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BANKEN: Julius Bär fehlen die Gegner

Der Verwaltungsrat der Bank Julius Bär liess sich vom Abgang des langjährigen CEO Boris Collardi überrumpeln. Das ist ein Zeichen dafür, dass es sich das Aufsichtsgremium allzu bequem eingerichtet hat.
Daniel Zulauf
Was kommt nach ihm? Der mittlerweile zurückgetretene Julius-Bär-CEO Boris Collardi an einer Pressekonferenz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 25. Juli 2016))

Was kommt nach ihm? Der mittlerweile zurückgetretene Julius-Bär-CEO Boris Collardi an einer Pressekonferenz. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 25. Juli 2016))

Daniel Zulauf

Ein ausgewachsener Bär hat kaum natürliche Feinde. In dieser komfortablen Lage ist auch Julius Bär. Die Vermögensverwaltungsbank will selber zwar keine Grossbank sein. Aber sie hat in vielerlei Hinsicht Dimensionen erreicht, die sie im Markt für Firmenübernahmen unangreifbar machen. Hauptverantwortlich dafür ist Boris Collardi. Während acht Jahren hat er die Bank in seiner Funktion als CEO vorangetrieben und die Herzen der Aktionäre und Investoren erobert. Sein «Laser-Fokus» auf das Wachstum und die Entwicklung in Asien sei das tragende Element für die überdurchschnittliche Kursentwicklung der Julius-Bär-­Aktien seit 2009 gewesen, schrieben die Analysten von Morgan Stanley am Tag, an dem Collardi seinen Fiat 500 zum letzten Mal in die Garage an der Zürcher Bahnhofstrasse Nummer 36 steuerte. Der Manager, der trotz seiner erst 43 Jahre zu den dienstältesten CEOs im Schweizer Bankgewerbe gehört, weilt seit zehn Tagen in den Ferien. In Zürich hofft man, dass er vergessen sein wird, wenn er sich im Sommer des kommenden Jahres als neuer Partner bei der Genfer Privatbank Pictet wieder allmorgendlich die Krawatte umbindet.

Doch Zweifel hegen nicht nur die Analysten von Morgan Stanley. Manches deutet darauf hin, dass die Bank am Ende der Ära Collardi einen Höhepunkt erreicht hat. Das offenkundigste Indiz dafür ist die hohe Börsenbewertung. Mit fast 13 Milliarden Franken beträgt der aktuelle Marktwert des Unternehmens fast das Zweieinhalbfache des Eigenkapitals. An dieser, gelinde gesagt sportlichen, Bewertung hat auch der jüngste Kurs­taucher im Anschluss an den überraschenden Wechsel in der Chefetage nicht viel geändert. Im Vergleich dazu sehen die beiden Schweizer Grossbanken geradezu billig aus. Bei der Credit Suisse halten sich Marktwert und Buchwert in etwa die Waage, bei der UBS liegt der Marktwert etwa 20 Prozent höher als das Eigenkapital. Allein schon aufgrund dieser Betrachtung sind die jüngst aufgekeimten Spekulationen, Julius Bär könnte ein Übernahmeziel für Credit Suisse oder UBS werden, wenig plausibel.

Vom Familienunternehmen zum SMI-Mitglied

Trotz des abrupten Führungswechsels, den manche Beobachter auch als Va­kuum in der operationellen Leitung der Bank bezeichnen, können der Verwaltungsrat und die über 6000 Mitarbeiter von Julius Bär der näheren Zukunft also gelassen entgegensehen. Das war nicht immer so. Damals, im Winter 2005, als die im Lauf der zurückliegenden 115 Jahre Firmengeschichte sehr zahlreich gewordenen Familienaktionäre die Kontrolle über ihre Bank abgaben, wäre Julius Bär noch für weniger als zum halben Preis zu haben gewesen. Das wichtige Privatkundengeschäft schrumpfte, und es fehlten die finanziellen Mittel für eine Expansion. «Das Unternehmen Julius Bär gäbe es heute nicht mehr, wäre die Familie Grossaktionär geblieben», meinte Raymond Bär fünf Jahre nach der grossen Transformation. Der aktuelle Ehrenpräsident und letzte Familienvertreter hatte den Prozess in der Funktion als Verwaltungsratspräsident noch bis 2012 aktiv begleitet. Und Raymond Bär stand auch zuvorderst, als es 2009 darum ging, den seinerzeit blutjungen Collardi (34) als Nachfolger für dessen unerwartet aus dem Leben geschiedenen Ziehvater Alex Widmer einzusetzen.

Auf dem Weg vom gemütlichen Familienunternehmen zum SMI-Mitglied, dem exklusiven Club der 20 wertvollsten Firmen an der Schweizer Börse, bewiesen die Bären mehrmals Mut. Sie brachten ihn auf im Wissen, dass es eine andere Möglichkeit nicht gab. Der vielleicht entscheidende Coup gelang bereits 2005 kurz nach der Einführung der Einheitsaktie, die den Abschied von der Familien- AG bedeutete: Die Bären übernahmen drei Privatbanken der UBS, welche zusammen grösser waren als Julius Bär selber. Die UBS finanzierte den Deal kräftig mit und erhielt dafür eine Beteiligung an Julius Bär, die sie später abstiess. Der Deal machte Julius Bär nicht nur grösser, sondern er gab der Bank auch Zeit, die heikle Transformationsphase von der Familien- zur reinen Publikumsgesellschaft störungsfrei zu bewältigen.

Das starke Wachstum lässt sich kaum fortsetzen

In der Folge trieb Collardi das Wachstum weiter. Immer wieder spielte er die inzwischen reichhaltigen Erfahrungen der Bank mit komplizierten Übernahmen aus. Er wagte sich an Objekte, an die sich andere aus Risikoerwägungen, aber auch aus Angst vor der Komplexität nie herangetraut hätten. Im Zuge der Finanzkrise profitierte Julius Bär vom Rückzug vieler internationaler Finanzkonzerne aus dem Vermögensverwaltungsgeschäft.

In Asien, einem Schlüsselmarkt, avanciert die Bank zu einem der fünf grössten Anbieter vor Ort. Gegen 20 Prozent der weltweit verwalteten Vermögen von 393 Milliarden Franken (Ende Oktober) stammen aus dieser aufstrebenden Weltregion. Ein Wert, den man ursprünglich erst 2020 zu erreichen gehofft hatte. Als Ergänzung zu den Firmenübernahmen rekrutierte Julius Bär in den letzten Jahren auch zahlreiche Kundenberater von der Konkurrenz. Allein 2016 kamen netto 120 neue Berater von der Konkurrenz hinzu und halfen mit, dass die verwalteten Vermögen sogar noch schneller zunahmen als es der ehrgeizige Plan (4 bis 6 Prozent im Jahr) vorsah.

Doch dieses Wachstum wird sich kaum fortsetzen lassen. Das Abwerben von Kundenberatern ist schwieriger geworden. Auch das Übernahmekarussell dreht mit der Normalisierung der Branchenkonjunktur langsamer. Collardis einstweiliger Nachfolger Bernhard Hodler wird sich neue Wege einfallen lassen müssen, um die Aktionäre bei Laune zu halten. Aber den Druck des Marktes scheinen die Bären im Unterschied zu früheren Jahren kaum mehr zu spüren. Hodlers Wahl ist jedenfalls nicht das, was die verwöhnten Investoren ­gewünscht haben dürften. Der Manager ist seit 20 Jahren für die Bank tätig und war als langjähriges Mitglied der ­Geschäftsleitung nie erste Wahl. Als ­Risikochef vermochte er die Bank aus den diversen Skandalen (Fifa, Petrobras, Steuerstreit) nicht herauszuhalten. Hodlers Wahl deutet stark darauf hin, dass sich der Verwaltungsrat von Collardis Abgang überrumpeln liess. Dieser Mangel an Weitsicht ist auch für das Aufsichtsgremium und insbesondere für deren Präsidenten Daniel Sauter keine Auszeichnung. Vor allem aber ist diese fehlende Weitsicht ein Zeichen dafür, dass man sich bei Julius Bär schon gut in der Komfortzone eingenistet hat. Lange Pausen dieser Art lässt der Markt erfahrungsgemäss nicht zu.

Aktienkurs Julius-Bär-Gruppe (Bild: Quelle: six.swiss/Grafik: mop)

Aktienkurs Julius-Bär-Gruppe (Bild: Quelle: six.swiss/Grafik: mop)

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