Interview

Axpo-Chef zum langsamen Ausbau der erneuerbaren Energien: «Man wird die Kernkraftwerke weiterhin brauchen»

Die Pläne des Bundes, um die erneuerbaren Energien rascher auszubauen, sind ungenügend. Dies kritisiert Axpo-Chef Thomas Sieber. Er spricht sich für andere Förderinstrumente aus.

Lucien Fluri und Doris Kleck
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Mitten in der Coronakrise ging die Nachricht fast unter: Der Bundesrat hat entschieden, wie er die Energiewende schaffen will. Ohne die grossen Konzerne wird sie nicht gelingen. Doch Thomas Sieber, Verwaltungsratspräsident der Axpo, zeigt sich skeptisch, dass die erneuerbaren Energien im nötigen Mass ausgebaut werden können. Sieber führt die Axpo derzeit aus dem Homeoffice, Videokonferenzen seien das tägliche Brot.

Wie macht sich die Coronakrise am Strommarkt bemerkbar?

Thomas Sieber: Zu Beginn hatten wir stark fallende Preise. Mittlerweile hat sich die Situation etwas erholt.

Wir sind in einer Rezession, was heisst das für den Ausbau der erneuerbaren Energien?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist ein langfristiges Projekt, das 15 bis 25 Jahre braucht. Die Rezession dauert hoffentlich höchstens einige Quartale. Der Bundesrat will mehr Anreize für die Förderung erneuerbarer Energien setzen. Tut er genug? Das neue Energiegesetz beinhaltet gute Elemente. Aber der Bundesrat schlägt mit den Investitionsbeiträgen ein Instrument vor, das sich in der Vergangenheit nur für kleine Anlagen bewährt hat. Der nötige Zubau an erneuerbaren Energien ist gross. Wir müssen den Ausbau beschleunigen und dafür braucht es andere Förderinstrumente.

Weshalb funktionieren Investitionsbeiträge nicht?

Bei den grossen Anlagen ist die Initialinvestition nicht das Problem. Produzenten und Investoren können diese stemmen. Problematisch ist die Investitionsdauer über 15, 20, 25 Jahre. Verwerfungen beim Strompreis bergen Risiken, die bisher niemand tragen wollte.

Was schlagen Sie vor?

Grosse Teile der Strombranche fordern ein Modell mit einer gleitenden Marktprämie. Damit teilen sich Staat, Investor und Produzent das Risiko.

Sie wollen das Risiko von fallenden Preise auf den Staat abwälzen?

Nein, wir wollen das Risiko verteilen. Der Bund sieht vor, dass es für grössere Anlagen Auktionen geben soll. Wer den Zuschlag erhalten will, muss einen attraktiven Preis bieten. Der Staat müsste nur einspringen, wenn der Grosshandelspreis unter den gebotenen Preis fällt.

Zur Person

Thomas Sieber: Verwaltungsratspräsident Axpo

Thomas Sieber: Verwaltungsratspräsident Axpo

Der Glarner Thomas Sieber, 58, ist seit 2016 Verwaltungsratspräsident und seit vergangenem Herbst in einer Übergangsphase auch CEO des Stromkonzerns Axpo. Zuvor war er beim Mobilfunkanbieter Orange/Salt tätig. Im Mai wird Sieber das CEO-Amt abgeben. Er habe das gerne gemacht und die Axpo noch näher und von einer anderen Seite kennen gelernt, sagt Sieber. Nun sei er aber froh, an Christoph Brand übergeben und sich auf das Verwaltungsratspräsidium konzentrieren zu können. «Ich bin durchaus in der Lage, die Bühne für den neuen CEO freizugeben», sagt Sieber zum Ende der Doppelrolle. (chm)

Die Axpo hat bislang lieber in französische Solarenergie und deutsche Windparks als in Erneuerbare in der Schweiz investiert. Wird sich das mit den bundesrätlichen Plänen ändern?

Wir investieren in der Schweiz jedes Jahr im dreistelligen Millionenbereich in unsere Kraftwerke und den Ausbau unserer Netze. Es ist aber richtig: Andere Länder wie Deutschland oder Frankreich sind deutlich attraktiver für Investitionen in erneuerbare Energien. Auch weil es dort die gleitende Marktprämie gibt. Sprechen wir Klartext: Bleiben Bundesrat und Parlament bei den Investitionsbeiträgen, wird es schwierig, die Ausbauziele bei den Erneuerbaren zu erreichen. Ja, davon gehe ich aus. Die Schweiz muss den Zubau an erneuerbaren Energien massiv beschleunigen. Das gelingt nicht mit Investitionsbeiträgen. Wir hoffen, dass die vorgeschlagenen Instrumente nach der Vernehmlassung noch so angepasst werden, dass es sich wieder lohnt, in der Schweiz in erneuerbare Energien zu investieren.

Grosses Sorgenkind in der Schweiz ist die Wasserkraft. Der Bundesrat will die Beiträge für die Wasserkraft verdoppeln. Eine gute Nachricht?

Die Verdoppelung der Beiträge ist für neue Anlagen gedacht. Wir wissen aber alle, dass das Potenzial für neue Anlagen weitgehend ausgeschöpft ist.

Sie lehnen das zusätzliche Geld ab?

Nein. Aber der Bund müsste auch dafür sorgen, dass die Eigentümer in die bestehenden Anlagen investieren, dafür braucht es jedes Jahr 500 Mio. Franken. Werden diese nicht getätigt, verliert unsere Wasserkraft ihre Substanz und ein enorm wichtiger Pfeiler für die hiesige Versorgungssicherheit knickt ein.

Wird die drohende Stromknappheit mit den Massnahmen des Bundesrates behoben?

Gerade im Winter kommt es vermehrt zu Situationen, in denen wir in der Schweiz nicht mehr in der Lage sind, den Bedarf selbst zu decken. Diese Importabhängigkeit wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Wir sehen in der Coronakrise, wie schnell es geht, bis ein Container zurückgehalten wird. Wenn alle Länder in Europa in einer kalten Winterwoche zusätzlich Strom nachfragen, wird schnell niemand mehr exportieren wollen.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Ganz einfach: Auktionen von gleitenden Marktprämien für alle erneuerbaren Energien. Marktprämien bieten den Vorteil, dass die Bundesseite im Winter eine höhere Kompensation anbieten könnte als im Sommer. Dadurch könnte der Winterstrom begünstigt werden.

Dieses Energiegesetz plant der Bundesrat

Anfang April hat der Bundesrat vorgestellt, wie er das Energiegesetz revidieren will. Insbesondere will er Investitionsanreize setzen, um den bisher ungenügend verlaufenden Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben. So sollen die bis 2030 befristeten Investitionsbeiträge für erneuerbare Energien bis 2035 verlängert werden. Die 2022 auslaufende Einspeisevergütung wird durch Investitionsbeiträge, etwa für Windenergie-, Biogas- oder neue Kleinwasserkraftanlagen, abgelöst. Projektierungsbeiträge sollen das finanzielle Risiko der Planer reduzieren. Fördermittel für neue Grosswasserkraftwerke werden verdoppelt. Die Einmalvergütung für grosse Fotovoltaikanlagen wird durch Beiträge ersetzt, die über Auktionen festgelegt werden. Die Vernehmlassung für die Pläne dauert bis im Juli. (chm)

Als man die Energiestrategie 2050 festlegte, wurden gewisse Subventionen befristet, weil man keine Subventionswirtschaft aufbauen wollte. Doch jetzt führt man genau diese Subventionen weiter oder baut sie aus. Ist dies wirklich nötig?

Ordnungspolitisch läge mir ein Lenkungssystem näher. Dieses würde zu einer Marktordnung führen, in der die Erneuerbaren von sich aus rentabel sind. Im Parlament hatte dieses Modell aber keine Chance. Deswegen setzen wir uns für ein möglichst marktnahes Fördermodell ein. Andere Länder zeigen, dass es eine Anschubförderung braucht. Ich möchte aber nicht sagen, dass Subventionen für immer und ewig nötig sind.

An der Muttseestaumauer bauen Sie trotzdem eine riesige Fotovoltaikanlage.

Wir werden damit kein Geld verdienen. Aber wir wollen Erfahrungen sammeln, wie man solche Anlagen im alpinen Raum realisieren kann – für uns und für die Schweiz. Leider legt das Projekt die fehlenden Rahmenbedingungen offen. Die Einkleidung der Staumauer mit Solarpanels hat viele Vorteile. Die Anlage wird gleich viel Strom im Winter wie im Sommer produzieren. Im Mittelland läge das Verhältnis bei 20 zu 80.

Ihre bisherigen Aussagen deuten nicht darauf hin, dass die Axpo das KKW Beznau bald stilllegen möchte.

Mit dem bisher eher langsamen stattfindenden Ausbau der erneuerbaren Energien wird man die Kernkraftwerke weiterhin brauchen. Sie tragen dazu bei, dass die Schweiz, zusammen mit der Wasserkraft, eine praktisch CO2-neutrale Stromproduktion hat. Im Übrigen hat das Volk zweimal in den letzten drei Jahren bestätigt, dass es keinen fixen Ausstiegstermin will. Solange die AKWs sicher betrieben werden können, ist es unsere Aufgabe, dies zu tun.

Der Netzzuschlag wird nun bis 2035 verlängert, aber nicht erhöht. Reicht dieses Geld für den Ausbau der erneuerbaren Energien?

Das hängt davon ab, wie schnell sie ausgebaut werden sollen. Wenn man grössere Kapazitäten zubauen möchte, dann braucht es auch mehr Geld. Es ist jedoch nicht an der Branche, dies zu beurteilen. Das muss die Politik entscheiden.

Kann man sagen: Der Bundesrat macht viel für die kleinen Produzenten, aber nichts für die grossen?

Die Frage ist: Welche Ausbauziele hat die Politik? Man kann mit kleinen Anlagen gewisse Kapazitätssteigerungen erreichen, aber nie in dem Rahmen, den es bräuchte, um den steigenden Stromverbrauch und den Wegfall der Kernenergie zu kompensieren.

Das Europadossier liegt brach. Damit ist auch ein mögliches Stromabkommen mit der EU weit weg. Was bedeutet dies für die Axpo und für die Schweiz allgemein?

Wir kennen das ausgehandelte EU-Stromabkommen nicht im Detail. Aber dass die Schweiz dort fehlt, hat deutliche Nachteile, gerade im kurzfristigen Handel. Wir werden immer stärker von Europa abgehängt. Die Schweiz, und insbesondere die Netzbetreiberin Swissgrid, ist nicht mehr in den Gremien dabei, in denen Entscheide gefällt werden. Das ist zu unserem Schaden.

Es müsste in der Europafrage also schneller vorwärtsgehen?

Wir würden es begrüssen, wenn das Stromabkommen so schnell wie möglich käme. Wir sind in der Mitte Europas und sind eine Stromdrehscheibe. Wir brauchen eine gute Anbindung an die EU.