BANKEN: «Stresstest bildet nicht alle Gefahren ab»

Der Gesundheitscheck bei europäischen Banken brachte zwar Erleichterung, deckte aber auch Probleme auf. Jetzt müssen die betroffenen Geldhäuser innert weniger Wochen nachbessern.

Interview Ernst Meier
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Vor allem italienische Banken wie die Banca Popolare di Milano fielen durch den Stresstest der Europäischen Zentralbank. (Bild: AP/Luca Bruno)

Vor allem italienische Banken wie die Banca Popolare di Milano fielen durch den Stresstest der Europäischen Zentralbank. (Bild: AP/Luca Bruno)

130 Banken in den EU-Ländern wurden überprüft. 25 von ihnen haben den Test nicht bestanden; sie sind ungenügend finanziert und im Falle einer erneuten Rezession gefährdet. 12 dieser Banken haben in den vergangenen Monaten ihre Kapitaldecke gestärkt, 13 Finanzinstitute müssen aber gegen 10 Milliarden Euro auftreiben. Zudem fand die Europäische Zentralbank (EZB) bei Banken faule Kredite in der Höhe von 879 Milliarden Euro. Die Börse reagierte gestern nervös. Bankenaktien gehörten zu Wochenbeginn europaweit zu den Verlierern.

Reto Lötscher ist Aktienanalyst bei der Luzerner Kantonalbank. (Bild: PD)

Reto Lötscher ist Aktienanalyst bei der Luzerner Kantonalbank. (Bild: PD)

Wie beurteilen Sie den Stresstest?

Reto Lötscher*: Der Stresstest ist im Rahmen der Erwartungen ausgefallen. Während die Zahl der durchgefallenen Institute höher war, lag der Umfang der Kapitallücke mit 25 Milliarden Euro unter den Erwartungen. Davon konnten die Banken im laufenden Jahr bereits über 15 Milliarden Euro decken, womit der effektive Fehlbetrag mit 9,47 Milliarden Euro einigermassen überschaubar wirkt. Dementsprechend dürften die meisten Institute ihre Lücken ohne Probleme schliessen können.

In Italien haben 9 von 15 untersuchten Banken den Test nicht bestanden. Wieso schneiden die italienischen Finanzinstitute so schlecht ab.

Lötscher: Die italienischen Banken leiden besonders unter der schwachen Konjunktur in Italien. Viele Unternehmen befinden sich in Zahlungsschwierigkeiten und sind daher auch nicht in der Lage, ihre Bankschulden zu bedienen. Dies zeigt sich unter anderem an den Beständen an Not leidenden Krediten in den Büchern der italienischen Banken. Diese ihrerseits sehen sich deshalb veranlasst, bei der Kreditvergabe eher restriktiv zu agieren, was nicht zuletzt auch wieder die Unternehmen der Realwirtschaft belastet.

Spanien und Portugal scheinen dabei weiter zu sein. Wieso hinkt Italien?

Lötscher: In Italien bleiben die politischen Strukturreformen zur nachhaltigen Verbesserung der konjunkturellen Bedingungen aus. Der Stresstest zeigt auch, dass die Rückstellungen italienischer Banken nicht ausreichend waren. Angesichts ihrer schwachen Ertragskraft wollten sie ihre Ergebnisse nicht zusätzlich durch höhere Wertberichtigungen belasten. Zudem hat der italienische Staat, anders als in Spanien, das Bankensystem nicht mit Staatsgeldern unterstützt, sondern die Banken in ihrer Rekapitalisierung sich selbst überlassen.

Wie weit ist man mit den Reformen in Spanien?

Lötscher: Nachdem die Immobilienkrise 2008 in Spanien die Banken arg in Mitleidenschaft gezogen hat, waren die Regierung und die Banco de España gezwungen, eine grundlegende Konsolidierung voranzutreiben. Dies funktionierte nur dank der Unterstützung durch ein europäisches Hilfsprogramm im Umfang von 41 Milliarden Euro. Nebst der Konsolidierung mussten spanische Banken ihre Not leidenden Kredite auch durch hohe Rückstellungen decken, was vorübergehend ihre Ertragskraft deutlich belastet hat. Der Stresstest hat nun gezeigt, dass die rigiden Massnahmen in Spanien Früchte getragen haben und die grossen Banken des Landes in ihrer Restrukturierung einen Schritt weiter sind als jene anderer südeuropäischer Länder.

Was passiert mit den Banken, die den Stresstest nicht bestanden haben?

Lötscher: Diese Banken müssen nun in den nächsten zwei Wochen der EZB mit einem detaillierten Kapitalplan aufzeigen, wie die aufgedeckte Kapitallücke geschlossen werden soll. Dies kann beispielsweise durch das Einbehalten von Gewinnen beziehungsweise die Streichung allfälliger Dividenden, durch Verkäufe von Vermögenswerten, durch Aufnahme von neuem Kapital oder durch Ausgabe von bedingten Anleihen geschehen. Für die Umsetzung dieser Massnahmen zur Schliessung der Kapitallücke erhalten die Banken bis zu neun Monate Zeit.

Wenn die betroffenen Banken ihre Defizite beheben, sind sie dann in einer künftigen Krise stark genug?

Lötscher: Der Stresstest der EZB war sehr umfangreich. Vor allem das Negativszenario hat die Banken vor Herausforderungen gestellt. Die durchgespielten Szenarien bilden jedoch nicht alle möglichen Gefahren ab. Deshalb ist nicht auszuschliessen, dass andere Einflussfaktoren, die vom Stresstest nicht abgedeckt wurden, die Banken wieder in Schwierigkeiten bringen könnten. So schenkten die Szenarien den ausserbilanzlichen Positionen der Banken nur wenig Beachtung. Auch komplexe Eigentümerstrukturen können weitere Risiken bergen.

Wo stehen die Schweizer Banken hinsichtlich des Gesundheitschecks, wie ihn die EZB jetzt durchgeführt hat?

Lötscher: Im internationalen Vergleich sind die Schweizer Grossbanken sehr gut kapitalisiert. Die Schweizer Finanzmarktaufsichtsbehörde Finma betrachtet die Kapitalanforderungen nach Basel 3 als Mindeststandards und hat den Schweizer Banken mit dem «Swiss Finish» strengere Anforderungen unterlegt, als für europäische Banken gelten.

Hinweis

* Reto Lötscher ist Aktienanalyst bei der Luzerner Kantonalbank.