BANKEN: «Wir verdienen zu wenig Geld»

Die Valiant hat schwierige Zeiten hinter sich.Markus Gygax soll die Bank in ruhigeres Fahrwasser führen. Der Valiant-Chef im Interview, warum die Regionalbank kein Übernahmekandidat sein will.

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Valiant-CEO Markus Gygax (rechts) hier nebem dem VR-Präsident Jürg Bucher. (Bild: Keystone)

Valiant-CEO Markus Gygax (rechts) hier nebem dem VR-Präsident Jürg Bucher. (Bild: Keystone)

Markus Gygax, vor rund einem Jahr haben Sie den Chefposten bei der Bank Valiant übernommen. Wie fühlen Sie sich nach dieser Zeit?

Markus Gygax*: Ausgezeichnet, ich habe mich sehr gut eingelebt.

Gibt es bereits Erfolge?

Gygax: (lacht zufrieden) Es läuft wieder besser für die Bank. Das operative Ergebnis für das laufende Geschäftsjahr wird gut ausfallen, so viel darf ich bereits sagen. Aber das ist leider immer noch auf einem unbefriedigenden Niveau.

Die Valiant hat im Jahr 2010 den Wert ihrer Aktie manipuliert. Dieses Vorgehen hat das Vertrauen vieler Kunden erschüttert. Dadurch hat sie viele Kunden verloren. Die Finanzmarktaufsicht (Finma) rügte die Regionalbank im Jahr 2012.

Gygax: Der Reputationsverlust von damals wiegt immer noch schwer für die Bank. Doch wir merken, dass die Kunden langsam zu Valiant zurückkommen und Vertrauen in die Bank zurückkehrt. Über 400 Millionen Franken an Neugeldern sind uns allein in diesem Jahr zugeflossen. Das ist ein gutes Zeichen.

Wie sieht es heute mit der Stimmung unter den Mitarbeitern aus?

Gygax:Als ich zur Bank kam, getrauten sich viele unserer Mitarbeiter nicht mehr, zum Unternehmen zu stehen. Der frühere Stolz war abhandengekommen. Doch auch hier gibt es Fortschritte. Das Vertrauen der Mitarbeiter in das Unternehmen wiederzugewinnen, geht aber nicht über Nacht. Dafür braucht es einen langen Atem, harte Arbeit und vor allem viel Offenheit in der Unternehmenskultur.

Was meinen Sie damit?

Gygax:Wir wollen den Mitarbeitern zeigen, dass wir sie wertschätzen, indem wir ihnen nicht nur attraktive Arbeitsplätze bieten. Wir unterstützen bewusst auch Weiterbildungen. Wir haben 2014 rund 2 Millionen Franken oder 2000 Schulungstage in die Weiterbildung investiert. Im nächsten Jahr werden es über 3000 Schulungstage sein. Aber unsere Arbeit muss sich auch in guten Zahlen niederschlagen. Wir müssen jetzt von Quartal zu Quartal bessere Resultate liefern und dürfen uns im Management keine Ausrutscher leisten – das wäre fatal.

Im Jahr 2009 hatte die Valiant-Bank noch einen Börsenwert von 3,4 Milliarden Franken. Der Aktienkurs lag bei 202 Franken. Was ist aus der einst so stolzen Wachstumsstrategie der Valiant geworden?

Gygax: Wachstum nur um des Wachstums willen ist kein Ziel mehr für uns. Als überregionale Schweizer Bank sind wir aktuell in einem Gebiet zwischen Basel und dem Mittelland bis in die Romandie tätig. Das Ziel ist, früher oder später die ganze Schweiz abzudecken. Aber selbst wenn wir es wollten, wäre ein Wachstum, wie wir es in den letzten zehn Jahren hatten, heute nicht mehr möglich. Denn es gibt fast keine Regionalbanken mehr, die unter unserem Dach fusionieren möchten. Um eine erfolgreiche Wachstumsstrategie umzusetzen, brauchen wir aber einen starken Partner. Das ist in unserem Fall der Versicherungskonzern Swiss Life.

Nach der gescheiterten Fusion mit der Berner Kantonalbank 2013 will es die Valiant aus eigenen Kräften allein versuchen. Braucht es die Valiant überhaupt auf dem Schweizer Markt?

Gygax:Genau diese Frage haben wir uns innerhalb der Bank auch gestellt. Und eigentlich ist es ganz einfach: Wir wollen zurück zu unseren Wurzeln mit einem einfachen Geschäftsmodell, das klar und transparent ist. Wir wollen uns auf das konzentrieren, was eine Bank machen sollte. Wir nehmen das Geld der Kunden, wir verwalten es sorgfältig und finanzieren unseren Kunden ein Eigenheim – das ist alles. Und wir wollen ein Partner für die KMU sein. Logisch machen wir auch alles, was der Kunde dazu braucht, wie Zahlungsverkehr oder Vorsorge. Wir wollen aber keine Privat- oder Investmentbank sein, das können andere besser. Ich glaube, mit dieser Positionierung gibt es einen Platz für Valiant im Schweizer Bankenmarkt.

Warum sind Sie so davon überzeugt?

Gygax:Ich bin überzeugt, es gibt einen Markt für Nachhaltigkeit im Bankwesen. Das ist heute mehr denn je in der Bankenbranche gefragt. Dazu gehört auch eine vernünftige Lohnpolitik. Die Leute sind es leid, sich über die Gier von Bankern ärgern zu müssen. Es gibt bei uns zum Beispiel keine variable Vergütung für das Management, wenn wir einen Verlust machen. Die variable Komponente kann auch nie grösser sein als das fixe Salär. Und es gibt Kürzungen, wenn wir die Dividende kürzen müssen.

Mittlerweile ist die Aktie auf rund 84 Franken abgesackt. Damit ist die Regionalbankengruppe an der Börse noch rund 1,2 Milliarden Franken wert. Ist Valiant zurzeit noch anfällig für eine Übernahme?

Gygax:Wenn man den aktuellen Aktienwert anschaut, liegt Valiant klar unter dem Buchwert. Die Aktie notiert derzeit bei rund 84 Franken. Unser Buchwert liegt aber bei 120 Franken. Wenn Sie aber vergleichen, sind die meisten unserer Retailbankenkonkurrenten unterbewertet – wir besonders stark, weil Valiant vom Ertrag her mit rund 90 Millionen Franken Reingewinn im Jahr 2013 einfach noch zu wenig erwirtschaftet. Ich glaube, wenn uns heute jemand übernehmen wollte, wären wir von der Bewertung her betrachtet ein Übernahmekandidat. Der Verwaltungsrat hat aber klar formuliert, dass wir unabhängig bleiben wollen.

Was muss bei Valiant besser werden?

Gygax:Wir verdienen zu wenig Geld für die Grösse der Bank. Deshalb müssen wir uns stärker auf die Erträge fokussieren. Auf der Kreditseite haben wir in diesem Jahr 250 Millionen Franken an Krediten bereinigt. Das waren Kredite, aus denen wir keinen Ertrag erzielen konnten. Trotz dieser Bereinigung werden wir im Jahr 2014 wachsen – das ist positiv. Genauso wie unsere Kapitalquote, die mit 15 Prozent solide ist. Damit übertreffen wir bereits heute die Finma-Vorschriften von 2016 klar. Wir sind also eigentlich richtig gut aufgestellt.

Aber?

Gygax:Wir sehen zwar Silberstreifen am Horizont, doch zurzeit sind nur 80 Prozent unserer Ausleihungen mit Kundengeldern gedeckt. 90 Prozent wären besser. Denn Kundengelder sind für uns günstiger als Geld, das wir am Kapitalmarkt aufnehmen müssen. Auch die Ertragslage ist nach wie vor ungenügend. Unser Ziel ist, im Jahr 2017 einen Reingewinn von 150 Millionen Franken zu erzielen. Mit diesem Betrag haben wir einen vernünftigen Return on Equity von über 8 Prozent. Das ist nicht fantastisch, aber ordentlich. Wenn wir das erreichen, bin ich überzeugt, dass sich, zusammen mit der stabilen Dividende von 3.20 Fr., unsere Aktie wieder erholen wird.

Wie wollen Sie das erreichen?

Gygax: Einerseits müssen wir auf der Kreditseite wachsen und gleichzeitig die Zinsmarge optimieren. Das ausserordentlich tiefe Zinsniveau hilft uns aktuell dabei nicht – auch wenn wir es schon im laufenden Jahr geschafft haben, sie zu erhöhen, während andere Banken einen stetigen Rückgang der Marge erleben. Und auf der Kostenseite können wir uns weiter verbessern. Abschreibungen in Höhe von etwa 15 Millionen Franken fallen im Jahr 2016 weg. Unser Informatikvertrag mit der Swisscom läuft 2017 aus. Dabei erhoffen wir uns, mit Verhandlungen Einsparungen erzielen zu können. Wenn wir es schaffen, auf der Ertrags- und der Kostenseite je 20 bis 30 Millionen Franken zu optimieren, kommen wir in die Richtung von 150 Millionen.

Was können Kunden 2015 an Neuerungen erwarten?

Gygax: Wir wollen 2015 Zeichen setzen. Wir werden keine Filiale schliessen und unser Kontosortiment vereinfachen.

Was heisst das konkret?

Gygax: Eine Massnahme wird sein, dass wir das Aktionärskonto auflösen. Das klingt zunächst merkwürdig. Doch wir glauben, dass wir damit Vertrauen schaffen. Wir wollen unsere Aktie von der Kundenbeziehung trennen. Aber wir streichen nicht nur einfach ein Konto, sondern bieten den Kunden der Aktionärssparkonti auch eine gute Alternative an: ein Zinsstufenkonto, bei dem er mit zunehmender Treue mehr Zins erhält. Zudem wollen wir uns auf den selbstständigen Kleinunternehmer konzentrieren. Dafür haben wir für KMU ein neues und attraktives Konto geschaffen. Wir wollen den KMU ein starker und verlässlicher Partner sein, der nicht bei den kleinsten Problemen die Geschäftsbeziehung beendet.

* Markus Gygax (52) ist dreifacher Familienvater und lebt in Thun. Seit einem Jahr leitet er die Regionalbank Valiant, die in den Kantonen Luzern und Zug sowie mit rund 90 000 Kunden und über 15 000 Aktionären in der Innerschweiz stark verwurzelt ist.

Interview Bernard Marks