AZ-Verleger
«Wir bauen die digitalen Kanäle aus»: Peter Wanner über die Pandemie, Subventionen und das Verhängnis der Social Media

Peter Wanner, der Verleger von AZ Medien und CH Media, blickt auf ein turbulentes Geschäftsjahr zurück. Und äussert sich kritisch zur Medienpolitik.

Interview: Peter Hartmeier
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«Aus liberaler und ordnungspolitischer Sicht ist eine dauernde Subvention höchst fragwürdig», sagt Peter Wanner.

«Aus liberaler und ordnungspolitischer Sicht ist eine dauernde Subvention höchst fragwürdig», sagt Peter Wanner.

Bild: Marc Welti

2020 war von der Pandemie geprägt. Wie stark haben CH Media und AZ Medien darunter gelitten?

Peter Wanner: Wir haben stark gelitten. Einen solchen Schock hatten wir, wie viele andere Unternehmen auch, noch nicht erlebt. Zum Glück konnten wir Betriebsschliessungen verhindern. Im Vordergrund stand zuerst die Gesundheit unserer Mitarbeitenden. Wir haben rasch Schutzkonzepte für den Arbeitsplatz erarbeitet. Auch haben wir das gesamte Unternehmen ­Homeoffice-fähig gemacht.

Und die finanziellen Folgen?

Auf den Werbemärkten brachen die Umsätze schlagartig ein – insbesondere in den Monaten April bis Juli lagen diese 50 bis 70 Prozent unter Vorjahr. Wir konnten allerdings schnell mit Sparmassnahmen gegensteuern und gingen in Kurzarbeit. Geholfen hat auch die staatliche Nothilfe für elektronische Medien, sodass wir bei einem Umsatz von 418 Millionen Franken am Ende doch noch ein respektables Ergebnis mit 24 Millionen Schweizer Franken Ebit erzielen konnten. Etwas, womit wir im Frühjahr nicht gerechnet hatten. Wir sind sogar in der Lage, einen Teil der Mediennothilfe zurückzuzahlen.

Auf eine Dividende verzichten Sie?

Ja. Wir haben im letzten Jahr auf eine Dividende verzichtet, und wir schütten auch diesmal (für das Geschäftsjahr 2020) keine Dividende aus. Wir haben an einigen Stellen einen Nachholbedarf bei den Löhnen, und wir wollen das zu tiefe Eigenkapital stärken. Zudem ist unser Investitionshunger noch nicht gestillt.

Was hat Sie am meisten gefreut in diesem Jahr?

Dass wir als Unternehmen der Krise so gut getrotzt haben, sehr schnell in der Entscheidfindung waren und auch in der Umsetzung von Massnahmen. Hätten wir nicht so schnell reagiert und nicht sofort auf einen Krisenmodus umgestellt, wäre das Unternehmensergebnis nicht so gut ausgefallen. Da hat das Management einen super Job gemacht. Und wir konnten auf sehr loyale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählen, die in dieser Pandemie einen Sondereffort geleistet haben. Ihnen allen gilt mein besonderer Dank. Was mich ebenso gefreut hat: Watson hat den Markt outperformt, das Budget weit übertroffen und mit schwarzen Zahlen ein hervorragendes Ergebnis vorgelegt – trotz Corona.

Verleger in vierter Generation

Peter Wanner führt die AZ Medien und CH Media als Verleger und Verwaltungsratspräsident. Mit dem Aktienrückkauf übernimmt seine Familie die AZ Medien zu 100 Prozent; den Minderheitsaktionären wurde ein Kaufangebot unterbreitet. Dies auch, um den Übergang zur fünften Generation zu vereinfachen. Die AZ Medien sind wie die NZZ-Gruppe zu 50 Prozent an CH Media beteiligt, die auch dieses Newsportal sowie weitere 80 Marken im Zeitungs-, Online-, Radio- und Fernsehgeschäft verantwortet.
Peter Wanner führt die AZ Medien und CH Media als Verleger und Verwaltungsratspräsident. Mit dem Aktienrückkauf übernimmt seine Familie die AZ Medien zu 100 Prozent; den Minderheitsaktionären wurde ein Kaufangebot unterbreitet. Dies auch, um den Übergang zur fünften Generation zu vereinfachen. Die AZ Medien sind wie die NZZ-Gruppe zu 50 Prozent an CH Media beteiligt, die auch dieses Newsportal sowie weitere 80 Marken im Zeitungs-, Online-, Radio- und Fernsehgeschäft verantwortet.

Halten Sie an der Strategie fest, mit Publizistik und Entertainment auch künftig Geld verdienen zu können?

Ja. Wir sind überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir sind im Entertainment die Nummer 1 unter den privaten Schweizer Medienhäusern und im Publishing die Nummer 2, in der deutschen Schweiz aber auf Augenhöhe mit Tamedia. Das sind grundsätzlich gute Voraussetzungen. Wir haben viele Talente, und auf zwei Beinen steht es sich einfach besser als auf einem. Wir haben trotz Krise den Relaunch unserer News­portale vorbereitet, konnten wichtige Fussballrechte für unsere TV-Sender erwerben, sodann ist Radio Bern1 zu unserer Familie gestossen, und wir haben Pilatus Today lanciert.

Nun werden Today-Plattformen auch im Aargau und in anderen Regionen gestartet.

Grundsätzlich wollen wir die digitalen Kanäle unserer Medienmarken ausbauen, weil wir davon überzeugt sind, dass die Zuhörer-, Zuschauer- und Leserschaft je länger, je mehr digitale Angebote bevorzugt. Im Radio-Bereich haben wir mit FM1 Today ein sehr erfolgreiches digitales Format im Haus, das wir multiplizieren wollen. Im Frühling 2020 haben wir Pilatus Today erfolgreich lanciert, die Traffic-Entwicklung ist vielversprechend. Und ja, wir starten im Sommer 2021 mit Argovia Today die dritte regionale konvergente Newsplattform von Radio und TV Lokal.

Sie haben sich medienpolitisch engagiert. Jetzt aber tobt ein Streit im Verband.

Wir sind uns zwar in vielen Fragen einig und haben uns immer wieder gefunden, aber in der Frage des digitalen Mediengesetzes klaffen die Meinungen weit auseinander. Erfreulicherweise haben wir einen Konsens gefunden bei der indirekten Presseförderung inkl. Frühzustellung sowie bei der Erhöhung der Gebühren für die regionalen TV- und Radiosender.

Bei der Förderung der digitalen Medien scheint ein Kompromiss in weite Ferne gerückt zu sein.

Zankapfel ist der vom Bundesamt für Kommunikation vorgeschlagene viel zu hohe Degressionsfaktor bei der Mittelzuteilung. Die kleinen Verlage, die vornehmlich Bezirkszeitungen herausgeben, finden das toll, weil sie mit einer so üppigen Subvention gar nicht gerechnet haben, während die grossen Verlage eine derart starke Degression als Diskriminierung empfinden. Im Verbund mit der «Holdingklausel» würden die Grossverlage zusätzlich bestraft, denn da werden die digitalen Umsätze der einzelnen Zeitungen zusammengezählt – anstatt sie einzeln zu gewichten –, womit der Gesamtumsatz einer noch stärkeren Degression unterworfen wird. Bedroht wäre der Lokaljournalismus.

Das BT-Hochhaus in Baden, wo die AZ Medien ihren historischen Ursprung haben.

Das BT-Hochhaus in Baden, wo die AZ Medien ihren historischen Ursprung haben.

Philipp Zimmermann / AZ

Braucht es überhaupt ein Gesetz für digitale Medien?

Gute Frage. Die grossen Verlage haben hier nachgegeben. Das war ein Kompromiss, und deshalb haben wir die Kröte der digitalen Förderung geschluckt. Wir waren aber ziemlich geschockt, als wir merkten, welche Suppe hier angerichtet wird. Wir gingen davon aus, dass eine Förderung von digitalen Medien eine vorübergehende Massnahme ist, um die digitale Transformation zu ermöglichen und abzufedern. Quasi als Starthilfe. Aus liberaler und ordnungspolitischer Sicht ist eine dauernde Subvention jedoch höchst fragwürdig.

Und die sozialen Medien?

Das grosse Verhängnis ist das Fehlen einer Regulierung für die sozialen Medien. Diese können tun und lassen, wie es ihnen beliebt, und sind, weil sie den Grossteil der Werbeerlöse an sich ziehen, eine echte Bedrohung für die traditionellen ­Medien. Es braucht ein Leistungsschutzrecht für die Inhalte, die die sozialen Medien gratis von den traditionellen Medien übernehmen und verbreiten – oder mindestens eine Entschädigung dafür. Auch müssen Facebook und Co. bei der Veröffentlichung von fragwürdigen Inhalten straf- und zivilrechtlich belangt werden können. Nicht zuletzt aus diesen Gründen braucht es einen alle Medien umfassenden Verfassungsartikel. Die jetzige Medien-Rechtsordnung ist ein Flickwerk.

Die Familie Wanner hat den Minderheitsaktionären ein Kaufangebot für ihre Aktien unterbreitet. Wie läuft dieses Aktienrückkaufprogramm?

Die Resonanz ist insgesamt positiv, die allermeisten haben bereits verkauft. Die kommenden Jahre bleiben für das Unternehmen herausfordernd. Wir benötigen schlanke Strukturen und Agilität, um am Markt weiterhin bestehen zu können. Wir möchten auch die Unternehmensnachfolge auf die nächste Generation ermöglichen. Dafür haben die Aktionäre Verständnis. Nicht gerechnet haben wir mit den hohen Bankgebühren, die beim Verkauf anfallen. Das steht vor allem bei Aktionären mit nur einer Aktie in keinem Verhältnis zum Verkaufserlös, weshalb wir entschieden haben, pauschal 100 Franken zusätzlich an alle Verkäufer auszuzahlen. Der grösste Wermutstropfen bleibt, dass es zukünftig keine Generalversammlung auf der Lenzburg mehr geben wird. Als Geste und zum Abschied laden wir deswegen noch einmal alle bisherigen Aktionäre zu einem Konzert von Argovia Philharmonic in die Aarauer Reithalle ein. Das Konzert findet voraussichtlich am 24. November statt.

Das Interview, das der Leiter des publizistischen Ausschusses von CH Media Peter Hartmeier geführt hat, erscheint in einer ausführlichen Fassung im Geschäftsbericht.