BAROMETER: Den Banken fehlen die Ideen

Laut einer Studie hadern Finanzinstitute nach wie vor mit dem Strukturwandel. Weitermachen wie bisher scheint keine Option zu sein.

Daniel Zulauf
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Das Rechenzentrum der Postfinance dient der Verarbeitung von Backoffice-Daten. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zofingen, 5. Februar 2009))

Das Rechenzentrum der Postfinance dient der Verarbeitung von Backoffice-Daten. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zofingen, 5. Februar 2009))

Daniel Zulauf

daniel.zulauf@luzernerzeitung.ch

Die Schweizer Bankenbranche sieht sich nach eigener Einschätzung am Anfang eines fundamentalen Strukturwandels. Das ist eine der Kernaussagen des EY-Bankenbarometers, mit dem die gleichnamige Beratungsfirma seit 2009 mittels Befragung von Geschäftsleitungsmitgliedern von 120 Schweizer Banken den Puls der Branche misst. Von einer depressiven Stimmung kann aktuell nicht die Rede sein. Vier von fünf befragten Instituten beurteilen die aktuelle Geschäftsentwicklung positiv. Sie rechnen mit steigenden operativen Ergebnissen von bis zu 10 Prozent und mehr. Auch für das kommende Jahr überwiegt die Zuversicht. Gut zwei Drittel der Umfrageteilnehmer rechnen 2017 mit steigenden Gewinnen.

Der Optimismus ist allerdings ungleich verteilt. Während die inländisch orientierten Hypothekenbanken weiterhin mit einigermassen guten Zahlen rechnen, haben sich die Perspektiven vieler Privatbanken offensichtlich stark verdüstert. Ein Drittel dieser Unternehmen hat im zurückliegenden Jahr weniger verdient, und etwa die Hälfte erwartet 2017 eine weitergehende Ertragserosion. «Die Privatbanken haben das grösste Problem», fasste Studienleiter Patrick Schwaller eine der zahlreichen Erkenntnisse aus dem EY-Bankenbarometer auf einer Pressekonferenz zusammen.

Kosten müssen dauerhaft sinken

Neun von zehn Privatbanken anerkennen, dass sie Antworten auf den «fundamentalen Strukturwandel» finden müssen. Bei den klassischen Kreditinstituten liegt der Wert deutlich tiefer. Die Erkenntnis der Privatbankiers scheint allerdings reichlich spät zu kommen. Es sei «erschreckend», wie ratlos viele Banken grundlegenden Fragen zum Geschäftsmodell immer noch gegenüberstünden, sagte der Schweizer Unternehmensberater und Co-Autor des Weltbestsellers «Business Model Generation», Alexander Osterwalder, bereits vor drei Jahren im Gespräch mit unserer Zeitung. Im Zug der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen erkennen inzwischen auch mehr als zwei Drittel aller Banken, dass ihnen künftig mehr Konkurrenz ausserhalb der Branchen blühen wird. Die Bemühung der Banken im Zahlungsverkehr, den Vormarsch von IT-Unternehmen wie Apple oder Google zu bremsen, indem man eine gemeinsame Applikation für neue Formen des bargeldlosen Bezahlens sucht, spricht Bände, erzählt aber nur einen Teil der Realität. Wie die Banken auf den zunehmenden Konkurrenz- und Preisdruck zu reagieren gedenken, ist diesen mindestens nach Auffassung von Co-Studienleiter und EY-Partner Olaf Toepfer selber mehrheitlich noch unklar. Die meisten Banken sehen die Digitalisierung immer noch als eine Chance zur Öffnung neuer Vertriebswege. Gemäss Toepfer müssten sie in der Elektronisierung aber vielmehr die Gelegenheit erkennen, den Strukturwandel zu meistern. «Wir müssen irgendwie die Kosten runterbringen, sonst geht uns die Luft aus», fasst der Berater die Befindlichkeit in der Branche zusammen. Doch die herkömmlichen Methoden zum Kostenabbau, Filialen zu schliessen, Personal abzubauen und Investitionen zurückzustellen, sind nach seiner Einschätzung weitgehend ausgeschöpft.

Nicht von ungefähr sagte SIX-Chef Urs Rüegsegger jüngst im Interview mit unserer Zeitung zum Thema einer Superbank für den Finanzplatz: «Nach meinem Verständnis geht es bei der Idee eines gemeinsamen Backoffice um mehr als nur darum, Kosten und Erträge schnell in ein besseres Verhältnis zu bringen. Es geht um die Frage, ob sich die Kostenstruktur der ganzen Industrie auf ein tieferes Niveau bringen lässt – auf ein Niveau, das sich mit traditionellen Kostensenkungsmassnahmen nicht erreichen liesse. Wir reden über eine neue Stufe der Industrialisierung des Bankgeschäfts.»

Europas Bankenlobby blockiert Kapitalvorschriften

Im Ringen um einen neuen internationalen Kapitalstandard für Banken ist das letzte Wort offensichtlich noch lange nicht gesprochen. Aufhorchen liess diese Woche der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, als er kurzfristig die für Sonntag geplante Tagung der Bankaufseher und Notenbankgouverneure am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel platzen liess. An dem Treffen hätten sich die Behördenvertreter aus 28 Ländern endlich über die Bedingungen für eine Weiterentwicklung des weltweit unter dem Begriff Basel III bekannten Kapitalstandards für Banken einigen wollen. Im Vorfeld der Tagung war aber offenbar klar geworden, dass ein Kompromiss nicht möglich ist. Jetzt zieht sich das Ringen wohl bis weit ins nächste Jahr hinein.

Dabei ist das Thema alles andere als neu. Schon seit einigen Jahren sehen viele kritische Beobachter mit wachsender Sorge, wie manche Banken besonders in Europa ihre bilanziellen Risiken kleinrechnen und damit den Bedarf an risikogewichtetem Eigenkapital optimieren beziehungsweise so gering wie möglich halten. In dieser Praxis haben es offenbar die deutschen und die französischen Banken, aber auch Institute aus Schweden, den Niederlanden und Spanien zu einer besonderen Meisterschaft gebracht. Auch die Schweizer Banken gelten als Spezialisten in dem Fach, doch ihnen hilft die Kunst des Rechnens derzeit am wenigsten. Sie müssen im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel Eigenkapital beibringen, und zwar auch im Verhältnis zu den Bruttoaktiven, wie sie in der Bilanz ohne Risikogewichtungsmodelle ausgewiesen werden müssen (man spricht hierbei von der sogenannten ungewichteten Leverage Ratio).

Seit der letzten Rekalibrierung im letzten Jahr zähle die Schweiz zu den Ländern mit den weltweit schärfsten Kapitalvorschriften, betonte vor wenigen Tagen der für die hiesige Bankenregulierung mitverantwortliche Wirtschaftsprofessor Aymo Brunetti im Interview mit unserer Zeitung. Die hiesige Regulierung hat sich damit jener der US-Banken angenähert.

Die Banken in Deutschland und in anderen Ländern Europas sträuben sich gegen diesen Schritt und stehen deshalb im offenen Widerstreit mit den amerikanischen Regulatoren, die auf gleich lange Spiesse im Basler Standard pochen. Während viele europäische Banken ihre Bilanzrisiken mit internen Modellen berechnen, wenden amerikanische Banken in der Regel den vom Basler Ausschuss propagierten Standardansatz an. Das Problem ist, dass die beiden Modellansätze zu grossen Unterschieden beim Ergebnis und letztlich beim Eigenkapitalbedarf führen können. Ein Kompromissvorschlag ist nun gescheitert und hat die geplante Tagung vom Sonntag obsolet gemacht.

Der Vorschlag hätte die Anwendung interner Modelle weiterhin zugelassen unter der Bedingung, dass sie mindestens 75 Prozent des Ergebnisses einer Standardberechnung ergeben. Die Deutsche Kreditwirtschaft, also das Sprachrohr der deutschen Bankenverbände, bezeichnete den Kompromissvorschlag nun als «generell entbehrlich», weil die limitierende Wirkung auf die Risikogewichtung der Aktiva bereits durch die neu eingeführte Leverage Ratio gegeben sei. (dz)