Ausbau
Bahnen führen Nachtzüge aus der Schweiz nach Amsterdam, Rom und Barcelona ein – Bund zweifelt an deutschen Plänen

Die Bahnen und Verkehrsministerien der Schweiz und ihrer Nachbarländer haben sich auf einen Ausbau der Nachtzüge geeinigt. Schon in einem Jahr rollt der erste Zug nach Holland.

Stefan Ehrbar
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Bald häufiger zu sehen: ÖBB-Nightjet in Zürich.

Bald häufiger zu sehen: ÖBB-Nightjet in Zürich.

Keystone

Der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer hatte gute Nachrichten für Nachtzug-Kunden, als er am Dienstagnachmittag vor die Medien trat: «Wir können Vollzug melden». Eine «goldene Post-Corona-Ära» versprach der CSU-Politiker mit Blick auf den Ausbau der Verbindungen, die ein komfortables Reisen über die Nacht versprechen. Die Verkehrsminister verschiedener europäischer Länder hätten in den vergangenen Monaten zusammengearbeitet, um das neue Angebot auf die Schiene zu bringen, so Scheuer.

Die Minister unterzeichneten am Dienstag eine Absichtserklärung für den europäischen Nachtzugverkehr. «Diese Züge werden für viele Menschen das Verkehrsmittel der ersten Wahl sein», versprach die österreichische Verkehrsministerin Leonore Gewessler (Grüne). «Nachtzüge sind die klimafreundlichere, bequemere, bessere Option.» Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) investierten Dutzende Millionen Euro in neue Nachtzüge. Die EU-Kommission will in den nächsten Monaten zudem einen Plan für die Vereinfachung grenzüberschreitender Züge erarbeiten.

Erste Verbindung soll in einem Jahr erfolgen

«Vor allem junge Menschen und Familien sind Fans der Nachtzüge», sagte ÖBB-Chef Andreas Matthä. Seine Bahn betreibt die bereits bestehenden Nachtzüge ab der Schweiz in Zusammenarbeit mit den SBB und wird auch in Zukunft als wichtigste Betreiberin auftreten und neues Rollmaterial kaufen. Die erste neue Verbindung folgt bereits in einem Jahr. Ab Dezember 2021 wird laut Matthä ein Nachtzug von Zürich über Basel nach Amsterdam sowie eine Linie von Wien nach Paris eingeführt (CH Media berichtete). Im Dezember 2022 folgen neue Nachtzüge von Zürich nach Rom und im Dezember 2024 eine nächtliche Verbindung von Zürich nach Barcelona. Ab Ende 2023 werden zudem Nachtzüge auf den Linien Berlin-Brüssel und Berlin-Paris eingeführt.

Peter Füglistaler, Direktor des Bundesamts für Verkehr, vertrat an der virtuellen Medienkonferenz Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga (SP). Er nutzte die Gelegenheit, um nicht nur über Nachtzüge zu sprechen, sondern auch über das Konzept Trans-Europ-Express 2.0, das der deutsche Verkehrsminister Scheuer kürzlich vorgestellt hatte. Es sieht einige wenige schnelle Züge tagsüber vor, die europäische Metropolen verbinden sollen. Eine angedachte Verbindung ist etwa jene von Amsterdam nach Rom, die einmal täglich verkehren soll und in der Schweiz etwa in Basel, Aarau und Arth Goldau halten soll (CH Media berichtete).

Bund zweifelt an deutschen Plänen

Füglistaler meldete Zweifel an diesem Konzept an. Aus Schweizer Sicht sei es wichtig, dass ein ganzes Netz aufgebaut werde, statt sich auf einige wenige ausgewählte Parade-Strecken zu fokussieren. Auch die Reisezeit alleine sei nicht entscheidend: «Wir sind uns sicher, dass der Komfort wichtiger ist als nur die Geschwindigkeit», sagte Füglistaler. Werde das berücksichtigt, werde sich auch die Schweiz gerne dem TEE 2.0-Konzept anschliessen. Als erste Linie unter diesem Label schlug Füglistaler jene von Zürich nach München vor, die mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag aufgewertet wird. Mit der nun durchgehenden Elektrifizierung verkürzt sich die Fahrzeit auf 4 Stunden, zudem werden moderne und häufiger verkehrende Triebzüge eingesetzt. Ab nächstem Jahr soll die Fahrzeit gar auf dreieinhalb Stunden sinken.

SBB-Chef Vincent Ducrot äusserte sich im Anschluss zu den Nachtzügen und sagte, die Nachfrage danach sei deutlich gestiegen. «Der Ausbau wird es uns ermöglichen, einen Teil des heutigen Flugverkehrs in die Nachtzüge umzuleiten.» Es sei sehr wichtig, dass die Infrastrukturen ausgebaut würden. Er freue sich, das System der Nachtzüge weiter zu entwickeln: «Es ist ein Schlüsselement für die Mobilität der Zukunft in Europa.» Laut Angaben der ÖBB sollen die neuen Verbindungen für eine Verdoppelung der Nachfrage sorgen. Das wären künftig drei statt 1,4 Millionen Passagiere pro Jahr.