Vas Narashimhan
Bald übernimmt der neue Novartis-Chef – wo er seine grösste Baustelle finden wird

Ab Februar übernimmt Vas Narasimhan bei Novartis. Das Krebsgeschäft bedarf seiner besonderen Zuwendung.

Laurina Waltersperger
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Novartis will hoch hinaus im Krebsgeschäft: Noch fehlen dem Konzern aber die künftigen Mega-Blockbuster. Diese Lücke muss der neue Chef Vas Narasimhan schliessen.

Novartis will hoch hinaus im Krebsgeschäft: Noch fehlen dem Konzern aber die künftigen Mega-Blockbuster. Diese Lücke muss der neue Chef Vas Narasimhan schliessen.

Cash.ch

Der Countdown läuft. In wenigen Tagen führt der neue Novartis-Chef Vas Narasimhan. Die Hoffnungen sind hoch, das Aufgabenheft dick: Aufholen, Altlasten beheben, Akzente setzen.

Den Aufbruch in eine neue Ära braucht vor allem das Krebsgeschäft. Novartis ist zwar die Nummer zwei im Markt, wenn man die umgesetzten Volumen betrachtet. Bei neuen Blockbustermitteln rangiert der Konzern jedoch nicht an der Spitze. Der nächste grosse Kassenschlager im Krebsgeschäft, der Multi-Milliarden-Garant für die Zukunft – er fehlt. Und das zu einem Zeitpunkt, wo das Management seit einigen Jahren über ebendiese Dringlichkeit gesprochen hat. Glivec, das langgediente Milliarden-Krebsmittel, verlor 2015 seinen Patentschutz. Neuheiten bei Novartis sind da. Sie befinden sich aber in der Nische. Um da rauszukommen, braucht es Vermarktungskönnen und Zukäufe.

In der lukrativen Krebsimmuntherapie kommt ein weiteres Problem dazu: Hier sind die nächsten Erfolge für alle Akteure ungewiss. Die sechs Grössten, darunter Novartis, unterhalten über 1000 klinische Studien. Die Disziplin ähnelt eher einem Wettbüro als exakter Wissenschaft, obschon die Branche forschungsbasierten Theorien nachgeht.

Der Konzern sei nicht dort, wo er sein wollte. So lautet das jüngste Zugeständnis gegenüber den Investoren, um deren Erwartungshaltung kurz vor den Jahreszahlen nächsten Mittwoch etwas zu senken. Der Hauptumsatz im Krebsgeschäft kommt bei Novartis bislang aus den 2014 von GlaxoSmithKline erworbenen Krebsmitteln und massgeblich auch von Patentausläufern wie Glivec, Afinitor, Sandostatin. Das sind die «Falling Angels». An ihrer Stelle braucht Novartis neue «Future Stars».

Novartis unter Zugzwang

Einer davon soll Kymriah werden. Es handelt sich um eine Krebstherapie, bei der dem Patienten entnommene Abwehrzellen im Labor so aufgerüstet werden, dass sie – via Infusion zurück im Körper – die schädlichen Krebszellen bekämpfen. Der Startschuss war vielversprechend. Novartis bekam im August weltweit die erste Zulassung für den Therapieansatz bei Kindern und Jugendlichen mit Leukämie. Aber für eine weit häufigere Form von Blutkrebs bei erwachsenen Patienten hat Konkurrent Kite, der seit August zum Biotech-Riesen Gilead gehört, die Basler überholt. Er kriegte im Oktober grünes Licht von der US-Arzneimittelbehörde. Novartis muss nachlegen, wenn sie von den Mitstreitern nicht abgehängt werden will.

Auch andere bauen am Powerhaus in der Zelltherapie: Diese Woche wurde bekannt, dass Gilead seine Kräfte mit Pfizer bündelt, um die Zelltherapie in Kombination mit einer noch nicht zugelassenen Pfizer-Arznei gegen Blutkrebs zu testen. Zudem heisst es dieser Tage, US-Biotech-Schwergewicht Celgene sei an Juno interessiert, dem dritten Pionier im Feld.
Trotz Euphorie und Therapiepreisen von einer halben Million Dollar: Das Einsatzgebiet der Zelltherapie ist noch beschränkt, die Aufrüstung der Patientenzellen im Labor kompliziert. Bis
die Therapie bei festen Tumoren, wie sie grösstenteils in der Lunge, Brust oder Prostata vorkommen, möglich sein wird, dürfte es noch Jahre dauern.

Der zweite Hoffnungsträger im Krebsgeschäft heisst Kisqali. Das Mittel gegen die häufigste Form von Brustkrebs steht jedoch im Schatten des Marktführers Pfizer mit seinem Mittel Ibrance. Dieses war zuerst auf dem Markt und könnte nach zwei Jahren Vermarktung bis Ende 2017 bereits an der 3,5-Milliarden-Umsatzmarke kratzen. Zum Vergleich: Novartis’ Konkurrenzprodukt Kisqali ist seit März in den USA und August in Europa zugelassen. Bis Oktober 2017 hat die Arznei 41 Millionen Dollar Umsatz generiert. Seit kurzem spielt mit Eli Lilly ein dritter Player in dem Feld mit. Novartis mangelt es an Alleinstellungsmerkmalen, die bei Ärzten ziehen. Um Marktanteile zu gewinnen, gab der Konzern Kisqali bei der Lancierung in den USA in den ersten Monaten sogar kostenfrei ab.

Solche Massnahmen sind nicht unwesentlich, kostet doch das Konkurrenzprodukt Ibrance für sechs Monate Behandlung etwa 72 000 Dollar. Als Zweiter im Markt dürfte der Novartis-Preis bis zu 20 Prozent tiefer ausfallen. Die neu ernannte Krebs-Chefin Elizabeth Barrett soll Kisqali nun auf dem Platz etablieren. Die Marketing-Spezialistin übernimmt ab Februar und war bislang beim Erzrivalen Pfizer für die Vermarktung zuständig – bei der Konkurrenz-Arznei Ibrance, die Novartis das Geschäft vermiest. Wer nicht Erster in einer Wirkstoffklasse sei oder deutlich bessere Daten liefere, der könne nur übers Marketing Marktanteile gewinnen, sagen Branchenkenner.

Auch hier dämpft der Konzern die Erwartungen der Investoren. Ihnen gegenüber stellt er gerade noch einen Spitzenumsatz von etwa einer Milliarde Dollar für Kisqali in Aussicht – bei einem Markt, der bis in fünf Jahren auf bis zu zehn Milliarden geschätzt wird.

Das Management ist konservativer geworden. Das dürfte einerseits die Handschrift des neuen Chefs Vas Narasimhan sein. Andererseits hat der Konzern aus Fehlern gelernt: Äusserst selbstbewusste Umsatzversprechen waren lange an der Tagesordnung bei Novartis. Das kann ins Auge gehen, wie das jüngste Beispiel Entresto, ein Medikament gegen Herzinsuffizienz, zeigte. Die Umsatzaussichten waren hoch, die Lancierung harzte. Die Einnahmen betragen gut zwei Jahre nach Start noch immer einen Bruchteil des alten Ziels.

Bedarf für Zukäufe

Im Krebsgeschäft gibt es für den neuen CEO Narasimhan einiges zu tun. Der Konzern ist im hochkompetitiven Umfeld «nicht optimal aufgestellt», sagen firmennahe Kreise. Neben internen Massnahmen müssen Zukäufe hin, sind sich Kenner einig. Das Management hält an der Akquisitionsstrategie zwischen zwei und fünf Milliarden Dollar für ein Ziel fest. Experten sehen aber Einkaufsbedarf in der späten klinischen Entwicklung und bei Technologien. Das wären jedoch Transaktionen, die wohl deutlich mehr kosten würden.

Über Fortschritte und Vorhaben wird das Management nächsten Mittwoch zu den Jahreszahlen informieren. Der neue Chef spricht gerne von «bolder bets», kühneren Wetten. Ob Novartis diese künftig eingehen wird, muss er nun zeigen.