt es den Zuschuss sowohl für reine E- als auch für Hybrid-Autos, ganz gleich, ob es sich um Privat- oder Firmenwagen handelt», sagt Ecovis-Vorstand Alexander Weigert. Für Plug-in-Hybride sind die Subventionen meist geringer. In Frankreich, das zu den Ländern mit der höchsten Förderung gehört, gibt es für den Erwerb eines Elektroautos einen Zuschuss von 10 000 Euro und für einen Plug-in 3500 Euro. In einigen Ländern, etwa in Deutschland, Österreich und Spanien, werden solche staatlichen Hilfen in Abhängigkeit vom Anschaffungspreis des Autos gezahlt, in Spanien auch abhängig von der Reichweite.

Viele Länder setzen auf einen Massnahmenmix aus Kaufanreizen und dem Verzicht auf Motorfahrzeugsteuern, Importzöllen und Mehrwertsteuern. China streicht Steuern für Elektro- und Hybridfahrzeuge ganz auf. Südkorea bietet zusätzlich zum Kaufbonus erhebliche Mehrwertsteuerermässigungen. In der Schweiz, in Italien und in Belgien gibt es nur in bestimmten Landesteilen, Regionen oder Kantonen Unterstützung für den Kauf von Fahrzeugen oder steuerliche Erleichterungen. Australien, Polen, Tschechien und Serbien gewähren gar keine Hilfen.

Nicht die mangelnde Nachfrage ist das Problem

Trotz der teils umfangreichen staatlichen Subventionen kommen Elektro- und Hybridfahrzeuge in den meisten Ländern nur auf sehr geringe Marktanteile. Ein Zusammenhang zwischen Höhe der Förderung und Absatz ist nach Ansicht von Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive Management (CAM) im deutschen Bergisch-Gladbach, nicht zwingend.

In vielen Industrieländern liegen die Marktanteile etwas über 1 Prozent, in der Schweiz beispielsweise bei 1,1 Prozent (nur Elektrofahrzeuge). Rechnet man hier die Hybride dazu, kommt man auf über 4 Prozent. Deutschland schneidet mit einem Anteil von 0,75 Prozent (Elektro- und Hybridfahrzeuge) an den Neuzulassungen schlecht ab. In Frankreich erreicht der Marktanteil 1,45 Prozent, in den Niederlanden immerhin 6 Prozent. Bratzel hat dafür eine Erklärung: «Wir haben kein Nachfrageproblem, sondern ein Angebots- und Technologieproblem.» Er glaubt, dass sich die Nachfrage nach solchen Fahrzeugen erst dann belebt, wenn es genug Ladestationen gibt, die Aufladezeiten sinken und die Reichweite der Fahrzeuge steigt.

Doch es gibt Länder, in denen die Verkaufszahlen und Marktanteile deutlich höher sind. In China etwa wurden im vergangenen Jahr 507 000 Elektro- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge verkauft. Zu mehr als 80 Prozent waren das reine Elektrofahrzeuge. Doch in China gibt es nicht nur besonders viele Fördergelder, sondern auch rigide Vorschriften. Um die in vielen Städten unerträgliche Umweltbelastung zu verbessern, müssen die Hersteller den Anteil lokal emissionsfreier Fahrzeuge bis 2020 von derzeit 1,8 Prozent auf 12 Prozent erhöhen. Europas Vorzeigemarkt für Elektro- und Hybridfahrzeuge ist Norwegen. Dort wurden 2016 laut CAM 45 000 Elektroautos neu zugelassen. Den Marktanteil bei den Neuzulassungen gibt das unabhängige Institut für Mobilitätsforschung mit 29 Prozent an.

Das hat spezielle Gründe. In dem skandinavischen Land sind Autos generell deutlich teurer als in anderen Ländern. Die Subventionen für Elektroautos sind enorm hoch: Für sie entfällt nicht nur die hohe Mehrwertsteuer von 25 Prozent, sondern auch die Importsteuer und die Abgasabgabe. Ein Elektro-Golf kostet damit etwa 8800 Euro weniger als ein konventioneller Golf in Deutschland. Auch der Unterhalt ist deutlich günstiger. Wer ein Elektroauto hat, muss keine Autobahngebühren zahlen, darf fast überall Busfahrspuren benutzen, auf kommunalen Parkplätzen kostenlos parken und an den fast 2000 Ladestationen im Land häufig kostenlos aufladen. Norwegen will so die CO2-Emissionen bis 2020 auf 85 Gramm pro Kilometer senken.

Bratzel glaubt, dass es noch eine Weile dauern wird, bis sich Elektroautos im Markt auf breiter Front durchsetzen werden. «Aufgrund technologischer Innovationen und veränderter politischer Rahmenbedingungen ist ab den 2020er-Jahren mit einem rasanten Wachstum der E-Mobilität zu rechnen.»