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BANKENCRASH: Böses Erwachen

Im März vor zehn Jahren werteten die Schweizer Finanzmarktaufseher die Pleite einer Grossbank als gefährliches, aber unwahrscheinliches Ereignis. Fünf Monate später arbeitete die Behörde bereits im Krisenmodus «Stufe Gelb».
Daniel Zulauf
Verlassene Häuserzeile in New York: Die Immobilienkrise in den USA war Auslöser der weltweiten Finanzkrise. (Bild: Andrew Lichtenstein/Getty (21. Oktober 2008))

Verlassene Häuserzeile in New York: Die Immobilienkrise in den USA war Auslöser der weltweiten Finanzkrise. (Bild: Andrew Lichtenstein/Getty (21. Oktober 2008))

Daniel Zulauf

Man kann den Beginn der Finanzkrise rückblickend an vielen Vorgängen festmachen. Für die einen waren es die kräftigen Preiseinbrüche im amerikanischen Markt für Ramschhypotheken, die der Welt schon ab November 2006 einen Vorgeschmack auf die Katastrophe gaben. Andere denken an die ersten Insolvenzen von US-Immobilienfinanzierern, mit denen das Angstvirus im März 2007 nach einer fünfjährigen Rekordfahrt auch in den Finanzmärkten Einzug hielt. Auch der starke Rückgang der Hausverkäufe, wie ihn die US-Statistiken ab April 2007 offenbarten, kann als Startsignal für die grösste Weltwirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren gesehen werden. So oder so hatten im April 2007 schon 500 000 amerikanische Hausbesitzer ihre Bleibe zwangsweise verlassen müssen, weil sie die Zinsen nicht mehr berappen konnten.

Es ist heute kaum zu fassen, wie diese gravierenden Vorgänge während fast eines Jahres selbst dort eher beifällig zur Kenntnis genommen wurden, wo ihre richtige Deutung doch viel Schlimmes hätte verhindern können. Nur wenige reden so offen darüber wie Daniel Zuberbühler, der damals als Direktor der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) zu den wichtigsten Verantwortungsträgern auf dem Finanzplatz gehörte. So ziemlich auf den Tag genau vor zehn Jahren sei ihm das Wort «Subprime-Kredit» zum ersten Mal zu Ohren gekommen, erzählt der damalige oberste Bankenaufseher der Schweiz. Amerikanische Behördenvertreter hätten ihm von diesen eigenartigen Hypotheken erzählt, die US-Immobilienfinanzierer über Jahre im ganz grossen Stil an finanzschwache Immobilienkäufer vergeben hätten und nun um die Zahlung der Zinsen bangen müssten, erinnert sich Zuberbühler.

Niemand fühlte sich verantwortlich

Zuständig hätten sich die US-Bankaufseher aber nicht gefühlt. Schliesslich waren die Immobilienfinanzierer keine Banken im aufsichtsrechtlichen Sinn. Es sollte noch fast ein Jahr dauern, bis klar wurde, dass ein immenser Teil dieser Kreditrisiken in Form von strukturierten Hypothekaranleihen direkt oder indirekt in den Büchern der Banken hängen geblieben war. «Wir hatten einfach keine Vorstellung, was da noch auf uns zukommen sollte», erinnert sich Zuberbühler mit entwaffnender Ehrlichkeit an ein Radiointerview, in dem er die sich immer deutlicher abzeichnende UBS-Krise noch im Oktober 2007 eher harmlos als «Blechschaden» bezeichnet hatte. Die UBS sollte vom dritten Quartal 2007 bis Ende 2009 Verluste von brutto über 50 Milliarden Franken anhäufen, was im Herbst 2008 die staatliche Rettungs­aktion nötig machte.

Im März 2007 war Zuberbühler noch damit beschäftigt, den Banken und der Öffentlichkeit den Sinn einer stärkeren Fokussierung der Aufsicht auf die grössten Risiken beziehungsweise auf die grössten Banken zu erklären. Das Konzept der «risikoorientierten Aufsicht» war neu und erklärungsbedürftig: «Unbestritten ist, dass die Insolvenz einer Grossbank für das schweizerische Finanzsystem und für die Volkswirtschaft verheerende Folgen hätte, gegenüber denen das traumatische Ereignis des Swissair-Groundings geradezu harmlos erschiene», begründete Zuberbühler fast auf den Tag genau vor zehn Jahren auf der jährlichen Medienkonferenz der EBK (die Behörde heisst seit 2009 Finma) die Idee einer fokussierten Aufsichtstätigkeit. Der Ansatz war nicht unbestritten, weil er implizit immerhin eine Häufung «kleinerer Unfälle» auf dem Finanzplatz in Kauf nahm. Zu Recht, erklärte Zuberbühler, denn «es ist diese immense Schadenshöhe und nicht die – aus heutiger Warte kleine – Eintretenswahrscheinlichkeit, die eine intensive Überwachung der Grossbanken rechtfertigt». Die geringe Eintretenswahrscheinlichkeit sollte wenige Monate später in der Gestalt eines schwarzen Schwans auch die Schweiz und ihre zwei Grossbanken heimsuchen. Ein gewisses Unbehagen gegenüber den Finanzkolossen war freilich schon damals in den Aufsichtsbehörden vorhanden. So hatte die UBS in den fünf Jahren nach dem Platzen der Technologieblase an den Aktienbörsen ihre Bilanzsumme um atemberaubende 1100 Milliarden Franken aufgebläht und dafür lediglich 10 Milliarden Franken mehr Eigenkapital benötigt (siehe Grafik). Das Unbehagen sickerte in kleinen Tröpfchen in die Öffentlichkeit hinein. Schon 2004 warnte das britische Magazin «Economist» vor den Risiken der galoppierenden Bilanzinflation der Grossbanken. Doch den Vorwurf, die Deutsche Bank gleiche mit ihrem aufgeblähtem Handelsbuch mehr einem Hedgefonds als einer Bank, wehrte der damalige Schweizer CEO Josef Ackermann entrüstet als «unwahre und sinnentstellende Behauptung» zurück.

Hierzulande veranlassten die Grossbanken derweil «Hintergrundgespräche» für Journalisten, in denen Finanzmathematiker die Aufgabe hatten, die wetterfesten Risikosysteme der Finanzkonzerne darzulegen. Eine Schlüsselgrösse war der sogenannten Value at Risk (VAR), eine Ziffer, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 oder 98 Prozent den maximal möglichen Verlust feststellen sollte. Selbst unter härtesten Stressszenarien kamen die Schweizer Grossbanken mit ihren Modellen auf Maximalverluste von lediglich 2 bis 3 Milliarden Franken, was damals etwa einem Quartalsgewinn entsprach, erinnert sich Zuberbühler an eine Klausurtagung im Mai 2007 im Berner Kursaal.

UBS meinte, dass sie von der Krise im US-Markt profitieren könnte

Zwar wussten die Bankaufseher um die Grenzen des VAR als Risikomessgrösse, zumal der Wert definitionsgemäss keine Extremsituationen abbilden kann. Doch das theoretische Wissen nützt wenig, wenn es in der menschlichen Fantasie keinen Platz gibt für den schwarzen Schwan. In der vagen Erwartung potenzieller Verluste, welche die UBS im schwächelnden US-Hypothekenmarkt ereilen könnten, erkundigte sich die EBK im Februar 2007 nach deren Risikoexposition. Am 9. März 2007 kam die Antwort aus London: Die UBS Investment Bank werde von der Verschlechterung des US-Hypothekenmarktes sogar noch profitieren, weil sie mit dem Aufbau sogenannter Short-Positionen dessen negative Entwicklung bereits vorweggenommen habe. Die Nationalbank sei auch nach dieser beruhigenden Meldung einigermassen skeptisch geblieben, vor allem an ihren aktuellen Direktionspräsidenten Thomas Jordan, der damals noch die Nummer 3 im dreiköpfigen Direktorium war, erinnert sich der damalige EBK-Präsident Eugen Haltiner, der zuvor selber UBS-Generaldirektor gewesen war. Tatsächlich waren es die Notenbanken, die mit ihrem Auftrag zur Wahrung der Stabilität des Finanzsystems einen präziseren Blick für das Gesamtbild hatten als die für die Überwachung der Einzelinstitute zuständige Bankaufseher. Umso mehr bedauert Haltiner im Rückblick, dass die Nationalbank «nicht mehr auf die Pauke gehauen» habe.

Bankeigene Berechnungsmodelle waren «grosser Fehler»

Doch eine Aufarbeitung der Finanzkrise müsste weit vor den Zeiten ihres Ausbruches einsetzen. Bruno Gehrig, langjähriger Wirtschaftsprofessor an der Hochschule St. Gallen und EBK-Mitglied von 1992 bis 1996, sagt: «Es war ein grosser Fehler, dass wir den Banken die Möglichkeit gaben, ihre Bilanzrisiken mit eigenen Modellen selber zu berechnen.» Das Konzept, nach dem unterschiedliche Aktiva in einer Bankbilanz mit unterschiedlichen Risikofaktoren gewichtet und so mit mehr oder weniger Eigenkapital unterlegt werden konnten, war in den späten Achtzigerjahren vom «Basler Ausschuss für Bankenaufsicht» zum Standard erhoben worden.

Daraufhin gingen die Eigenkapitalquoten der Grossbanken von bis zu 20 Prozent in den Sechzigerjahren drastisch zurück. Die Anwendung der internen Modelle liess es zu, illiquide, aber scheinbar sichere Kreditpositionen in die Handelsbücher zu übertragen und die Risiken dort kleinzurechnen. Als Gehrig 1996 die EBK verliess, hatten die Grossbanken noch etwa 7 Prozent ihrer Bilanzsumme als Eigenkapital auf der Seite. Als die Finanzkrise eskalierte, waren es weniger als 2 Prozent. Ab August 2007, dem Monat, als die UBS unmittelbar nach der Bekanntgabe eines Rekordgewinns eine erste Warnung vor Verlusten im US-Hypothekenmarkt absetzte, operierten EBK und Nationalbank im Krisenmodus «Stufe Gelb». In den ersten Monaten 2008 begannen die ersten Vorbereitungsarbeiten für eine Rettungsaktion.

Bild: Grafik mop

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