BAUEN: Boom bringt neue Probleme

Jeder vierte Neubau ist mittlerweile ein Minergie-Haus. Bis 2022 soll die Bauweise nationaler Standard sein. Nun sorgt sich ihr Erfinder um die Qualitätssicherung.

Hans-Peter Hoeren
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Das Gebäude Eisenburg in Siebnen ist eine der zahlreichen Neubauten nach Minergie-Standard. (Bild: PD)

Das Gebäude Eisenburg in Siebnen ist eine der zahlreichen Neubauten nach Minergie-Standard. (Bild: PD)

Eigentlich könnte sich Ruedi Kriesi (60) zurücklehnen. In den 1990er-Jahren wurden die von ihm mitentwickelten Minergiehäuser noch als Exoten belächelt, mittlerweile haben sie den Durchbruch geschafft. Jeder vierte Neubau in der Schweiz wird nach diesem Standard gebaut, das entspricht fast 25 000 Neubauten in der Schweiz. Ab 2020 soll nach dem heutigen Stand der politischen Diskussion jeder Neubau in der Schweiz nur noch so viel Energie verbrauchen wie ein klassisches Minergie-Haus. Das heisst 3 bis 4 Liter Heizöl pro Quadratmeter im Jahr.

Drei Elemente garantieren Minergie

Erreicht wird das durch drei zentrale Elemente: Eine dichte und gut gedämmte Gebäudehülle sorgt für geringe Wärmeverluste. Hinzu kommen eine automatisch steuerbare Lüftung mit Wärmerückgewinnung für gute Luftqualität und eine umweltfreundliche Heizung (siehe Box). Zum Vergleich: Viele ältere Häuser verbrauchen aktuell 20 Liter pro Quadratmeter und mehr.

Am Ziel ist Kriesi, der Ingenieur und Strategieleiter des Vereins Minergie, aber trotz seines Erfolgs noch nicht. Das sieht man aktuell auch auf der Homepage des Vereins. «Die populärsten Unwahrheiten über Minergie», titelt ein prominent platziertes vierseitiges Dokument, in dem Kriesi sich mit gängigen Vorbehalten an dem Standard auseinandersetzt. Für Schlagzeilen sorgte im Dezember 2012 die Kritik rund um das 82 Millionen Franken teure Minergie-Haus des Obergerichts Zürich. Die vorgeschriebene Lüftung führe zu einer zu trockenen Luft, die Raumtemperatur sei zu hoch, so lautete der Vorwurf. «Tatsächlich war es Anfang Dezember sehr kalt, womit grundsätzlich alle Bürohäuser ohne Befeuchtungseinrichtung zu trockene Luft hatten», sagt Ruedi Kriesi. Zudem seien die Raumtemperaturen in dem Gebäude mit 24 Grad zu hoch und die Luftmengen zu gross gewesen. «Das hängt damit zusammen, dass die Einregulierung der Anlagen zu wenig sorgfältig gemacht wurde», stellt der Energiepionier klar. Die Kritik habe viele Leute verunsichert. «Dabei wurden hier generelle Probleme der Baubranche auf das Label Minergie abgeschoben», sagt er. Die Baubranche laufe auf Hochkonjunktur, die Fachleute seien oft am Anschlag. «Die Preise sind nicht gut, es wird mit zahlreichen Subunternehmern gearbeitet. Das führt dazu, dass die Bauten oft generell mehr mängelbehaftet sind», betont Kriesi.

Auflagen zur Qualitätssicherung

Als Folge des heute schon hohen Marktanteils zertifizierter Minergie-Bauten seien die Stimmen der unzufriedenen Nutzer mittlerweile unüberhörbar geworden. Wenn ab 2020 «jedes Haus technisch wie ein Minergie-Haus gebaut sein muss», ist für den Energiepionier die Mission deshalb nicht erfüllt, sondern er sieht für Minergie eine neue Aufgabe. «Dieser Schritt wird unweigerlich zu grösseren Qualitätsproblemen in der Bauindustrie führen», sagt Kriesi.

Neue Auflagen sollen helfen

Künftig will der Verein Minergie die Bauindustrie deshalb mit neuen Auflagen zu einer besseren Qualitätssicherung verpflichten. Dies soll unter anderem über zusätzliche Protokoll- und Dokumentationspflichten für die verantwortlichen Bauunternehmen und Installateure gegenüber dem Bauherren erreicht werden. Die Auflagen sollen Teil des Zertifizierungsprozesses werden. So soll dokumentiert werden, dass ein Installateur einen Nutzer in die richtige Bedienungsweise der Heizung und Lüftung eingewiesen hat. Mangelhafte Inbetriebsetzung sei eine gängige Ursache für Betriebsprobleme, sagt Kriesi.

Es braucht Anreize bei Renovationen

Viel Potenzial für den Minergie-Standard sieht Ruedi Kriesi künftig bei Modernisierungen. Wenn die Schweiz die Energiewende schaffen will, muss sie den Energieverbrauch drosseln. Die Hälfte des gesamten Energieverbrauchs entfällt auf Warmwasser und Heizung. Aber nur rund 10 Prozent der Minergie-Gebäude sind sanierte alte Häuser.

«Ein tieferer Energieverbrauch wird hier nicht als Anreiz reichen. Ein Hausbesitzer lässt sich eher zu einer Sanierung motivieren, wenn sich dadurch der Gebäudewert und die Verkaufschancen steigern lassen», ist Kriesi überzeugt. Entscheidend könne ein langfristiges Konzept sein, das kleine Sanierungsschritte über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zulasse. Das könne auch für die Steueroptimierung wichtig sein.