BAAR: «Wir investieren auch in der Schweiz»

Der Schweizer Bauzulieferer Sika ist innert 20 Jahren zu einem globalen Marktführer geworden. CEO Jan Jenisch setzt auf das Wachstum der aufstre- benden Märkte – und vermehrt auf die Autoindustrie.

Interview Ernst Meier
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Sika-CEO Jan Jenisch in der Entwicklungsabteilung des Konzerns in Zürich-Altstetten. Der Hauptsitz von Sika ist in Baar. (Bild Stefan Kaiser)

Sika-CEO Jan Jenisch in der Entwicklungsabteilung des Konzerns in Zürich-Altstetten. Der Hauptsitz von Sika ist in Baar. (Bild Stefan Kaiser)

Jan Jenisch, Sika übernimmt Firma um Firma – letztes Jahr waren es fünf, vor zwei Wochen kam ein Unternehmen mit knapp 30 Angestellten in Südkorea hinzu. Weshalb diese Akquisitionslust?

Jan Jenisch*: Wir haben eine klar definierte Wachstumsstrategie und wollen bis 2018 beim Umsatz um jährlich 6 bis 8 Prozent zulegen. Knapp die Hälfte unserer Verkäufe wollen wir mittelfristig in den sogenannten Emerging Markets, den aufstrebenden Schwellenländern, erzielen. Unsere Strategie legt den Schwerpunkt auf organisches Wachstum, ergänzt durch Übernahmen einzelner Firmen. Zwei Drittel des Wachstum sollen organisch, ein Drittel über Akquisitionen erfolgen.

Was für Firmen kommen für eine Akquisition in Frage?

Jenisch: Wenn eine Firma in unsere Strategie passt, sich Synergien ergeben und der Preis stimmt, kaufen wir zu. Passen muss auch die Unternehmenskultur, denn wir übernehmen in der Regel mit den Mitarbeitern auch das Management. Im letzten Jahr haben wir darüber hinaus im Ausland zehn neue Fabriken eröffnet und sind unter anderem in der Ukraine, im Irak, in Laos und Angola mit eigenen Fertigungen erstmals vertreten. Wir wachsen also nicht nur durch Übernahmen, sondern vor allem aufgrund der Einführung neuer Produkte, der Investitionen in neue Fabriken sowie durch das Engagement und die Kompetenz der Mitarbeiter.

Ist es nicht ein Risiko, in diesen Ländern mit Fabriken vertreten zu sein?

Jenisch: In allen Schwellenländern sind grosse Infrastrukturprojekte geplant. Unser Ziel ist es, als Unternehmen von Anfang an dabei zu sein, um möglichst stark von den Bauvorhaben zu profitieren. Dies können wir nur mit eigenen Mitarbeitern und Fabriken vor Ort sicherstellen. Wir erzielen heute bereits rund 2 Milliarden Franken in den Emerging Markets – das sind 38 Prozent unseres Umsatzes. Dies verdanken wir der frühzeitig eingeleiteten Expansionsstrategie. In diesem Jahr wollen wir im Ausland acht neue Fabriken eröffnen.

Wie läuft es in der Ukraine?

Jenisch: Bisher spüren wir die politischen Turbulenzen in der Ukraine nicht. Auch im Irak sind wir auf Kurs. In allen Ländern, in denen wir tätig sind, setzen wir auf lokale Mitarbeiter gemäss der Devise «be global, act local». Auch die Führungspositionen besetzen wir grösstenteils mit lokalen Experten. Das stärkt die Verankerung und die Akzeptanz von Sika im jeweiligen lokalen Markt – und das auch in schwierigen Zeiten. Als Zulieferer und Know-how-Lieferant der Baubranche leisten wir in der Infrastrukturentwicklung in den meisten Ländern einen wichtigen Beitrag.

Wo läuft es weniger gut?

Jenisch: In Venezuela ist es derzeit wegen der politischen und wirtschaftlichen Situation schwierig. Unternehmen haben aktuell mit zahlreichen Restriktionen und herausfordernden Umfeldbedingungen zu kämpfen. Sika ist in Venezuela mit einer Tochterfirma mit rund hundert Mitarbeitern tätig – auch hier beschäftigen wir ausschliesslich lokale Arbeitskräfte. Hätten wir in Venezuela einen Schweizer als Geschäftsführer eingesetzt, so wäre er wohl wegen der Ausschreitungen und Sicherheitsbedenken schon längst ausgereist.

Befürchten Sie Enteignungen?

Jenisch: So weit kommt es hoffentlich nicht. Wir produzieren in Venezuela zwar in einer eigenen Fabrik, sind aber im Land kein Grossunternehmen. Die aktuelle Situation birgt allerdings genügend Herausforderungen für uns. Jedoch bleiben wir in Venezuela und werden die schwierigen Zeiten gemeinsam mit den Mitarbeitern vor Ort durchstehen. In den 90er-Jahren haben wir ähnliche Erfahrungen in Kolumbien gemacht. Die Sicherheitsbedenken waren gross, aber mittlerweile sind die Probleme gelöst. Sika produziert heute in Kolumbien äusserst erfolgreich in vier Fabriken. Ich bin froh, dass wir nicht vorzeitig aufgegeben haben.

Wie läuft es in diesem Jahr?

Jenisch: Wir sind sehr gut gestartet. Alle unsere Bereiche laufen auf Hochtouren. Wir haben den Konzernumsatz im ersten Quartal um 16 Prozent gesteigert, in Lokalwährung sogar um 23 Prozent. Alle Regionen sind deutlich gewachsen. In Europa haben wir dabei von den günstigen Wetterbedingungen profitiert, der warme Winter war perfekt für die Bauindustrie.

Sie geben im Ausland kräftig Gas. Wie wichtig ist für Sika überhaupt noch der Standort Schweiz?

Jenisch: Die Schweiz bleibt unser Heimmarkt, auch wenn wir heute 94 Prozent des Umsatzes im Ausland erwirtschaften. Es ist wichtig, dass wir trotz weltweiter Expansion unsere von Schweizer Werten geprägte Unternehmenskultur beibehalten. Gleichzeitig entwickeln und produzieren wir weiterhin in der Schweiz – wie beispielsweise in Zürich-Altstetten oder in Sarnen, dem Standort der früheren Sarnafil. Der Konzernleitungssitz ist in Baar, aber wir sind sehr dezentral und hierarchisch flach organisiert; viele Entscheide werden von den Geschäftsführern vor Ort getroffen. 50 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich in Baar, die anderen 50 Prozent bin ich im Ausland unterwegs und bereise mehrfach die Regionen. Jedes Jahr bin ich bei über 25 Landesgesellschaften vor Ort.

Sie erwähnten den rasanten Aufbau des Auslandgeschäfts. Wie sieht es in der Schweiz aus?

Jenisch: In das Forschungs- und Entwicklungszentrum Tüffenwies in Zürich-Altstetten haben wir in den letzten acht Jahren 50 Millionen Franken investiert. Aktuell bauen wir an diesem Standort ein neues Labor- und Bürogebäude für weitere rund 66 Millionen Franken. In der Schweiz arbeiten rund 2000 unserer weltweit 16 000 Angestellten. Wir investieren auch kontinuierlich in deren Aus- und Weiterbildung.

Andere CEOs sehen «die Standortqualität gefährdet» – sprich Minder-Initiative oder Zuwanderungs-Stopp.

Jenisch: Volksentscheide sind zu respektieren; Politik und Wirtschaft müssen entsprechende Lösungen finden. Ich bedaure die negativen Beispiele von einzelnen Firmenvertretern, die zu einer gewissen Entfremdung von Bevölkerung und Wirtschaft geführt haben. Die Schweiz hat viele grossartige Firmen – internationale Konzerne, aber auch viele mittelständische Unternehmen; von der Nahrungsmittel- zur Maschinenbauindustrie über die Pharma- und Chemiebranche. Diese Unternehmen werden mehrheitlich von fairen und sehr engagierten Chefs sowie erfahrenen Teams geleitet.

Sehen Sie das Erfolgsmodell der Schweizer Wirtschaft gefährdet?

Jenisch: Ich bin optimistisch, dass die Politik eine Lösung findet, damit Unternehmen wie Sika weiterhin gute Rahmenbedingungen vorfinden. In der Schweiz mit einer Arbeitslosigkeit von 3 Prozent ist man auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Ein Drittel unserer hiesigen Belegschaft kommt aus dem Ausland. Zudem schulen wir hier ausländische Sika-Fachleute, die für einen Zeitraum von bis zu drei Jahren in die Schweiz kommen. Wirtschaftlich sind wir eng mit der EU verbunden, und die Schweizer Sika-Werke exportieren über 80 Prozent der Produktion in die EU. Ich hoffe, dass im Rahmen der jüngsten Volksentscheide Lösungen mit der EU gefunden werden, um einen funktionierenden Warenverkehr zu gewährleisten.

Mit der Mindestlohninitiative folgt die nächste «Reglementierung der Wirtschaft».

Jenisch: Ich bin kein Befürworter der Initiative, denn sie schafft falsche Anreize. Die Mindestlohninitiative ist ein Nachteil für kleinere Unternehmen sowie für Regionen mit tiefen Lebenshaltungskosten. Beispielsweise sind diese im Tessin und im Wallis deutlich niedriger als in Zürich oder der Zentralschweiz. Entsprechend muss es Lohnunterschiede geben.

Beklagen Sie sich auch über die Folgen der Minder-Initiative?

Jenisch: Nein, ich bin kein Gegner der Minder-Initiative. Wir können gut mit ihr leben. Vor ein paar Tagen haben wir die Statutenänderungen an der Generalversammlung mit einer Mehrheit von 88 Prozent verabschiedet, und unserem Vergütungsbericht wurde zu 99 Prozent zugestimmt. «Minder» bringt einigen Mehraufwand mit sich, aber stärkt deutlich die Aktionärsrechte und führt zu mehr Transparenz bei den Unternehmensstatuten und Regelungen. Ich bin überzeugt, dass die Corporate Governance und die Rechte der Aktionäre von Firmen, die an der Schweizer Börse kotiert sind, gestärkt werden.

In letzter Zeit sieht man vermehrt Inserate und Plakate, die für Sika werben, weshalb diese Offensive?

Jenisch: (lacht) Schön, wenn Ihnen das auffällt. Da wir ausschliesslich im Geschäftskundenbereich tätig sind, nehmen uns die Endverbraucher wenig wahr. Wir wollen vermehrt sichtbar sein für alle Gruppen, die mit Sika-Produkten in Berührung kommen. Das sind Kunden, die Endverbraucher, aber auch unsere Mitarbeiter. Wir wollen uns als Branchenführer und weltweit erfolgreiches Schweizer Unternehmen besser präsentieren.

Dann dürfen Sie die Gelegenheit gleich wahrnehmen und uns erklären, was Sika genau herstellt.

Jenisch: Rund 80 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir mit Produkten für die Baubranche: Kleb- und Dichtstoffe, Betonzusatzmittel, Böden und Dachabdichtungen. Im Geschäftsbereich Industrie sind wir zudem seit über 30 Jahren Entwicklungspartner der Automobilindustrie. Neben der klassischen Scheibenverklebung werden Klebstoffe zur Verstärkung der Fahrgastzelle und der Karosseriestruktur bei praktisch allen neuen Modellen eingesetzt.

Wie entwickelt sich dieser Bereich?

Jenisch: Sehr viel versprechend. Fahrzeuge müssen leichter und gleichzeitig sicherer werden, was durch den Einsatz neuer Materialien wie Aluminium und Kohlefaser erreicht wird. Dies erfordert Verklebung statt des traditionellen Schweissens. Hierfür haben wir eine neue Klebstofftechnologie entwickelt, mit der sich die Materialien fest und Crash-sicher verbinden lassen. Im neuen BMW-Elektrofahrzeug i3 stecken beispielsweise 5 Kilogramm Sika-Klebstoff. Insgesamt wächst unser Klebstoffgeschäft nicht nur im Automobil-, sondern auch im Baubereich, wo ebenfalls zunehmend geklebt wird. Wir sind weltweit mittlerweile der drittgrösste Klebstoffhersteller.

Wie wirkt sich das im Umsatz aus?

Jenisch: Im ersten Quartal ist unser Klebstoffgeschäft um 20 Prozent gewachsen – und wir sind hier erst am Anfang der Entwicklung. Wenn man bedenkt, dass weltweit jährlich 80 Millionen Autos und Nutzfahrzeuge hergestellt werden, kann man erahnen, wie gross das Marktpotenzial ist. In vier der fünf innovativsten PKW 2013 wird Sika-Klebstoff verwendet. Ich bin sehr stolz auf unsere Leute und unsere Innovationen «made in Switzerland».

* Jan Jenisch (47) arbeitet seit 18 Jahren bei Sika, seit zwei Jahren ist der Deutsche CEO. Von 2007 bis 2011 führte er das Asiengeschäft von Sika.