Finanzplatz
Banken hatten früher mehr Kapital

Banken beharren darauf, weniger Kapital als andere zu benötigen. Die Geschichte lehrt etwas anderes.

Tommaso Manzin
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Paradeplatz Zürich.

Paradeplatz Zürich.

Keystone

Im April 2008 meldete die UBS allein für das erste Quartal zwölf Milliarden Franken Verlust und Abschreibungen von 19 Milliarden Dollar auf Positionen im US-Immobilienmarkt. Damit erhöhten sich die Abschreibungen auf 40 Milliarden Franken. Die UBS musste im selben Jahr von Bund und Nationalbank gerettet werden. Die Anpassungsbeben im Schweizer Finanzsystem sind noch nicht abgeschlossen, beide Grossbanken sind noch immer im Umbau.

Der lange Schatten der Krise

Die 2008 ausgebrochene Krise hatte ihren Ursprung im Häusermarkt. Ihren Verlauf aber prägten die Banken. Nicht nur waren sie es, die Hypotheken in komplexe Finanzinstrumente verpackten, die das Geheimnis ihres Werts hermetisch in sich wahrten. Als diese Papiere als toxisch erkannt wurden, waren es wieder die Banken, die damit vollgesogen waren. Kein Institut lieh dem andern mehr Geld, die Notenbanken mussten für Liquidität sorgen, um einen Dominoeffekt und die Kernschmelze im System abzuwenden.

Nächste Termine

Heute Dienstag hält die UBS ihre ordentliche Generalversammlung in der Messe Basel ab. Live-Übertragung, Reden, Abstimmungsresultate und Protokoll werden online zur Verfügung stehen. Ebenfalls heute liefert die Credit Suisse (CS) Zahlen zum ersten Quartal 2016. Am Montag hat die CS bekanntgegeben, dass die beiden im Oktober 2015 geschaffenen Divisionen International Wealth Management und Swiss Universal Bank ein Joint-Venture eingehen. Dies bestätigte CS gegenüber der Agentur «Reuters», nachdem die Zeitung «Schweiz am Sonntag» darüber berichtet hatte. (TM)

Die Erfahrung zeigt, dass auf eine Bankenkrise folgende Rezessionen lang und hart sind. Die jüngste Krise war keine Ausnahme: Der Einbruch der Wirtschaftleistung war der schärfste seit den 1930er Jahren. 2010 entwickelte sich daraus die Euro-Schuldenkrise, die der Schweizer Industrie bis heute zu schaffen macht. Weil sie sich derart verschuldet hatten, mussten Staaten und Banken sparen, was die Konjunktur belastete.

Noch immer aber übersteigt die Bilanzsumme der zwei Schweizer Grossbanken - jede für sich - die jährliche Wirtschaftsleistung der Schweiz - rund 700 Milliarden Franken. Dies veranschaulicht, warum Grossbanken als «Too-Big-To-Fail» gelten: zu gross, als dass man sie Konkurs gehen lassen könnte, sie würden die ganze Volkswirtschaft mit in den Abgrund reissen.

Klar ist aber auch, dass sie zu gross sind, um gerettet werden zu können. Alle Staaten, auch die Schweiz, verlangten daher, dass die Banken künftig mehr Eigenkapital halten und damit Krisen besser überstehen, ohne den Steuerzahler zur ihrer Rettung erpressen zu können.

Eigenkapital (v.a. Aktien) ist wichtig, weil es anders als Fremdkapital (Schulden) nicht zurückgezahlt werden muss. Es ist da, um Verluste zu absorbieren: Wenn ein Unternehmen Eigenkapital von einer Million Franken hat, kann es Verluste in dieser Höhe verkraften, ohne insolvent zu sein und Konkurs anmelden zu müssen. Im Konkurs sind Aktionäre jene, die zuletzt bedient werden aus dem, was übrig bleibt. Zuerst sind Angestellte, Obligationäre und andere Kreditoren an der Reihe.

Basel III

Die vom internationale Financial Stability Board (FSB) beschlossenen Regeln von «Basel III» verlangen eine Kapitalquote von 10.5 Prozent der risikogewichteten Aktiven. Setzt man das Eigenkapital ins Verhältnis zum ungewichteten Wert aller Aktiven, sind es je nach Land um die 5 Prozent. Nebst den Basel-III-Mindestanforderungen hat das FSB eine Liste mit systemrelevanten Grossbanken erlassen, zu denen auch CS und UBS gehören. Sie brauchen zusätzliche Kapitalpuffer. Die zwei Schweizer Grossbanken brauchen mit dem «Swiss Finish», der Schweizer Anwendung von Basel III, im Minimum 13 Prozent. (TM)

Der kurze Atem der Banken

Bankenkrisen hat es immer gegeben, besonders nach Immobilienkrisen. In der Schweiz zuletzt in den 1990er Jahren. Doch noch nie waren Banken so hoch verschuldet bzw. noch nie hatten sie so wenig Eigenmittel im Verhältnis zur Bilanzsumme (dem Marktwert der vor allem mit diesen Schulden gekauften Aktiven).

Und daran hat sich wenig geändert. Zum Vergleich: Auf dem KMU-Portal schreibt die Bundesverwaltung, dass in der Schweiz die 450’000 im Handelsregister registrierten Gesellschaften im Schnitt «bloss» 25 Prozent Eigenkapital aufweisen. Als gesund gelte eine Quote von 30 bis 60 Prozent eigene Mittel.

Schade, ist der Bund bei Banken nicht ebenso anspruchsvoll. KMU haben nämlich nicht das ruinöse Potenzial von Grossbanken. Diese müssen auch nach den neuen Vorschriften bis 2019 Eigenmittel über rund 13 Prozent der risikogewichteten Eigenmittel halten.

Setzt man das Eigenkapital einfach ins Verhältnis zur Bilanz, sind es nur 5 Prozent. Das heisst: Verlieren alle Aktiven 5 Prozent an Wert oder verliert - wie 2008 bei der UBS die Immobilienpapiere – eine einzelne grosse Position prozentual mehr, ist das ganze Eigenkapital ausgelöscht, die Bank Konkurs.

Oft begründen Banken ihre im Vergleich zu anderen Branchen verschwindend tiefe Eigenkapitalausstattung mit der Besonderheit ihres Geschäfts. Doch schon ein Blick in die Historie macht deutlich, es war nicht immer so. Die Grafik oben zeigt für die USA, was für die Bankensysteme in so gut wie allen Ländern gilt: Die Eigenkapitalquote hat ständig und massiv abgenommen.

Waren in den USA Banken 1834 noch fast zur Hälfte über Eigenmittel finanziert, sind es heute um die 10 Prozent (und das risikogewichtet). Ihr Kerngeschäft, die Zusammenführung der Ersparnisse einer Volkswirtschaft mit deren Investitionsbedarf, hat sich aber nicht verändert – schon gar nicht so dramatisch.