Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Banken stehen unter Zugzwang: Dem alten Hypozins-Regime droht der Absturz

Keine Negativzinsen auf Liborhypotheken, dafür keine Negativzinsen auf Sparkonten – dieser Kompromiss könnte bald ein Ende haben.
Niklaus Vontobel
Der Traum vom eigenen Haus lockt immer - derweil fallen am Hypothekarmarkt alte Gewissheit weg. (Bild: www.mauritius-images.com)

Der Traum vom eigenen Haus lockt immer - derweil fallen am Hypothekarmarkt alte Gewissheit weg. (Bild: www.mauritius-images.com)

Die letzten Reste der alten Normalität könnten bald wegbrechen. Lorenz Heim, Experte beim VZ Hypothekenzentrum, schränkt zwar ein: Niemand könne heute die Folgen vorhersehen, wenn die Schweizerische Nationalbank den Negativzins verschärfe.

«Aber wir sind heute schon sehr nahe an einer Finanzwelt, in der Kleinsparer einen Negativzins zahlen.»

Die Banken stehen unter Zugzwang. Ihr heutiges Regime wackelt. «Der Druck war noch nie so gross wie heute, die Zinsen auf Libor-Hypotheken zu senken», sagt Heim. Doch es hat Folgen, wenn die Banken weniger Zins auf Libor-Hypotheken erhalten. «Mit dem Druck auf die Zinsen für Libor-Hypotheken gerät das Tabu ins Wanken, keinen Negativzins auf Sparkonten zu erheben.»

Fallende Zinsen auf Libor-Hypotheken, Negativzinsen für Kleinsparer: Diese Verknüpfung ist quasi nach dem 15. Januar 2015 entstanden. Damals gab die Nationalbank den Mindestkurs zum Euro auf, erhob neu einen Negativzins – und die Banken hatten Probleme. Auch der Libor-Zinssatz, zu dem sie einander Geld leihen, fiel nämlich weit unter die Null-Prozent-Grenze. Die Banken fanden sich in einer Negativzins-Welt wieder – und mussten reagieren.

Ein neues Regime wird geboren

Das Geld, um Liborhypotheken zu vergeben, nehmen die Banken von klassischen Sparkonten. Den Hypothekarzins, den sie auf Liborhypotheken verlangen, berechnen sie anders: Sie schlagen auf den aktuellen Liborzins noch eine Marge drauf. Mitte Februar 2015 zum Beispiel lag der Liborzins bei minus 0,9 Prozent. Die Banken hätten ihren Kunden einen Hypothekarzins von 0,1 Prozent verrechnet. Den Kleinsparern zahlten sie jedoch einen Zins von plus 0,5 Prozent. Hätten die Banken weitergemacht wie früher, wären Libor-Hypotheken also zum Verlustgeschäft geworden. Die Banken hätten weniger Zins auf Libor-Hypotheken erhalten, als sie auf Sparkonten gewährten.

Die Banken hätten den Kleinsparern schon damals Negativzinsen verrechnen können. Aber den öffentlichen Aufschrei wollten sie nicht. Sie behielten für Kleinsparer einen Minimalzins bei. Lieber verlangten sie mehr Zins von den Kunden, die bei ihnen Liborhypotheken hatten. Also führten die Banken nach dem 15. Januar 2015 eine Null-Prozent-Grenze ein. Null Prozent, plus Marge von 1 Prozent, voilà der neue Zins auf Libor-Hypotheken.

Natürlich waren Kunden mit Libor-Hypotheken «not amused». Doch das neue Regime war geboren. Geben die Banken die Nullgrenze bei den Liborhypotheken auf, zahlen die Kunden deutlich tiefere Hypothekarzinsen. Zugleich wären die Nullzinsen auf Sparkonten nicht aufrecht zu erhalten. Experte Heim würde erwarten, dass zuerst die Grosskunden dran kämen. «Dann ginge es zu den Kleinkunden – sofern die Politik nicht eingreift.» Dass die Finanzwelt noch weiter in negatives Territorium vorrückt – darauf bereitet sich der Markt heute vor.

Drum prüfe, wer sich bindet – vor allem wenn die Zinsen fallen

Das zeigt sich an neuen Extremwerten: Mitte Juni waren dreimonatige Libor-Hypotheken teurer als zweijährige Festhypotheken. Mitte Juli waren sie erstmals auch teurer als fünfjährige Festhypotheken. Das hat eine Erhebung von Moneypark ergeben. Der Hypothekarspezialist hat die Richtsätze von über hundert Banken und Versicherungen erhoben. Richtsätze sind die Zinsen, zu denen Banken offiziell Hypotheken anbieten. Je nach Kunde verlangen sie mehr oder weniger Zins.

Normalerweise ist es umgekehrt: Zinsen für Libor-Hypotheken liegen unter den Zinsen für mehrjährige Festhypotheken. Denn die Banken wagen mehr, wenn sie mehrere Jahre lang Geld zu einem festen Zins verleihen. So könnten die Zinsen in kurzer Zeit auf 2 Prozent steigen – und sie weiterhin nur 1 Prozent erhalten. Also wollen sie für Festhypotheken normalerweise mehr Zins. Bei Libor-Hypotheken hingegen können sie dem Kunden laufend den aktuellen Zins weiterreichen. Also verlangen sie weniger. Die neuen Extremwerte erklären sich so: Die Banken rechnen damit, dass die Nationalbank höhere Negativzinsen erhebt – weshalb die Zinsen auf Liborhypotheken fallen. In dieser Negativ-Welt können sie nicht mehr die gleich hohen Zinsen auf Liborhypotheken verlangen wie heute. Also leihen sie ihr Geld lieber noch schnell für mehrere Jahre aus, als Festhypothek.

Die Experten sind in seltener Übereinstimmung vereint: Die Hypothekarzinsen fallen noch tiefer. Umstritten ist die Frage, wie viel tiefer. Moneypark etwa glaubt nicht, dass die Banken die Nullgrenze aufgeben. Entsprechend fallen die Liborzinsen nicht mehr allzu viel. Moneypark rät daher eher zu Festhypotheken.

Heim vom VZ Hypothekenzentrum sagt, man müsse sich Spielraum offenlassen, denn es sei vieles möglich. Wettbewerb und Anlagenotstand könnten die Banken tatsächlich zwingen, das heutige Regime aufzugeben. Der Zugzwang werde besonders gross, erhöhe die Nationalbank den Negativzinsen auf 1 Prozent. «Dann vergeben die Bank lieber Liborhypotheken zu 0,25 Prozent – oder sogar zu einem geringen Negativzins.»

Die verkehrte Zinskurve ist da - Vorzeichen einer Rezession?

Weltweit geht die Angst vor einer Rezession um. Und das nicht bloss, weil ewig pessimistische Experten wieder einmal laut warnen vor der nächsten Finanzkrise. Die Alarmsignale kommen vom Obligationenmarkt in den USA, einem zuverlässigen Indikator für Rezessionen. Am US-Obligationenmarkt liegen die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen aktuell tiefer als die Zinsen für dreimonatige Staatsanleihen – normalerweise ist es genau umgekehrt. Daher bezeichnen Experten dies als Inversion der Zinskurve.

In der Vergangenheit folgte auf solche Umkehrungen in unerbittlicher Regelmässigkeit eine Rezession. In der Schweiz zeigte sich zuletzt ebenfalls eine Inversion der Zinskurve. Der Zins auf 10-jährige Bundesobligationen lag letzte Woche erstmals leicht tiefer als der Leitzins, den die Schweizerische Nationalbank erhebt. Ende letzter Woche erhielten Investoren vom Schweizer Staat einen Negativzins von 0,88 Prozent – ein neuer Tiefstwert. Die Nationalbank jedoch hat ihren Leitzins bekanntlich seit über vier Jahren bei minus 0,75 Prozent angesetzt. Auf den ersten Blick scheint der Finanzmarkt in der Negativzins-Welt oben und unten verwechselt zu haben. Der Nationalbank muss man aktuell nur einen Negativzins von 0,75 Prozent zahlen, wenn man sie dort Geld parkieren lässt. Doch der Finanzmarkt liefert lieber dem Bund nochmals etwas mehr Negativzins ab, nämlich 0,88 Prozent.

Dabei wäre der Negativzins bei der Nationalbank immerhin weniger negativ als der Negativzins beim Bund. Und dem Bund mussten die Investoren ihr Geld erst noch zehn Jahre lang versprechen. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, in der so manches passieren kann, etwa eine Wende zu Zinsen von zwei oder drei Prozent. Bei einer solchen Rückkehr zur alten Normalität möchte kein Finanzmanager dem Vorgesetzten erklären müssen, warum er eine Bundesobligation zu minus 0,86 Prozent gekauft hat.

Doch die Investoren wollen sich für eine andere Finanzwelt rüsten. Eine Welt, in welcher die Nationalbank den Negativzinssatz nochmals heraufsetzt. Etwa schon beim nächsten Zinsentscheid im September, vielleicht auf minus 1 Prozent. Dann steht der Finanzmanager als grosser Stratege da, wenn er immerhin einen Negativzins von 0,88 Prozent herausgeholt hat. Beim Spezialfall Schweiz ist die Inversion der Zinskurve daher kein Vorzeichen einer Rezession. Eher sind es Investoren, die ihre Gelder in Sicherheit bringen vor der nächsten Zinssenkung durch die Nationalbank. Und sie flüchten in den sicheren Schweizer Franken. Auch, weil die Zeichen in der übrigen Welt auf Rezession stehen – wie die Zinskurve in den USA zeigt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.