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BAAR: «Ein Verkauf der Firma war nie ein Tabu»

Der Verkauf ihrer Kontrollmehrheit an Sika hat der Familie Burkard viel Kritik eingebracht. Erstmals nimmt jetzt ein Familienmitglied zum Übernahmestreit Stellung.
Interview Ernst Meier
Ein Arbeiter des Bauchemie- und Klebstoffherstellers Sika bereitet an einem Reaktor die Mischung für die Herstellung eines Klebstoffs vor. (Bild: EQ/Moritz Hager)

Ein Arbeiter des Bauchemie- und Klebstoffherstellers Sika bereitet an einem Reaktor die Mischung für die Herstellung eines Klebstoffs vor. (Bild: EQ/Moritz Hager)

Herr Burkard, am 8. Dezember 2014 gaben Sie und Ihre vier Geschwister den Verkauf Ihrer Sika-Mehrheitsbeteiligung an Saint-Gobain bekannt. Die von der Familie unabhängigen Verwaltungsräte und CEO Jan Jenisch reagierten empört. Sie bekämpfen die Übernahme seither mit Händen und Füssen. Haben Sie die Situation falsch eingeschätzt?

Urs F. Burkard: Wir haben nicht mit diesem Widerstand gerechnet. Sika und Saint-Gobain sind seit Jahren Geschäftspartner. Noch am ersten Treffen zwischen Sika und Saint-Gobain, am Freitag, 5. Dezember 2014, hatte der Sika-CEO versprochen, mindestens ein Jahr dabei zu bleiben. Danach haben die Franzosen den Vertrag unterzeichnet. Zwei Tage später kam die Wende. Wir waren sehr erstaunt, dass das Sika-Management sich plötzlich jeglichem konstruktiven Dialog entzog.

Bei Sika spricht man von einem Wortbruch der Familie. Es heisst, dass Sie bis wenige Tage vor Bekanntgabe des Verkaufs Ihr Festhalten am Unternehmen zusicherten.

Burkard: Eine formelle Zusicherung gab es nie. Ein Verkauf der Firma war nie ein Tabu. Die Familie wollte stets sicherstellen, dass ihre Rechte als Eigentümerin gewahrt bleiben. Das ist in Verwaltungsratsprotokollen nachzulesen. Anfang Oktober musste ich die Anfrage eines Journalisten beantworten, damals war der Verkaufsentscheid noch nicht gefallen. Ich durfte kein Insiderwissen andeuten, sonst wären sofort Spekulationen aufgekommen.

Weshalb hat sich die Familie für den Verkauf entschieden? War man sich unter den Geschwistern einig?

Burkard: Alle Geschwister sind sich einig: Wir wollen die Firma jetzt in neue und sichere Hände übergeben. Wir sind fünf Geschwister in meiner Generation und weitere zwölf Nachkommen in der fünften Generation. Kein Familienmitglied war mehr in der Firma operativ tätig. Da gilt es, die Zukunft und ohne Not rechtzeitig zu regeln. Und leider ist in den letzten Jahren auf der Seite Sikas die Wertschätzung der Familie gegenüber abhandengekommen.

Wie haben Sie das erlebt? Können Sie uns mehr dazu sagen?

Burkard: Die Beziehung zum Verwaltungsrat wurde distanzierter. Der Verwaltungsrat stemmte sich gegen die Zuwahl eines weiteren Familienmitglieds ins Gremium und später gegen eine Person, die das Vertrauen der Familie besass. Einige Verwaltungsräte spielten sich mehr und mehr auf, als ob die Firma ihnen gehörte.

Man hört, die Familie sei untereinander zerstritten. Wie ist die Situation wirklich?

Burkard: Das stimmt nicht. Dies wird seit Beginn von der Sika-Seite kolportiert, die hofft, dass dadurch die Transaktion scheitern wird. Die Vorkommnisse der letzten Wochen haben uns zusätzlich zusammengeschweisst.

Prüften Sie auch Alternativen zum Verkauf?

Burkard: Wir sind überzeugt von der getroffenen Lösung. Ein starker und langfristig orientierter Hauptaktionär ist gut für die Firma. Nur ein industrieller Investor, der das Geschäft versteht, bietet dafür Gewähr. Zudem hat Saint-Gobain zugesichert, dass Sika in der Schweiz domiziliert und an der Schweizer Börse kotiert bleiben wird. Saint-Gobain sicherte die Übernahme des gesamten Managements zu, weiterhin werden mehrere unabhängige Verwaltungsräte gewählt werden. Im Zuge möglicher Restrukturierungen werden während zwei Jahren keine Leute entlassen, sondern die Wachstumsstrategie von Sika wird unterstützt.

Durch den Verkauf erhalten sie und Ihre vier Geschwister zusammen 2,75 Milliarden Franken. Die Publikumsaktionäre, die 84 Prozent des Sika-Aktienkapitals halten, gehen leer aus; sie haben sogar einen Kursverlust zu verzeichnen. Können Sie deren Ärger verstehen?

Burkard: Unsere Väter haben ein grossartiges Unternehmen geschaffen. Die Familie hat dabei auch schwierige Zeiten durchgestanden. Die Geschichte der Sika war nicht immer eine Erfolgsstory. Unsere Familie musste harte Zeiten durchstehen. Die Familie verzichtete in schwierigen Jahren auf eine Dividende, während die Publikumsaktionäre eine Dividende erhielten. Der Aktienkurs war bei Ankündigung des Deals vorbörslich zuerst gestiegen. Erst nachdem das Sika-Management kollektiv mit Rücktritt gedroht hat, ist der Aktienkurs eingebrochen. Der Markt mag keine Unsicherheit, er sorgte sich über einen führungslosen Konzern. In den letzten Wochen bewegte sich der Kurs wieder mit dem SMI. Weder der Firma noch einem Aktionär wird durch den Verkauf ein Rappen entzogen. Die Substanz der Sika und der einzelnen Aktie bleibt sich gleich. Das Wertsteigerungspotenzial einer Sika-Aktie ist aufgrund der zu erwartenden Synergien mit Saint-Gobain grösser geworden.

Boulevardmedien zeichneten das Bild der gierigen Familie, die nur auf den höchsten Profit für sich selbst aus ist. Wie stark trifft Sie dies persönlich?

Burkard: Das waren Angriffe unter die Gürtellinie, die ich nicht weiter kommentieren möchte.

Würden Sie rückblickend betrachtet, den Verkauf anders vornehmen, zum Beispiel mit Einbezug des Verwaltungsrates und dem CEO von Sika?

Burkard: Nein, ausser dass wir einige Verwaltungsratsmitglieder früher auswechseln und die Kommunikation besser vorbereiten würden.

Mittlerweile hat sich eine Allianz von Publikumsaktionären gegen den Verkauf formiert: Kleinanleger, Pensionskassen, die Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates, aber auch alt Verwaltungsräte von Sika wie Fritz Studer oder Georg Stucky stellen sich hinter das Unternehmen.

Burkard: Diese Investoren stossen sich an der Opting-out-Bestimmung. Alle wussten, oder hätten wissen müssen, dass wir laut Statuten der Sika unsere Namenaktien samt der Stimmrechtsmehrheit verkaufen können – ohne dass ein Angebot an die Inhaberaktionäre, sprich Publikumsaktionäre, zu erfolgen hat. Noch im Jahr 2014 haben die Aktionäre anlässlich der Generalversammlung dieser Bestimmung zugestimmt.

Nun behauptet man bei Sika, dass die Schenker-Winkler-Holding, in der die Aktien Ihrer Familie eingebracht sind, und Saint-Gobain eine Gruppe bilden. Entsprechend will man auf Ihr Aktienpaket künftig die Vinkulierungsklausel aus den Statuten anwenden. Diese beschränkt die Stimmkraft auf maximal 5 Prozent. Ein Gutachten von Professor Peter Nobel stützt das Vorgehen. Ist der Verkauf damit gescheitert?

Burkard: Wenn Sika die Stimmkraft der Schenker-Winkler-Holding auf 5 Prozent aller Namenaktien beschränken will, dann sind das 2,6 Prozent aller Aktienstimmrechte. Dies ist wesentlich weniger als die Stimmkraft einiger Inhaberaktionäre oder sogar weniger als die Stimmkraft von Verwaltungsrat und Management. Professor Peter Böckli hat in seinem Gutachten die Rechtsauffassung von Professor Peter Nobel zerzaust und widerlegt. Die Transaktion ist nicht gescheitert.

Sie sind Mitglied des Sika-Verwaltungsrates. Wie spricht man da im 9-köpfigen-Gremium miteinander, wenn die Mehrheit mit allen Mitteln gegen Ihre Absichten ankämpft?

Burkard: Leider findet im Verwaltungsrat keine konstruktive Auseinandersetzung über die Chancen einer Verbindung mit Saint-Gobain als Mehrheitsaktionärin statt. Im Gegenteil: Wir werden von Sitzungen und der Diskussion um den Verkauf ausgeschlossen. Es ist einmalig, dass sich ein Verwaltungsrat derart gegen den Mehrheitsaktionär stellt, indem er sich in die Illegalität flüchtet und die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung verweigert sowie die Stimmrechte unserer Familienholding beschränken will.

Sika kann mit Klagen und Rekursen eine Übernahme verzögern, blockieren. Inwiefern bietet die Familie Burkard Hand zu einer einvernehmlichen Lösung? Gibt es eine Ausstiegsklausel?

Burkard: Der Kaufvertrag ist für beide Seiten bindend. Wir halten uns daran, und der Präsident von Saint-Gobain, Pierre-André de Chalendar, hat mehrmals öffentlich bestätigt, dass der Vertrag unwiderruflich ist.

Hinweis

* Urs F. Burkard (57) ist einer von fünf Geschwistern. Sie repräsentieren die 4. Generation der Sika-Erbenfamilie. Der Baustoffzulieferer Sika wurde 1910 vom Urgrossvater der Burkards, Kaspar Winkler, gegründet. Urs F. Burkard ist seit 1990 Verwaltungsrat von Sika. Der Innenarchitekt und Schreiner führt heute ein eigenes Geschäft für Bürodesign in Cham.

Interview Ernst Meier

Die Familie Burkard im Frühjahr 2010 beim 100-Jahr-Jubiläum von Sika: Urs, Franziska (verstorben), Carmita, Monica und Fritz (von links). (Bild: Archiv «Neue Zuger Zeitung»)

Die Familie Burkard im Frühjahr 2010 beim 100-Jahr-Jubiläum von Sika: Urs, Franziska (verstorben), Carmita, Monica und Fritz (von links). (Bild: Archiv «Neue Zuger Zeitung»)

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