Bars und Läden nehmen kein Bargeld mehr an – der Bundesrat will sie trotz Kritik nicht dazu zwingen

Die Coronakrise beschleunigt die Abkehr vom Bargeld. Erste Läden akzeptieren keine Münzen und Noten mehr. Das hat nicht nur hygienische Gründe. Doch wie gefährlich sind die Kartenzahlungen?

Stefan Ehrbar
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An immer mehr Orten wird kein Bargeld mehr akzeptiert.

An immer mehr Orten wird kein Bargeld mehr akzeptiert.

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Jeden Abend stehen Menschen Schlange vor dem Gerolds Garten in Zürich. Auf dem Gelände beim Bahnhof Hardbrücke gibt es Essensstände, Bars und Läden für den gemütlichen Feierabend. Fast jeder ist hier erwünscht ­– mit einer Ausnahme: Wer mit Bargeld bezahlen will, ist am falschen Ort. «No cash» heisst es am Eingang. Bezahlt werden soll seit diesem Sommer mit Karte oder dem Handy.

Die Macher des Gerolds Garten in Zürich sind keine Ausnahme. Immer mehr Läden und Gastronomen drängen ihre Kunden zur Kartenzahlung. Selbst in Filialen des Grossverteiler Coop hängen derzeit Zettel mit dieser Bitte. Die Berner Bäckereikette Glatz ruft ihre Kunden seit kurzem zum Bargeld-Verzicht auf, berichtet SRF. Die Entwicklung hat mit den hygienischen Vorteilen des kontaktlosen Bezahlens in Zeiten von Corona zu tun – aber nicht nur. Das Café Oberstrasse in Zürich akzeptiert etwa schon seit 2018 kein Bargeld mehr.

Es geht nicht nur um Hygiene

Die Betreiber von Gerolds Garten haben mit dem Bargeldverzicht so gute Erfahrungen gemacht, dass sie das Konzept auch auf ihren zweiten Popup-Standort «Guggach’s Gärtli» ausgedehnt haben. Das habe einerseits hygienische Gründe, sagt Sprecherin Katja Weber. «Wir versuchen, möglichst wenig Kontaktpunkte mit Material von Gästen zu schaffen.» Das sei mit kontaktloser Kartenzahlung am einfachsten umzusetzen. Laut aktuellen Zahlen von Concardis werden mittlerweile drei Viertel der Kreditkartenzahlungen kontaktlos abgewickelt, seit sechs Jahren bieten Banken diese Möglichkeit auch für Debitkarten an.

Weber sagt, das Handling mit der Karte sei auch für die Gäste schneller und wesentlich hygienischer. «Es geht aber nicht nur um die Hygiene: Auch die Sicherheit der Mitarbeitenden und der verantwortlichen Personen spielt eine grosse Rolle.»

Erstellen Firmen Profile?

Fast jeder habe eine Karte dabei, sagt Weber. «Die Gäste nehmen die Umstellung mehrheitlich positiv auf.» Der Anteil der Kartenzahlungen habe bereits vor der Krise etwa 70 Prozent betragen. In der momentanen Situation müsse man sein Verhalten sowieso an vielen Stellen umstellen: «Die Menschen sind offener, das merken wir auch an uns selbst.»

Bitte kein Bargeld: Im «Guggach's Gärtli» sind Münzen und Noten verpönt.

Bitte kein Bargeld: Im «Guggach's Gärtli» sind Münzen und Noten verpönt.

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Nicht alle begrüssen die bargeldlose Zukunft. Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring schreibt in seinem Buch «Die Abschaffung des Bargelds und ihre Folgen» von einem «Krieg gegen das Bargeld» und warnt vor den Überwachungsmöglichkeiten. Zudem lege die Entwicklung hin zu Kartenzahlungen viel Macht in die Hände von Kreditkartenfirmen, die in den USA beheimatet seien und Zahlungen unterbinden könnten, warnte er in einem Interview mit dem «Deutschlandfunk».

Nationalrat will Bargeld-Gesetz

Solche Bedenken haben auch die Schweizer Politik erreicht. SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor hat in einer Motion den Bundesrat aufgefordert, das Recht auf Barzahlung zu stärken. Bei der bestehenden Annahmepflicht für Münzen und Noten handelt es sich um dispositives Recht. Firmen, die keine Barzahlung akzeptieren, können dafür nicht belangt werden.

Das will Addor ändern. «Karten-Transaktionen werden nämlich aufgezeichnet und die Daten werden unter zumindest undurchsichtigen Umständen gespeichert», schreibt er in seiner Motion. Er befürchtet eine «immer umfassendere Kontrolle des Staates» und sieht «offensichtliche Risiken der unbegrenzten Rückverfolgung und Profilerstellung». Der Bundesrat hat kein Gehör für das Begehren: Es sei weiterhin zweckmässig, die Wahl des Zahlungsmittels der freien Wahl der Haushalte und Unternehmen zu überlassen. «Es gibt keine überzeugenden Gründe, diese Vertragsfreiheit einzuschränken», heisst es in der diese Woche veröffentlichten Antwort.

Bargeld-Anteil sinkt

Der Trend zur Kartenzahlung ist unübersehbar. Gemessen am Volumen hatten Kredit- und Debitkarten Ende 2019 einen Anteil von 49 Prozent, das Bargeld kam noch auf 23 Prozent. Das zeigt der am Donnerstag veröffentlichte «Swiss Payment Monitor» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Bei der Anzahl der Transaktionen schwang Bargeld mit 45 Prozent zwar noch obenauf, doch dieser Anteil sank innerhalb eines Jahres um 3 Prozentpunkte.

Die Coronakrise beschleunigt diese Entwicklung. Martin Brown, der an der Universität St. Gallen zum Thema forscht, beobachtet einerseits eine Änderung des Zahlungsverhaltens. Wo Kunden vor dem Lockdown Bargeld genutzt hätten, griffen sie heute vermehrt zur Karte. Andererseits gäben sie an Orten, an denen sie immer schon mit Karte bezahlt hätten, heute mehr Geld aus – etwa durch grössere Einkäufe im Supermarkt.

Volumen stieg um fast 30 Prozent

Brown hat ein Monitoring aufgebaut, das die Zahl der Kartentransaktionen und die Abhebungen von Bargeld an Automaten aufzeigt. Über die letzten vier Wochen betrachtet stieg das Volumen der Transaktionen mit Debitkarten im Vergleich zur Vorjahresperiode in Hotels und Restaurants um 50 Prozent. Über alle Kategorien resultierte eine Zunahme von 27 Prozent (siehe Grafik).

Bei den Abhebungen von Bargeld an Bankomaten zeigt sich hingegen ein gegenteiliges Bild. Werden die ersten acht Wochen des Jahres mit den vergangenen acht Wochen verglichen, zeigt sich ein Minus der Anzahl Abhebungen von 14 Prozent. Das Volumen aller Gelder, die an Bankomaten abgehoben wurden, sank um 7 Prozent. Das lässt sich damit erklären, dass Menschen zwar seltener an Bankomaten Geld abheben, dafür aber grössere Summen.

«Bargeld-Logistik fällt weg»

Für Verkäufer sei weder das Bargeld noch die Kartenzahlung wesentlich günstiger, sagt Katja Weber vom Gerolds Garten. «Die Abwicklung mit der EC- oder Kreditkarte ist schneller als mit Bargeld. Die ganze Logistik mit dem Bargeld fällt im Hintergrund weg, was nicht unbeträchtlich ist.» Dafür seien die Kosten der Geräte und die Kommissionen bei Kartenzahlung nicht unerheblich. «Am Ende gleicht es sich wohl aus.»

Die Gäste im Guggach’s Gärtli stören sich an diesem Mittwochabend nicht daran, dass sie nicht mit Münzen und Noten bezahlen können. Selbstverständlich zücken sie ihre Karten und halten sie an die Terminals, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Nur einmal läuft ein Kunde beim Glacé-Stand auf: Er hat nur Bargeld dabei. Auf die Abkühlung muss er trotzdem nicht verzichten. Die Verkäuferin behilft sich mit dem Griff ins Trinkgeld-Kässeli.

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