AUTOSALON: China setzt zur Eroberung Europas an

Bisher hatten chinesische Autos in Europa keine Chancen – zu niedrig die Qualität, zu tief die Sicherheit. Der Qoros soll die Wende bringen, mit deutscher Hilfe.

Hans-Peter Hoeren
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An der gestrigen Präsentation für die Presse stiessen die Qoros auf reges Interesse. (Bild: AP/Sandro Campardo)

An der gestrigen Präsentation für die Presse stiessen die Qoros auf reges Interesse. (Bild: AP/Sandro Campardo)

Die Marktlücke hat Nir Gilad schon vor sieben Jahren entdeckt. «Die chinesische Wirtschaft wuchs um 6 bis 10 Prozent, der Automarkt aber um fast 20 Prozent», sagt der CEO des israelischen Mischkonzerns Israel Corporation. Die chinesische Autoindustrie setzte vor allem auf Joint Ventures mit dem Ausland und Billigproduktion. Da kam ­Gilad eine Idee. «Lasst uns ein chinesisches Auto entwickeln nach westlichen Standards. Wir wollen die Chinesen stolz auf ihre Autos machen», schlug der Konzernchef seiner Vorstandschaft vor. ­Herausgekommen ist eine kompakte, viertürige Mittelklasse-Limousine mit Namen Qoros. Diese ist eine der Hauptattraktionen beim 83. Autosalon in Genf. Gestern wurde das Fahrzeug an den Pressetagen erstmals der Weltöffentlichkeit präsentiert.

Entwickelt wurde das Auto über einen Zeitraum von vier Jahren in München, Schanghai und Graz. In ihm steckt viel europäisches Know-how. Topshots aus der Autobranche, wie der Designer der Marke Mini, Gert Volker Hildebrand, und der ehemalige VW-Manager Volker Steinwascher, Ex-Manager von Jaguar, Opel und Ford konnten für das ambitiöse Projekt gewonnen werden. Zulieferer sind neben Magna Steyr, auch Bosch, Continental und Microsoft.

Kein Nachbau, ein Original

Ambitiös ist das Projekt in vielerlei Hinsicht: Zum einen wurden nicht wie in der Vergangenheit bei vielen chinesischen Herstellern Komponenten nachgebaut, sondern das Auto komplett neu entwickelt. 2,5 Milliarden Dollar haben die Israel Corporation und der grösste chinesische Autobauer Chery für die Entwicklung zur Verfügung gestellt. Während die Israelis in erster Linie als Kapitalgeber fungieren, bringt Chery technisches Know-how mit ein. Produziert wird der Qoros im Werk in Chang­schu, in der Nähe von Schanghai. Bei 150 000 Fahrzeugen im Jahr soll die Jahresproduktion liegen, ein Ausbau auf 450 000 ist aber möglich, sagt der operative Chef Volker Steinwascher.

Branchen-Insider gehen davon aus, dass der Preis für das Fahrzeug zwischen 12 000 und 14 000 Euro liegen wird. Das Qoros-Management will sich zu den Preisen noch nicht klar äussern (siehe Box). Im Spätsommer soll das Auto in China und in Osteuropa auf den Markt kommen. 2014 ist der Markteinstieg in der Schweiz und in Westeuropa anvisiert, wann genau ist aber unklar.

Im kommenden Jahr sollen zwei weitere Qoros-Kompaktfahrzeuge folgen, ein Kombi und ein SUV (eine Limousine mit dem Aussehen eines Geländewagens). Auch ein Hybridantrieb ist geplant. Mit dem Qoros GQ 3 nehmen die Chinesen ihren zweiten Anlauf im europäischen Automarkt nachdem in den Vorjahren chinesische Autos wie Landwind und Brilliance wegen Qualitäts- und Sicherheitsmängeln floppten. «Wir wollen uns über die Qualität in Europa behaupten», sagt der operative Leiter Steinwascher. Der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer traut dem neuen Auto den Durchbruch zu. «Mit dem GQ 3 stellt Qoros einen hochwertigen Konkurrenten in der Golfklasse vor. Die Pläne von Qoros sind ambitioniert, aber nicht unrealistisch», sagt er. Innerhalb von 4 bis 5 Jahren könnte Qoros 50 000 bis 60 000 Fahrzeuge in Europa verkaufen, prognostiziert ­Dudenhöffer.

Nicht alle sind optimistisch

Nicht alle Autoexperten sind derart optimistisch wie Ferdinand Dudenhöffer. «Die Eintrittsschwelle in den europäischen Markt ist relativ hoch», sagt beispielsweise der deutsche Autoexperte Stefan Bratzel. Qoros habe nur eine Chance, wenn es im Niedrigpreissegement, beispielsweise mit Dacia konkurrieren könne. Ähnlich sieht es Professor Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Geislingen. «Der Qoros sieht sicher gut aus, wichtig ist aber, dass er billig und gut ist», sagt Diez. Das neue Fahrzeug müsse preislich deutlich unter renommierten japanischen und europäischen Marken liegen, um eine Chance zu haben. Eine der grössten Herausforderungen sei es, schnell eine entsprechende Vertriebs- und Servicestruktur in Europa aufzubauen, sagt Diez.

Der grösste Automarkt der Welt

Bei allen Ambitionen in Europa, der Hauptfokus bei Qoros liegt vorerst in China. Mit über 13 Millionen verkauften PKW 2012 ist China mittlerweile zum grössten Automobilmarkt der Welt aufgestiegen (siehe Grafik), mit knapp 70 Prozent aller verkauften PKW dominieren aber die ausländischen Hersteller den chinesischen Markt. Das will Nir Gilad als erstes ändern. Aber auch die schwachen Exportzahlen chinesischer Hersteller sind ihm ein Dorn im Auge. Etwas mehr als eine Million chinesische Fahrzeuge wurden im vergangenen Jahr aus China exportiert, der Löwenanteil nach Russland und zu grossen Teilen in Dritt-Welt-Länder (siehe Grafik). Aktuell existieren 50 chinesische Automarken, dennoch fahren aktuell in den meisten Ländern Europas noch kaum Autos chinesischer Hersteller.

Gestern wurde der Qoros am Autosalon in Genf der Presse vorgestellt. Die jährliche Modeshow der Industrie startet morgen für das breite Publikum.

«Wir wollen die jüngere Generation ansprechen»


Ingenieur Der Deutsche Volker Steinwascher hat über Jahrzehnte im leitenden Management des Volkswagen-Konzerns gearbeitet, unter anderem als Vertriebsleiter in den USA. Trotz Pensionierung arbeitet er seit vier Jahren am Aufbau der neuen chinesischen Marke Qoros. Der 70-Jährige leitet das operative Geschäft des chinesischen Autoherstellers.

Volker Steinwascher, der Automarkt in Europa ist in der Krise. Es herrscht ein harter Verdrängungswettbewerb, wie will die neue chinesische Marke Qoros hier bestehen?

Volker Steinwascher: Wir wollen uns nicht allein über den Preis, sondern über die Qualität in Europa behaupten. Dazu gehören unter anderem ein zeitloses Design und eine innovative Mittelkonsole mit Touchscreen im Auto. Darüber hat man auch permanenten Zugriff auf das Internet und somit die sozialen Netzwerke. Wir wollen hier vor allem die jüngere Generation ansprechen. Die regelmässigen Smartphone-User.

Experten sind sich einig, dass Neueinsteiger in Europa nur im Billigsegment eine Chance haben, quasi in der Dacia-Klasse?

Steinwascher: Der Dacia hat Qualität, er ist ein gutes Auto, um von A nach B zu kommen. Aber er ist kein Auto, das Emotionen weckt. Das ist beim Qoros anders. Europa ist für uns ein Schlüsselmarkt, zum Start geht es für uns aber vor allem nicht allein um Volumen, sondern um die Präsenz.

Was wird der Qoros Sedan kosten?

Steinwascher: Der Preis wird unter 20 000 Euro liegen. Wir wollen nicht einfach ein neues Billigauto auf den Markt werfen.

Wo wird man die neue chinesische Marke als Erstes kaufen können?

Steinwascher: In China und Osteuropa wird das Auto noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Wir haben für den Beginn eine Produktionskapazität von 150 000 Fahrzeugen im Jahr vorgesehen, diese können wir auf 450 000 steigern.

Wann kommt der Qoros nach Westeuropa und in die Schweiz?

Steinwascher: Entscheidend ist der Aufbau des Vertriebs über ein entsprechendes Händlernetz. Wir haben hier zahlreiche Bewerbungen von Händlern. Der Qoros wird frühestens 2014 in Westeuropa vertrieben werden können.

In der Vergangenheit hatten chinesische Autos regelmässig Schwierigkeiten bei Crashtests in Europa. Wie sieht es mit dem Qoros aus?

Steinwascher: Wir haben zahlreiche Tests durchgeführt, die sich an den strengen europäischen Vorgaben orientieren. Die bisherigen Ergebnisse sind sehr zufriedenstellend. Wir denken, dass es für die Bestnote in Sachen Sicherheit, die 5 Sterne, reichen müsste.

Sie haben eine erfolgreiche Karriere bei VW hinter sich. Ihr wohlverdienter Ruhestand hatte gerade begonnen. Warum tun Sie sich solch ein aufwendiges Projekt noch an?

Steinwascher: Ich bin vom Produkt überzeugt, ausserdem leisten wir Pionierarbeit. Wir haben ein chinesisches Auto komplett neu entwickelt. Die ganze Abstimmung und die Applikationen sind von uns. Das ist vielleicht das, was chinesische Autohersteller bisher nicht hinbekommen haben, die ganzheitliche Betrachtung des Fahrzeugs. Man hat sich von vielen Zulieferern Teile liefern lassen, aber kein Auto zusammen entwickelt.