BANKEN: Wie Tidjane Thiam die Credit Suisse umbauen will

Die Schweizer Grossbank dürfte mit einer grossen Kapitalerhöhung den Ausbau des Asien-Geschäfts inszenieren. Doch Tidjane Thiam steht noch vor einer anderen Herausforderung.

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Tidjane Thiam, hier bei einem Interview anlässlich der Präsentation der Zahlen fürs zweite Quartal im vergangenen Juli, wird am Mittwoch die neue Strategie verkünden. (Bild: Getty)

Tidjane Thiam, hier bei einem Interview anlässlich der Präsentation der Zahlen fürs zweite Quartal im vergangenen Juli, wird am Mittwoch die neue Strategie verkünden. (Bild: Getty)

Daniel Zulauf

Wie bringt man einen Investor dazu, einen Haufen Geld in ein Unternehmen zu stecken, wenn er mit diesem eben erst Geld verloren hat? Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam wird seinen Aktionären am 21. Oktober eine gute Antwort liefern müssen. Denn eines war klar, lange bevor der CEO überhaupt an Bord der Grossbank kam: Die Credit Suisse wird frisches Kapital benötigen. In welcher Form und in welcher Menge das Geld beschafft werden soll, wird man zwar erst wissen, wenn Thiam die Ergebnisse seiner «strategischen Überprüfung» publik gemacht hat. Dass ein Kapitalbedarf aber existiert, bezweifelt niemand.

Bedarf von 6 Milliarden

Allzu lange schon bewegen sich die relevanten Kapitalkennziffern der Bank nur unweit oberhalb jener Mindestgrössen, wie sie von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht und vom internationalen Basler Ausschuss für Bankenaufsicht gesetzt, eingefordert und überwacht werden. Und die Anforderungen werden mindestens in der Schweiz demnächst weiter steigen. Im Zug der geplanten Anpassungen der Too-big-to-fail-Gesetzgebung wird der Bundesrat dem Parlament noch vor Ende Jahr eine deutlich höhere Quote für ungewichtetes Eigenkapital (Leverage Ratio) vorschlagen. Ein nicht genannt sein wollender Analyst einer internationalen Grossbank spricht von einem Kapitalbedarf von rund 6 Milliarden Franken. Dafür müsste die Credit Suisse rund 300 Millionen neue Aktien ausgeben, womit sich das Aktienkleid des Konzerns gegen 20 Prozent vergrössern würde.

Das jüngst von der «Financial Times» kolportierte Gerücht über eine bevorstehende milliardenschwere Kapitalerhöhung der Credit Suisse ist insofern keine Überraschung, dürfte dem Konzern im Sinne einer Einstimmung der Investoren auf die News aber gar nicht ungelegen gekommen sein. Allerdings scheinen die Anleger eine Aktienemission schon seit geraumer Zeit zu erwarten. Dies würde jedenfalls erklären, weshalb die Credit-Suisse-Aktien in den vergangenen sechs Monaten rund 13 Prozent an Wert verloren haben, während die UBS-Titel in der gleichen Zeit leicht zulegen konnten.

Markt hat keine Geduld

Zwar ist nicht auszuschliessen, dass Thiam Wege findet, um den Kapitalbedarf des Konzerns noch etwas einzugrenzen, wobei diesbezüglich oft von einem weiteren Rückbau der Investmentbank die Rede ist. Doch solche Umwege brauchen Zeit, und gerade die Credit Suisse musste in den vergangenen Jahren die Erfahrung machen, dass eine Bank nicht mit der Geduld des Marktes rechnen kann, wenn es darum geht, die gesetzlichen Kapitalanforderungen zu erfüllen. Auch ein Dividendenverzicht wäre eine Möglichkeit, die Kapitalbasis zu verstärken, doch mit einem solchen Schnitt könnte die Bank kurzfristig bloss 1 Milliarde Franken einsparen. Sie würde das Kapitalproblem nicht lösen und stattdessen viele Aktionäre frustrieren.

Die Erwartungen sind hoch

Vernünftigerweise wird Thiam am kommenden Investorentag alles tun, damit ihn das Publikum voll und ganz auf seine Reise in die Zukunft begleitet. Eine Erfolg versprechende und glaubwürdige Strategie ist nötig. Sie muss die Investoren motivieren, bei der Kapitalerhöhung mitzuziehen und diese quasi als letzten Akt der Altlastenbereinigung ohne Reue hinter sich zu bringen.

Deshalb wird sich Thiam an diesem 21. Oktober vor allem mit seinen «Ausführungen zu den Geschäftsplänen und zur Organisation» an seine Aktionäre wenden. Die Erwartungen sind hoch, aber vielfach auch diffus, was dem Protagonisten nur recht sein kann. Er wird nicht zwingend den Verkauf ganzer Unternehmensteile verkünden müssen, um sein Publikum nicht zu enttäuschen.

Stärkeres Engagement in Asien

Vermutlich wird Thiam durchblicken lassen, dass Desinvestitionen und Rückbau als Instrumente griffbereit in seinem Werkzeugkasten liegen. Herausstreichen wird er aber die subtileren Massnahmen, die über Veränderungen der Organisation die Umsetzung der neuen Geschäftspläne erlauben werden. Ein offenes Geheimnis ist, dass Thiam die Gewichte des Konzerns viel stärker in die Region Asien verschieben will. Dort hat das Unternehmen im ersten Halbjahr den Vorsteuergewinn verdoppelt und den Anteil am Konzernergebnis auf mehr als einen Viertel gesteigert.

Die Vermutung liegt auf der Hand, dass Thiam die Region in der Konzernorganisation aufwerten wird. CS-Veteran Helman Sitohang, der das Gebiet seit vielen Jahren erfolgreich beackert und 2014 zum regionalen CEO ernannt wurde, könnte den Aufstieg in die Konzernleitung schaffen. Der Indonesier mit slowakischen Wurzeln hat in lokalen Medien bereits hinreichend klargemacht, dass die Credit Suisse ihre schon jetzt starke Stellung als Nummer drei der Region hinter UBS und Citi­group nötigenfalls mit Akquisitionen weiter zu stärken gedenke. Thiam weiss, dass seine Aktionäre genau das hören wollen. Möglicherweise wird die Bank in Asien noch konsequenter als bisher als integrierter Konzern auftreten – als sogenannte Unternehmerbank, die ihren vermögenden und oft unternehmerisch tätigen Kunden die ganze Palette an Dienstleistungen von der Unternehmensfinanzierung bis zur Vermögensverwaltung aus einer Hand anbietet.

Lokale Notfallpläne sind gefordert

Ein Entscheid zu Gunsten einer stärkeren Regionalisierung des Konzerns ist auch vor dem Hintergrund der aktuellen regulatorischen Entwicklungen plausibel. Immer mehr wird nämlich deutlich, dass sich die Bankenaufseher in den grössten Finanzplätzen nicht mehr mit den ursprünglichen Bail-in-Konzepten begnügen, unter denen die Rettung der systemrelevanten Teile von Grossbanken von einer Behörde orchestriert und die Überlebensfähigkeit der anderen Konzernteile hauptsächlich von deren Entscheidungen abhängen. In Singapur zum Beispiel, wo die Credit Suisse ihren Asien-Hub betreibt, fordern die Behörden inzwischen lokale Notfallpläne, unter denen auch dort die Banken im Krisenfall weiterexistieren könnten.

Das alles spricht für eine stärkere regionale Integration, wie sie die Credit Suisse selbstredend auch im Schweizer Heimmarkt anstreben müsste.

Ein schwerfälliger Tanker

Was mit der Investmentbank geschehen soll, bleibt abzuwarten. Mit dem wachsenden Gewicht von Asien dürfte diese in der Konzernleitung an Gewicht verlieren, was die Investoren wohl nicht ungern sähen. Möglicherweise wird eine regionalisiertere Credit Suisse künftig auch weniger globale Konzernfunktionen benötigen. Eine globale Personalchefin zum Beispiel, wie sie sich die Credit Suisse mit dem Konzernleitungsmitglied Pamela Thomas-Graham derzeit leistet, wäre unter diesen Bedingungen vielleicht nicht mehr nötig. Die Dezentralisierung der Verantwortlichkeiten unter der globalen Marke Credit Suisse wäre ein Modell, das den Investoren durchaus gefallen könnte, zumal die Bank unter Brady Dougans langjähriger Führung ein etwas gar schwerfälliger Tanker geworden ist.