Baarer Logistik-Startup Pickwings auf der Erfolgsspur, Uniskat aus Cham muss hingegen aufgeben

Zwei Zentralschweizer Online-Marktplätze gingen mit neuen Konzepten für den Warentransport in den Markt. Pickwings aus Baar wächst und expandiert. Uniskat aus Cham wird dagegen jetzt eingestellt.

Andreas Lorenz-Meyer
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Die Pickwings-Gründer David Peyer, Marc Bolliger und Thomas Federer (von links).

Die Pickwings-Gründer David Peyer, Marc Bolliger und Thomas Federer (von links).

Bild: PD

Im Jahr 2018 legten Güterfahrzeuge auf Schweizer Strassen insgesamt 6,7 Milliarden Kilometer zurück. Darunter befinden sich jedoch viele Strecken ohne Ladung. 26 Prozent der von den inländischen schweren Strassengüterfahrzeugen zurückgelegten Distanzen gingen laut dem Bundesamt für Statistik auf das Konto von Leerfahrten. So etwas ist für Transportunternehmen wirtschaftlich schlecht, hinzu kommen die ganzen Klimagas- und Schadstoffemissionen.

Doch was tun gegen den Leerfahrten-Wahnsinn? Das Baarer Jungunternehmen Pickwings hat eine Antwort darauf: Digitalisierung und Vernetzung. 2017 ging das Start-up mit einem Marktplatz online, der Warenversender und Transporteure zusammenbringt. Die Versender – das sind KMU, Grossbetriebe, aber auch Privatpersonen – erfassen ihre Aufträge auf pickwings.ch, danach schauen die Transporteure, was auf ihren Routen liegt. Auf diese Weise können sie zum Beispiel auf Rückfahrten den leeren Laderaum füllen.

Lichterlöschen in Cham

So kann es Unternehmensgründern auch ergehen: Das Geschäftsmodell ist gut, aber der Markt noch nicht reif dafür. Beim Chamer Start-up Uniskat war es so. Dessen Vermittlungsplattform für Warentransporte geht Anfang 2020, nach gut drei Jahren, offline.«Wegenzugeringer Stückzahlen», so Gründer Christoph Ulrich.Zusammen mit Geschäftspartner Johannes Pfiffner wollte er Crowdshipping in der Schweiz etablieren, eine neue Form der Warenlieferung. Crowdshipping bedeutet, die Transporte werden einer Community überlassen, der Crowd. Beispiel: Ein Luzerner hat über Tutti.ch einen antiken Schrank an jemanden in Bern verkauft.Nun stellt sich die Frage: Wie gelangt das Möbelstück zum Käufer? Eine Spedition zu beauftragen, kann bei der Strecke Luzern–Bern teuer sein. Uniskat bot hier die laut Ulrich«klar billigeren» Dienste der Crowd an. Der Verkäufer gibt auf Uniskat.com einfach den Transport in Auftrag, und jemand anderes, der sowieso von Luzern nach Bern fährt und genug Platz im Fahrzeug hat, nimmt den Auftrag an. Er fährt den Schrank zum Käufer und verdient so nebenbei etwas Geld. Uniskat bürgte für die Kunden und war Kreditor gegenüber dem Transporteur. Der führte nur den Auftrag aus und erhielt sein Geld – Transportpreis minus 12 Prozent Vermittlungsgebühr. Für den Durchbruch hätte Uniskat die Plattformen gebraucht, über die Secondhand-Ware verkauft wird. Doch bis auf Nimms.ch zeigten die Plattformen zu wenig Interesse. Die Stückzahlen, die über Uniskat vermittelt wurden, blieben so überschaubar. Der Nachhaltigkeitsgedanke sei in der Schweiz offenbar noch nicht so stark, meint Ulrich. Trotz Aus zieht er aber ein positives Fazit: Man habe in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt und ausgezeichnete Kontakte geknüpft.

Elektronikartikel, Baumaterial – und ein Boot

«Wir übernehmen die Orchestrierung zwischen Warenversender und Transportdienstleister», sagt Pickwings-Gründer und CEO Marc Bolliger, der vorher in der Logistikbranche in führender Position tätig war. Leerkilometer brächten den Transportunternehmen teils grossen Frachtausfall. Die Pickwings-Software helfe, diese Lücken digital zu schliessen. Das heisst: Für die Fracht wird blitzschnell und vollautomatisiert das passende Transportfahrzeug gefunden.

Nach gut zweieinhalb Jahren im Markt ist Bolliger «sehr glücklich» mit der Entwicklung des Unternehmens. Stand Dezember 2019 wurden insgesamt mehr als 13,5 Millionen Auftragskilometer über Pickwings abgewickelt. Man habe damit einen «massiven Beitrag» zur Reduktion an Leerkilometern auf Schweizer Strassen geleistet. Aktuell werden pro Arbeitstag mehr als tausend Sendungen vermittelt. Das können einzelne Paletten sein oder komplette Lastwagenladungen.

Transportiert wird fast alles: Elektronikartikel, Baumaterial, Verpackungen, Nahrungsmittel. Ein Kunde liess sogar den Transport eines kleinen Motorboots vom Lago Maggiore zum Vierwaldstättersee über Pickwings organisieren. Die Zahl der Warenversender wächst stetig, berichtet Bolliger. Im Schnitt kommen pro Woche fünf Schweizer KMU neu dazu. «Industrie- oder Handelsbetriebe mit regelmässigem Versand können ihre jährlichen Transportkosten mit uns erheblich senken», so Bolliger. Seinen Aussagen zufolge können Einsparungen von teilweise bis zu 20 Prozent auf die bestehenden Tarife erreicht werden. Möglich macht dies ein Angebot, mit dem sich die Frachtkosten mittels Online-Marktabfrage überprüfen lassen.

Zu den Kunden von Pickwings gehören etwa der Onlinehändler Brack.ch, Obi-Baumärkte oder die Swisscom. Viele andere seien noch nicht so weit. «Sie vergeben Transportaufträge lieber direkt an Unternehmen, die eigene Fahrzeuge und Lagerhäuser betreiben.»

Schneller als die Post dank Nachtlieferungen

Und die Transporteure? Die bekommen mehr Aufträge und fahren weniger Leerkilometer. Das scheint sich herumgesprochen zu haben. Mittlerweile arbeiten 500 Unternehmen mit der Plattform, das entspricht einer Flotte von mehr als 5000 Trucks. Laut Bolliger das grösste private und unabhängige Liefernetzwerk der Schweiz. Nur bei den grossen Retailern könnte es besser laufen. «Oft halten die Logistik-Verantwortlichen dort noch an alten Grundsätzen fest. Es bestehen persönliche Beziehungen, die keine Veränderungen zulassen.»

Pickwings nimmt Raten für abgewickelte Sendungen und steht zudem als sogenannte «Software as a Service» zur Verfügung. Die Software lässt sich hier gegen Lizenzgebühren als White-Label-Lösung nutzen. Bolliger ist stolz, «auch ohne politische Unterstützung die Gewinnschwelle längst erreicht zu haben». Selbstverständlich werde weiter investiert und die Technologie ausgebaut.

«Stillstand bedeutet für uns Rückschritt.» Nächstes Jahr ist der Start in Österreich geplant, zudem in der Schweiz die Einführung des «Nachtpakets». Dabei handelt es sich um eine neue Dienstleistung für Sendungen bis 30 Kilogramm. Die Pakete werden spätabends abgeholt und in der gleichen Nacht in mehr als zehn Schweizer Städten abgeliefert. Dabei nutzt man die Transportkapazitäten der Dienstleister in der Nacht. Bolligers selbstbewusste Ansage: «Wir werden rund zwölf Stunden schneller liefern als die Schweizer Post – und das zu ­absolut kompetitiven Preisen.»